Zwischen Frömmigkeit und „Teufelsbetrug“ Hagener Wallfahrtsgeschichten

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Geschichte gezeichnet: Über Wallfahrten und Prozessionen nach der Reformation berichtete der Historiker Hermann Queckenstedt. Foto: Stefan BuchholzGeschichte gezeichnet: Über Wallfahrten und Prozessionen nach der Reformation berichtete der Historiker Hermann Queckenstedt. Foto: Stefan Buchholz

Hagen. Wie entwickelten sich katholische Wallfahrten und Prozessionen in der Region nach der Reformation? Dieser Frage ging auf Einladung des Heimatvereins Hagen Hermann Queckenstedt in einem Vortrag nach.

Nach der Einführung der Reformation in den 1540/50er Jahren in Osnabrück und der Region sowie erst recht nach dem 30-jährigen Krieg beäugten Protestanten kritisch, wie sich die wandernde Glaubenspraxis bei den Katholiken zeigte. Aus Sicht „lutherischer Hardliner“, so der Historiker und Leiter des Diözesanmuseums, Hermann Queckenstedt, kultivierten Wallfahrten und Prozessionen das, womit die Reformation als gelebter, unverstellter Glauben hatte aufräumen wollen: Mit Ablass, Kollekte und krämerischem Kommerz.

Bedürfnisse des Volkes

Doch die reformatorischen Eiferer und späteren evangelischen Kirchenamtsfunktionäre hatten die Rechnung ohne die Bedürfnisse des Volkes gemacht. Westfalen, zu dem die Region an der Wende des Mittelalters und der Frühen Neuzeit gehörte, galt damals als Land der Wallfahrtsorte und Pilgerfahrten. Osnabrück, Lengerich, Rulle und Lage nebst St. Annen bei Melle waren Orte, die sich entweder durch Wunderereignisse oder durch Reliquienschätze zu „Kristallisationskernen volksfrommer Sehnsüchte“ mauserten.

Allen Versuchen zum Trotz: Wallfahrten bleiben

Als „Teufelsbetrug“ bewerteten das die Reformatoren. Konnten sie die wandelnde Glaubenspraxis schon nicht verbieten, so schränkten sie aus ihrer Sicht Auswüchse ein: Bischof von Waldeck untersagte das Mittreiben von Pferden und Hornvieh während der oft stundenlangen Bittgänge, berichtete Queckenstedt. In Rulle antworteten die Nonnen auf versuchte Disziplinierungen etwa mit einer Verlegung der Wallfahrt vom November in den Mai. Die angenehmeren Temperaturen beförderten die Teilnahme – und Umsätze von Budenbetreibern in der jahrmarktähnlichen Atmosphäre rund um die Kirche. Eindeutig gehörte für Queckenstedt auch die Förderung von Pilgerprozessionen zum Programm der Rekatholisierung. Gleich wie die lutherische Publizistik auch dagegen giftete, Wallfahrten blieben wichtiger Bestandteil im Glaubensalltag der Menschen.

Pilgerfahrt als Folklore und Demonstration

Das galt übrigens auch für die manchmal mitpilgernden Lutheraner: „Sie schätzten die traditionellen Umzüge in ihren besonderen örtlichen Ausprägungen“, so Queckenstedt. Blieben Wallfahrten zu Zeiten der Reformation und nach 1648 politische und geistliche Demonstrationen im fließenden Wechsel, so waren sie zur Zeit des Nationalsozialismus sichtbarer Widerspruch gegen dessen totalitären Machtanspruch, bilanzierte Queckenstedt die jahrhundertealte Geschichte der regionalen Prozessionen. Und: „Bis in die Gegenwart hinein, spiegeln die öffentlich beachteten Pilgerfahrten und Umzüge katholische Identität, fordern angesichts ihrer Auswüchse aber zugleich zu externer und interner Kritik heraus.“


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