Auf die Schattenseite gewechselt Hagener Ordensfrau über Missionsarbeit in Brasilien

Von Horst Troiza

Eine Hütte in einer der Kapellengemeinden, die Schwester M. Hildeburg (links) und ihre Ordensschwester M. Bernhardette besuchten. In der Mitte eine Dorfbewohnerin, die in dieser als Gebtsraum umfunktionierten Hütte als Katechetin tätig war. Foto: Thuiner FranziskanerinnenEine Hütte in einer der Kapellengemeinden, die Schwester M. Hildeburg (links) und ihre Ordensschwester M. Bernhardette besuchten. In der Mitte eine Dorfbewohnerin, die in dieser als Gebtsraum umfunktionierten Hütte als Katechetin tätig war. Foto: Thuiner Franziskanerinnen

Hagen. Ihr lebhafter Vortrag über ihre Missionsarbeit in Brasilien hat die Zuhörer begeistert und ihnen einen tiefen Einblick in das Leben im Amazonasgebiet gegeben: Schwester M. Hildeburg Averbeck, Angehörige des Franziskanerordens, war auf Einladung der Kolpingsfamilie von St. Martinus zu Gast im Pfarrheim.

Die Jahresauftaktveranstaltung der Kolpingfamilie hatte mit einem Gottesdienst begonnen. Im Anschluss trafen sich Gläubige im Pfarrheim unter der neuen Martinuskirche, wo der Themenabend „Reise in das Amazonasgebiet“ auf dem Programm stand. Hier konnte Gerd Holtkotten, Hagener Kolpingvorsitzender, Schwester M. Hildeburg begrüßen, die 40 Jahre lang im brasilianischen Bundesstaat Acre nahe der Grenze zu Peru tätig gewesen ist.

Kam von der Sonnenseite

Ihr gelang es, ein äußerst farbenreiches Bild der Missionstätigkeit und der sozialen Dienste in dieser entlegenen Gegend zu zeichnen. 1972, als sie die Reise antrat, war die aus dem Oldenburgischen stammende Frau 30 Jahre alt, hatte das Studium der Wirtschaftswissenschaften und Theologie erfolgreich beendet und war dem Orden beigetreten. „Ich bin dorthin gegangen, weil ich unbedingt in der Betreuung von Leprakranken arbeiten wollte“, schilderte sie die Ausgangssituation. Bis dahin habe sie auf der Sonnenseite des Lebens gestanden, „jetzt wollte ich einmal die Schattenseite sehen“.

Begegnung mit Leprakranken

Vom Mutterhaus in Thuine aus in den brasilianischen Dschungel – eine Erfahrung, die nicht jeder macht und auch nicht unbedingt machen möchte. Wie die Zuhörer im Pfarrheim aber schnell merkten, war es für die junge Nonne aber die Erfüllung eines Traumes gewesen. Sie war resolut genug, sich in der fremden Umgebung durchzusetzen, lernte die Sprache, Sitten und Gebräuche der Einheimischen und entwickelte beeindruckendes Engagement.

„Der erste Kontakt mit an Lepra erkrankten Menschen geschah dann aber doch anders, als ich es erwartet hatte“, gab sie freimütig zu. Die physische Verfassung der Aussätzigen und der ihnen anhaftende typische Geruch wären so überwältigend gewesen, dass sie sich erst einmal hatte übergeben müssen. Das war es dann aber auch gewesen und der Umgang mit den Kranken wurde Gegenstand ihrer täglichen Arbeit.

Zusammen mit anderen Nonnen, mal mit einem Priester, dann durchaus auch mit dem dortigen Bischof der Stadt Cruzeiro do Sul, unternahm sie Reisen zu den entlegenen Dörfern. Der Besuch galt weit auseinander liegenden Kapellengemeinden, wo sie ihre Missionstätigkeit ausübten und Evangelisierungskampagnen durchführten. Einfache Hütten wurden zu Kapellen, in ihnen wurden Gottesdienste gefeiert und Kurse für Katecheten gegeben, die vor Ort blieben und das Wort Christi verbreiteten.

Zum Leben braucht man nicht viel

„Wir lebten weit ab vom Schuss. Es war ein Leben, wie ich es mir vorgestellt hatte“, erklärte sie. Zentraler Ort war immer der Fluss, der Badezimmer, Treffpunkt, Handelsplatz und Lieferant von Fisch war. Mit hörbarer Begeisterung sprach die heute 76-Jährige über die Begegnung mit den Menschen, ihrer einfachen, manchmal ärmlichen Lebensumstände. „Ich habe dort gelernt, dass man 80 Prozent der Dinge, die man besitzt, eigentlich gar nicht braucht“.

Besonders eindringlich war die Schilderung der Begegnung mit einer alten, schwer von Lepra gezeichneten Frau, die allein in einer Hütte lebte. „Sie war blind, hatte weder Hände noch Füße, nur noch Stümpfe an deren Stelle. Ihr Mann und ihrem Sohn hatten sie aus Angst vor einer Ansteckung verlassen. Zweimal in der Woche kam eine Nachbarin zu ihrer einsam stehenden Hütte, brachte ihr Essen und sprach ein wenig mit ihr“. Doch diese Frau, so die Franziskanerin, war tief von ihrem Glauben erfüllt und trug ihr Los mit Heiterkeit und Gottergebenheit.

Glaube hilft

Sie hatten die Frau mit in die Stadt genommen, ihre Wunden gepflegt und ihr einen Platz in einem Altenheim besorgt. Dona Maria sei „wie eine Heilige“ gewesen in ihrem Glauben, habe noch mehr als ein Jahrzehnt im Heim gelebt und sei dann friedlich gestorben.

Schwester Hildeburgs „Lebensschule“, wie sie es nennt, hat 40 Jahre gedauert. Vor anderthalb Jahren ist sie aus Brasilien zurückgekehrt und lebt nun mit ihren Ordensschwestern im Anna-Stift in Hagen.