Im Tod dem Menschen nah Hagener Pfarrer über seine Auszeit im Jerusalemer Hospiz

Von Werner Barthel

Die Auszeit im Jerusalemer Hospiz war für Hermann Hülsmann eine menschliche Bereicherung und Stärkung des eigenen Glaubens. Foto: Hülsmann/privatDie Auszeit im Jerusalemer Hospiz war für Hermann Hülsmann eine menschliche Bereicherung und Stärkung des eigenen Glaubens. Foto: Hülsmann/privat

Hagen. Auf Einladung des Hagener Hospizvereins erzählte Pfarrer Hermann Hülsmann von seinen Erfahrungen, die er während eines sechsmonatigen Aufenthalts im St. Louis French Hospital in Jerusalem, einem Hospiz- und Pflegeheim, gemacht hat.

Rund 80 Zuhörer im Pfarrsaal unter der Kirche lernten dabei einen Ort kennen, der Kranken und Sterbenden, gleich welcher Religion, fernab aller politischen und religiösen Spannungen Frieden und Geborgenheit bietet. So nutzen die von einem französischen Schwesternorden geleitete Einrichtung sowohl Juden, Christen als auch Moslems.

Mit alten Aufgaben abschließen

„Jerusalem ist schon lange einer meiner Sehnsuchtsorte gewesen“, erklärte Hülsmann gleich zu Beginn der Veranstaltung, „außerdem brauchte ich diese Auszeit, um von alten Aufgaben wirklich Abschied nehmen zu können, um dann mit ganzer Kraft neu anzufangen.“ Dabei wollte er ganz nah an den Menschen.

Gemeinsam mit 30 anderen Volontären aus aller Herren Länder, acht Ärzten und einigen Schwestern verrichtete er tagein tagaus, rund um die Uhr, alle Aufgaben, die bei der Pflege alter und sterbender Patienten anfallen.

Unter ihnen waren überwiegend Juden, ein Drittel bekannte sich zum Christentum, und fünf Prozent waren Moslems. Offiziell galt Englisch als Amtssprache. „Viele unter den Juden konnten sich aber auch auf Deutsch verständigen, bei den arabisch oder hebräisch sprechenden Patienten halfen häufig genug Hände und Füße, um eine erforderliche Maßnahme zu erklären.“

Totale Hingabe

Das im 19. Jahrhundert errichtete Gebäude ist genau auf der Grenze von Jerusalems Alt- und Neustadt errichtet worden. Es gibt drei verschiedene Stationen. Hülsmann: „In der ersten pflegten wir Alte, die auf unsere Hilfe angewiesen waren. Fütterten und wuschen sie, nahmen uns ein wenig Zeit und schenkten ihnen unsere gesamte Aufmerksamkeit.“ In dieser gelebten totalen Hingabe sieht Hülsmann auch den Hauptgrund, warum sich so viele Bewohner Jerusalems um Aufnahme in diese Einrichtung bemühen.

Die zweite Station war den Wachkomapatienten vorbehalten. „Das war wohl die anstrengendste Arbeit überhaupt“, meint Pfarrer Hülsmann, „weil die Kranken weder zu Reaktionen noch Rückmeldungen in der Lage waren.“ Herrschten auf diesen zwei Ebenen strenge Regeln, die eingehalten werden mussten, galt in der dritten Station nur ein Gebot: Den Sterbenden den Zeitraum bis zu ihrem Tod so angenehm wie möglich zu machen. Hülsmann: „Das waren berührende und bleibende Eindrücke, wenn du dich abends noch um einen Sterbenden bemüht hast, und am nächsten Morgen ist er nicht mehr da.“

Kein trauriger Ort

Obwohl der Tod ständiger Begleiter war, empfand Pfarrer Hülsmann das Heim nie als traurig. „Das lag in erster Linie an den vielen jungen Helfern, die ihre ganze Kraft auf die Zuwendung für die Patienten verwanden. Kein Tag glich dem anderen. „Diese ständigen Herausforderungen waren nur zu bewältigen, wenn man in der kargen Freizeit bewusst innehielt, Abstand gewann, um in der Rückbesinnung auf seinen eigenen Glauben wieder aufzutanken.“

Konfrontiert wurde Hülsmann auch immer wieder mit der unterschiedlichen Einstellung beispielsweise von Juden zum Tod. Sie glauben wie die Christen an ein Weiterleben im Jenseits, kennen auch eine Art Beichte, aber dürfen zum Beispiel keinen Toten anschauen oder ihn gar berühren. Nach einer rituellen Waschung muss ein Verstorbener sofort beerdigt werden. Einen Sarg kennt man nicht.

Das Grab bleibt solange bestehen, wie der Friedhof existiert und wird nicht nach einer festgelegten Jahresfrist anderweitig vergeben. Allen Religionen gemeinsam ist die Fürsorge sterbender Angehöriger. Pfarrer Hülsmann hat täglich erleben dürfen, dass es vor allem anderen darum geht, Leben zu erhalten und Leiden zu mindern.


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