Erinnerungsstätte contra Naturschutz Hagener Hospizverein stellt Ideen für „Garten der Erinnerung“ vor

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Der Naturbereich hinter dem Waldfriedhof am Jägerberg mit der auf den Stock gesetzten Hecke. Die Fläche ist ein möglicher Standort für einen „Garten der Erinnerung“. Foto: WestdörpDer Naturbereich hinter dem Waldfriedhof am Jägerberg mit der auf den Stock gesetzten Hecke. Die Fläche ist ein möglicher Standort für einen „Garten der Erinnerung“. Foto: Westdörp

Hagen Normalerweise finden Sitzungen des Friedhofsausschusses in der Kirschgemeinde wenig öffentliches Interesse. Das ist diese Woche anders gewesen: Denn durch die Pläne des Hospizvereins für einen „Garten der Erinnerung“ am Waldfriedhof sehen lokale Naturfreunde einen aus ihrer Sicht in Hagen einmaligen „Hotspot der Artenvielfalt“ in Gefahr.

Mit so viel Emotionen und Schärfe ist in den vergangenen Jahren selten in Hagener Ratsgremien diskutiert worden. Dabei geht es bislang zunächst um Ideen für das Anlegen einer Begegnungsstätte in unmittelbarer Friedhofsnähe, wo Menschen die Möglichkeit haben, in der Natur Abstand zum Alltag zu finden, sich auf Dinge zu besinnen und ins Gespräch zu kommen. Vor rund zehn Bürgern, darunter zwei Kritiker der Pläne, die den Sitzungsverlauf verfolgtem, entwickelte sich eine äußerst kontroverse Diskussion.

Prominente Befürworter und Gegner

Die Position der Kritiker: Für die Gegner des Vorhabens stellt sich die Frage, ob der 2012 gegründete Hospizverein, der eine „Garten der Erinnerung“-Anlage im Grünen mit Rundweg, Treppen, Skulpturen und einem Labyrinth plant, hier nicht eine dafür ungeeignete Fläche in den Blick genommen hat. Auf beiden Seiten sind bekannte Hagener aktiv: Beim Hospizverein zum Beispiel der frühere Gemeindedirektor Winfried Karthaus, und bei den Naturschützern unter anderem Heimatforscher Rainer Rottmann.

Die beiden Contra-Vertreter haben gleich in der Einwohnerfragestunde zu Beginn der Sitzung ihre kritische Position zu dem Vorhaben des Hospizvereins deutlich gemacht – und das mit heftigen Worten: Das scheinbar unverfänglich lautende Thema berge „Material für einen umweltpolitischen Skandal“, erklärte Rottmann, der seine auf zwei Seiten zusammengefassten Bedenken gegen das Projekt stellenweise wie eine Anklageschrift zu Gehör brachte.

Die Vorwürfe haben es in sich: Es drohe, dass hier „ohne Not mutwillig eins der der wenigen noch halbwegs intakten Biotope in Hagen“ zerstört werde, ist in den Raum gestellt worden. Außerdem vermutet der Heimatforscher, dass es „nur noch um das Wie und nicht mehr um das Ob“ einer Garten-Anlage an der Stelle geht.

Seine Vermutung: Durch das am Tag vor der Ausschusssitzung erfolgte „auf den Stock setzen“ einer freiwachsenden Hecke an der Böschung zum Friedhofsgelände – einen Vorgang, den er als „abholzen“ bezeichnete – sollten Fakten geschaffen werden.

Dabei seien Hospizverein und Verwaltung im Vorfeld auf die „fatalen Folgen“ der drohenden Zerstörung des Biotops hingewiesen worden. So gebe es dank der seltenen Kombination von Hecke, naturbelassener Wiese sowie Bachlauf und Tümpel in dem Bereich zum Teil seltene Vogelarten oder zum Beispiel Waldeidechsen oder den vom Aussterben bedrohten Feuersalamander.

Gausmann über „verbale Schärfe“ verwundert

Der Abwägungsprozess: Bürgermeister Peter Gausmann nahm anschließend zu den Ausführungen sowie den von Rottmann aufgeworfenen Fragen Stellung. Zunächst zeigte er sich aber über die „verbale Schärfe“ verwundert, die zuvor in die Diskussion gebracht worden war: „Das ist heute das erste Mal, dass sich der Ausschuss überhaupt mit dem Thema befasst. Wir sind erst ganz am Anfang eines Abwägungsprozesses – nicht am Ende.“

Es handele sich bei dem Bereich, der vom Hospizverein für einen „Garten der Erinnerung“ favorisiert werde, auch nicht um eine Ausgleichsfläche im Sinne des Naturschutzes. Natürlich sei die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises bereits im Vorfeld in die Überlegungen einbezogen worden. Gausmann: „Wir werden jetzt eine gutachterliche Stellungnahme zu den hier vorhandenen Tier- und Pflanzenarten einholen und dabei den gesamten Bereich betrachten.“

Außerdem stellte er klar: „Dass auf den Stock setzen der Hecke, hat nichts mit den Plänen des Hospizvereins und der heutigen Sitzung zu tun, sondern ist eine Maßnahme, die alle paar Jahre vom Bauhof vorgenommen wird.“ Zuletzt sei dies aber nicht in der eigentlich turnusmäßigen Abfolge erfolgt.

Karthaus: Intensive Gespräche

Auch Hospizvereins-Sprecher Winfried Karthaus wies den Vorwurf zurück, dass hier auf die Natur keine Rücksicht genommen werde: „Wir haben mit dem Vorsitzenden des Vereins AG Natur und Umwelt, Andreas Hehmann, intensive Gespräche über die Pläne geführt und auch zweimal mit Herrn Rottmann Kontakt gehabt, hier aber kein Gehör gefunden.“

Das Bestattungswesen habe sich in den vergangenen Jahren mit einer Dynamik verändert, die er so nicht erwartet hätte, erklärte Karthaus. Auf diese Entwicklung wolle der Hospizverein mit dem Garten-Projekt reagieren und habe eine geeignete Fläche für ein solches Projekt gesucht. Ergebnis seien die vorliegenden, von Studenten der Abteilung Freiraumplanung der Hochschule Osnabrück erstellten drei Entwürfe für das Gelände westlich der Kapelle am Waldfriedhof. Hier solle ein Ort der Ruhe und Geborgenheit, aber auch der Begegnung entstehen.

Fläche weiter offen: Es gab am Ende von der Mehrzahl der anwesenden Bürger viel Zustimmung für die von Karthaus vorgestellten Varianten und Ideen. Hagens Bürgermeister bedankte sich anschließend für das Engagement des Hospizvereins, mit einem „Garten der Erinnerung“ hier Friedhof und Begegnungsstätte zusammen zu bringen und hält auch den Bereich grundsätzlich für geeignet: „Ich glaube aber, dass es möglich ist, einen Kompromiss zu finden, bei dem die Wildhecke nicht angetastet wird und der vorgesehene Rundweg nicht so weit in die Naturfläche hineinführt“, skizzierte er eine mögliche vierte Variante, mit der Eingriff in die Natur reduziert werden könnte.

Zunächst wird die Gemeinde jetzt aber ein Gutachten einholen und auch mit der Unteren Naturschutzbehörde noch einmal das Projekt abklären. Außerdem werden im Rathaus auch noch weiter Flächen-Alternativen geprüft. Bürgermeister Peter Gausmann: „Wir wollen den Entscheidungsprozess weiter offen halten.“


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