Der Liebe wegen in den Stasi-Knast Hagener Oberschüler lernen von Zeitzeugen

Von Robert Schäfer


Hagen. In der Oberschule Hagen berichtete am Montagmorgen Burkhard Seeberg über seine Haftzeit im berüchtigten Stasigefängnis. Der Münsteraner war in die Fänge der DDR geraten, als er in den späten 1970er Jahren versuchte, seine Freundin in den Westen zu schmuggeln.

Lernen kann man am besten aus erster Hand. Zeitzeugen spielen dabei eine wichtige Rolle. Ihre Geschichten machen abstrakten Lehrstoff erfahrbar. Ein Beispiel ist das Leben von Burkhard Seeberg, das am 14. August 1979 eine extreme Wendung nahm, die ihm 13 Monate in Stasi-Haft einbrachte. Weil er mit der Frau, die er liebte, zusammenleben wollte, wurde er in den Augen des DDR-Regimes zum Verbrecher. Am Montagmorgen berichtete Seeberg Schülern der 10. Klasse der Oberschule Hagen von seinen Erlebnissen. Die Schüler besuchen demnächst im Rahmen einer Klassenfahrt nach Berlin die Haftanstalt. Trotz Hitze und stickiger Luft verfolgten die Schüler gebannt, was ihnen der Zeitzeuge zu berichten hatte.

Keine Briefgeheimnisse

Seeberg selbst war kein DDR-Bürger. Allerdings hatte er eine enge Verbindung zum „anderen“ Deutschland. Der Münsteraner war schon in seiner Schulzeit politisch aktiv und 1970 in die DKP eingetreten – eine Entscheidung, die er später nach seinen Erlebnissen im real existierenden Sozialismus revidierte. 1973 war er in Ostberlin zu den Weltfestspielen der Jugend. Dort lernte er auch seine spätere Frau kennen. Per Brief hielten die beiden Kontakt. „Eine Woche bis zehn Tage dauerte das damals pro Brief“, berichtete er. Trotz Eilbrief. Gelesen wurden die Briefe sowohl auf DDR-Seite als auch vom Bundesnachrichtendienst. Später besuchte Seeberg seine Freundin regelmäßig in der DDR. Gemeinsame Urlaube im Ostblock folgten. 1979 hatte Seeberg wegen seiner regelmäßigen Reisen sogar mehrere gültige Reisepässe. Immerhin füllten die Visa-Formalitäten für die DDR jedes Mal zwei Seiten des Passes.

Gemeinsames Leben in DDR unvorstellbar

Bereits bei den ersten Grenzübertritten bei Lübeck hatte er schlechte Erfahrungen mit dem System der DDR. Stacheldraht und intensive Kontrollen schockierten ihn, besonders weil er meist der einzige Junge Mensch im Interzonenzug war. Zeitschriften, Bücher oder Tonträger waren beispielsweise grundsätzlich verboten. Die Überprüfungen wurden auch später mit dem Auto nicht besser. Seine ersten Eindrücke der DDR seien der Geruch nach Schwefel und die schlechte Bausubstanz gewesen. Ein gemeinsames Leben sei dort nicht denkbar gewesen. Seeberg wollte seine Freundin in den Westen bringen.

Dokumentefälschung fliegt auf

1979 wurden die beiden bei einem Fluchtversuch festgenommen. Ein Ausreiseantrag hätte keinen Erfolg gehabt und auch die Flucht über die innerdeutsche Grenze wäre nicht möglich gewesen“, meint Seeberg. Daher habe er in Münster einen Pass mit dem Foto seiner Freundin erstellen lassen. Ein Grafiker sorgte dann für die nötigen Stempel, um das Dokument plausibel zu machen. Leider war hier eine Farbe falsch. Es folgte die Festnahme am Flughafen Budapest und die Auslieferung an die DDR. Strenge Verhöre durch die Stasi folgten. Letztendlich landeten beide im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Hohenschönhausen war bis zum Ende der DDR ein Sperrbezirk der Stasi. Zum Kontakt mit der Familie, dem Verteidiger oder den Diplomaten der Ständigen Vertretung wurde er sogar in ein anderes Gefängnis gebracht. Zuvor jedoch wurden alle Häftlinge einer demütigenden Leibesvisitation unterzogen.

Bewachung rund um die Uhr

Siebeneinhalb Wochen saß Seeberg zunächst in strenger Einzelhaft. Die Liege der winzigen Zelle durfte er tagsüber nicht benutzen, lesen war verboten, alle fünf bis zehn Minuten kam ein Bewacher – auch nachts. Da wundert es nicht, dass in den Jahren des Stasi-Terrors 476 Menschen versuchten, sich in der Haft selbst zu töten. „Allerdings sind nur zwei erfolgreiche Versuche bekanntgeworden“, sagt Seeberg. Für ihn war diese Leidenszeit mit der Verlegung in eine Zweier-Zelle vorbei. Hier durfte er dann auch wieder lesen.

Wer handelt hier mit Menschen?

Im November 1979 kam es dann zur Gerichtsverhandlung in Frankfurt/Oder. Seeberg wurde zu drei Jahren Haft wegen versuchten Menschenschmuggels, seine Freundin zu zwei Jahren und zwei Monaten wegen Republikflucht verurteilt. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt Bautzen II kam Seeberg jedoch frei. Die Bundesrepublik hatte ihn und seine Freundin für jeweils 70000 DM freigekauft. „Und mir haben sie Menschenhandel vorgeworfen“, zeigte Seeberg die Perversion des Systems auf. Wütend macht ihn bis heute, dass der Staatsanwalt, der ihn damals angeklagt hatte, später in der BRD als Richter in den Staatsdienst übernommen wurde.

Persönliche Bewacher

Nach der Wende hat Seeberg Einblick in seine Stasi-Akten erhalten. Dabei musste er feststellen, dass er bereits vor seiner Festnahme in das Visier der Staatssicherheit geraten war. Mit dem IM „Sturm“ hatte er einen eigenen Bewacher bekommen. Der brachte ihn ohne sein Wissen mit acht weiteren Stasioffiziere in Kontakt. „Für die Stasi war ich wohl interessant, weil ich als Mathematiker auch Kontakte zu Kernphysikern hatte“, vermutet Seeberg. Um den Schülern die Durchsetzung der Gesellschaft mit offiziellen und inoffiziellen Spitzeln klar zu machen brachte Seeberg ein einfaches Beispiel: In Zeiten der DDR wären drei der fünf Lehrer und sicher auch einige Schüler im Raum inoffizielle Zuträger des Regimes gewesen. „In der Mangelwirtschaft der DDR war das Interesse an der Zusammenarbeit durchaus groß“, meinte der Zeitzeuge. Schließlich habe man auf einen Telefonanschluss oder ein Auto viele Jahre warten müssen.