Münsteraner erlebte das DDR-Unrechtssystem Burkhard Seeberg berichtet in Hagen über ein Leben wie im Film

Burkhard Seeberg berichtet über ein Leben wie im Film: Seine Liebe zu einer Rostockerin, die versuchte Flucht aus der DDR und der Aufenthalt im Stasi-Gefängnis. Foto: Claudia SarrazinBurkhard Seeberg berichtet über ein Leben wie im Film: Seine Liebe zu einer Rostockerin, die versuchte Flucht aus der DDR und der Aufenthalt im Stasi-Gefängnis. Foto: Claudia Sarrazin

Hagen. Zu einer Reise in die Vergangenheit und in eine für sie fremde Welt lud der Zeitzeuge Burkhard Seeberg Schüler der Oberschule in Hagen am Montag ein. Der Münsteraner berichtete, wie er sich in eine junge Frau aus der DDR verliebte und im Stasi-Gefängnis landete.

Es war ein bisschen wie im Film: Junger, westdeutscher Student, politisch engagiert und damals Mitglied der Deutsche Kommunistische Partei (DKP) fuhr 1973 zu den „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ nach Ost-Berlin, verliebte sich in eine junge Rostockerin und versuchte über die innerdeutsche Grenze diese Liebe zu leben.  

Ganz altmodisch Liebesbriefe schreiben

Für heutige Jugendliche, die sich nur ungerne vom Smartphone trennen, fast unverständlich: Telefonieren ging nicht. „Privatleute warteten fünf bis elf Jahre auf einen Festnetzanschluss“, erklärte Seeberg. Durch die Reihen der Oberschüler ging ein erstauntes Murmeln. Dann setzte Seeberg noch einen drauf: Da es nur 22 handvermittelte Telefonleitungen von West-Berlin in die DDR gab, mussten Anrufe angemeldet werden. „Danach hat es ein bis zwei Stunden gedauert, bis die Leitung stand“, so der Zeitzeuge, der seine Freundin manchmal während ihres Wochenenddienstes in einer Apotheke anrief. Die jungen Liebenden schrieben also  Briefe – die von beiden Seiten der Grenze von Verfassungsschützern mitgelesen wurden.

Zudem nutzte Seeberg die 30 Tage, die er als Westler pro Jahr mit Visum in die DDR einreisen konnte, voll aus. Hinzu kamen Tagesbesuche in Ost-Berlin, die zusätzlich möglich waren. Wäre seine Geschichte ein Liebesfilm, hätte er viele schön in Szene gesetzte, schmerzvolle Abschiede.

Umzug in die DDR oder Flucht

Im realen Leben wollten Seeberg und seine spätere Frau keine Fernbeziehung mehr führen. Es gab nur zwei Möglichkeiten: „Ich hätte freiwillig in die DDR ziehen können, aber so verblendet war ich auch nicht“, so Seeberg. Eine Flucht aus der DDR war die andere Möglichkeit.

Neue Frisur für einen falschen Pass

Der erste Part war einfacher als gedacht. Im Film hätte die Kamera aufgenommen, wie eine Bekannte Seebergs beim Friseur war. Sie versuchte mittels leicht veränderter Frisur, dem Passfoto von Seebergs Freundin so ähnlich wie möglich zu sehen. Dann ging sie zum Einwohnermeldeamt und beantragte einen neuen Pass. „Das hat ganz gut geklappt und mich nur zehn Mark für den Pass und das Geld für den Friseur gekostet“, freute sich Seeberg. Doch ein neuer Pass wäre zu auffällig gewesen.

Der Grafiker macht einen Fehler

Aus dem Liebesfilm wurde immer mehr ein Krimi: Ein Grafiker, den Seeberg aufgetan hatte, versah den Pass mit „alten Einreisestempeln“. Die Herausforderung dabei: „Die DDR wechselte regelmäßig die Stempelfarben und Stempelformen – deshalb sind wir auch erwischt worden“, berichtete der Münsteraner: „Ein Stempel passte nicht.“ Als er mit seiner Freundin über Ungarn Richtung Westen ausreisen wollte, flogen die beiden auf und wurden von den Ungarn nach Ost-Berlin „zurück geschickt“. Dabei galt für Seeberg:

„Ich war nie DDR-Bürger.“

Auf dem Weg nach Ost-Berlin wurde das junge Paar von zwölf Stasi-Offizieren beschattet, las Seeberg später in seinen Stasi-Unterlagen. Dort befand sich auch ein Dankesschreiben von Erich Milke, Minister für Staatssicherheit in der DDR, an die Ungarn und eine Information über den gesamten Vorgang an den russischen Geheimdienst KGB. „Den KGB kannte ich nur aus Filmen“, erzählte Seeberg und wunderte sich noch heute darüber, dass er und seine Freundin „als Jugendliche mit ihrem Fluchtversuch so eine große Welle gemacht hatten“. 

Die Stasi, ihre Mitarbeiter und IMs

Den jungen Hagenern gab Seeberg auch einen Schnellkurs in Sachen Diktatur, Stasi und deren Informellen Mitarbeitern :
  • Auf 16,5 Millionen Einwohner kamen in der DDR 90.000 Stasi-Mitarbeiter .
  • Zum Vergleich: In der NS-Zeit kamen auf 80 Millionen Deutsche, 8500 Gestapoleute.
  • Zusätzlich zu den offiziellen Stasimitarbeitern arbeiteten 150.000 bis 170.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM) für die Stasi.
 „Das war das Schlimmste, bei den offiziellen Stasi-Mitarbeitern konnte man es ja noch ahnen“, so Seeberg, auf den auch ein IM angesetzt war. Sein Deckname lautete Sturm, und er interessierte sich unter anderem für Freunde und Professoren von Seeberg, die als Physiker mit dem Forschungszentrum Jülich zu tun hatten. „Ich habe mehr oder weniger freiwillig aus dem Studentenleben und von der Uni Münster erzählt“, so Seeberg rückblickend.
Zudem gab es nicht nur im Osten IMs. Historiker schätzen laut Seeberg, dass es nach dem Mauerfall im Westen rund 2.200 IMs gab, die freiwillig die Stasi unterstützten. In Münster sei dies gut dokumentiert worden, so der Münsteraner: Dort gab es 16 inoffizielle Stasimitarbeiter in der Stadtverwaltung und der Uni.

Das, was als Liebesfilm begann, wurde nun zum nervenaufreibenden Thriller. Seeberg und seine spätere Frau landeten im Stasigefängnis Hohenschönhausen. Das lag gut versteckt in einem Stasi-Sperrbezirk. Selbst DDR-Bürger wussten nichts davon, zur Verhandlung oder zu Treffen mit Anwälten oder Familienmitgliedern wurden die Insassen in als Lieferwagen getarnten Gefängniswagen in andere Gefängnisse gefahren. Bevor es losging, gab es allerdings eine körperliche Untersuchung. Die war so erniedrigend, dass Seeberg seinen Eltern sagte: „Kommt mich bloß nicht wieder besuchen.“  

Dauerüberwachung und kein Stück Himmel

Der Wessi im Stasi-Gefängnis saß in Einzelhaft – ohne Blick auf den Himmel. Denn statt eines Fensters hatte sein Zelle Glasbausteine: „Die waren schlimm, nie sah man was Grünes oder den Himmel“, so Seeberg, der wie die anderen Gefangenen alle fünf bis zehn Minuten von den Schließern mittels Blick in die Zelle kontrolliert wurde. Nachts leuchteten die Schließer aufs Bett und prüften, ob die Gefangenen ordnungsgemäß schliefen: Auf dem Rücken liegend, die Hände über der Decke. „Wer sich im Schlaf umgedreht hatte, wurde durch ein Hämmern an die Tür geweckt“, berichtete Seeberg, der natürlich auch stundenlang von der Stasi vernommen wurde.

Menschenhandel und Republikflucht

Wie zu erwarten wurden Seeberg und seine Freundin beide verurteilt: Er erhielt wegen „versuchten Menschenhandels“ drei Jahre Haft, und seine Freundin kam wegen Republikflucht ins Gefängnis. Beide wurden nach Bautzen verlegt. Was Seeburg noch heute erzürnte: Der Staat, der mir Menschenhandel vorgeworfen hat, hat mich im September 1980 für 70.000 Mark an die Bundesrpublik verkauft – ohne mich vorher zu fragen. Er hat mich verschachert.“

Von guten und schlechten Schleusern

Nach Bautzen kam Seeberg wiedereinmal filmtauglich als „Frischfisch“ getarnt im "Lieferwagen". Und dort saß er mit „echten“ Schleusern ein. Damals habe eine Republikflucht zwischen 35.000 und 50.000 West-Mark gekostet, wobei die Schleuser selbst nicht viel verdient hätten, wusste Seeberg. „Einer von denen ist später in der Bundesrepublik mit einem Orden ausgezeichnet worden, so unterschiedlich wird die gleiche Tätigkeit im Laufe der Zeit bewertet“, regte Seeberg mit Blick auf die aktuellen Diskussionen um Flüchtlinge und Schleuserbanden zum Nachdenken an.

Foto: Claudia Sarrazin


Wie im Agentenfilm

Für ihn selbst und seine Frau ging die Geschichte gut aus. Beide wurden von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Über seine Fahrt aus der DDR sagte Seeberg: „Das war wie im Agentenfilm.“ Der Bus in dem er saß, hielt am Grenzübergang: „Zwei Mann sprangen raus, nahmen die Ost-Berliner Kennzeichen ab. 200 Meter später stieg ein anderer Busfahrer ein, und es wurden Gießener Kennzeichen anmontiert. Dann ging es weiter.“ 

Happy End in Münster

Seebergs spätere Frau war zu diesem Zeitpunkt schon in Münster, die beiden heirateten  – im Film wäre nun das „Happy End“ eingeblendet worden.


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