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Schaufenster in Ernte-Historie Glandorfer Aktionstag zur Landtechnik begeisterte

Von Frank Muscheid, Frank Muscheid | 31.07.2016, 19:25 Uhr

Ein historisches Schaufenster auf die Getreideernte hat der Verein zur Erhaltung historischer Landtechnik und ländlichen Brauchtums Glandorf und Umgebung (VHLT) eröffnet. Der Aktionstag am Sonntag begeisterte tausende Besucher.

Auf den Platzregen hatten die vielen Beteiligten keinen Einfluss, der Rest auf und am Museumshof an der Sudendorfer Straße zauberte Fans historischer Landtechnik und Familien ein Lächeln ins Gesicht. „Wir ernten hier auf einem halben Hektar Triticale. Die Witterungsverhältnisse sind nicht ideal, es hat gestern geregnet“, so Vereinsvorsitzender Antonius Recker. „Unter normalen Umständen würde man heute nicht mähen, man müsste das Getreide aufwändig trocknen, um es lagern zu können.“ Die ersten Besucher um elf Uhr bekamen quasi im Zeitraffer mit, wie bis in die 1970er-Jahre Getreide geerntet wurde. Um 1900 war die Sense noch üblich, gefolgt von der Mähmaschine – das abgemähte Getreide wurde in Garben abgelegt, „man musste es von Hand binden und an die Seite legen“, so Recker, erst dann konnte die Mähmaschine wieder übers Feld. Mit dem Flügelmäher der Firma McCormick, Baujahr 1937, ergattert in Oberschlesien, wurde das Getreide so seitlich abgelegt, dass in einem Zug gemäht werden konnte und die Garben erst später gebunden werden mussten. Es folgten Bindemäher, erst Ende der 50er-Jahre in der Region üblich. „Damals war man zu fünft mit einer solchen Fläche einen halben Tag beschäftigt“, so Recker.

Gelernt ist gelernt

Beim Binden per Hand half Annerose Braunsdorf aus Sachsen-Anhalt: „Ich habe das als Kind machen müssen.“ Sie arbeitete gemeinsam mit Bruder Siegfried Constant auf dem elterlichen Hof in Diebzig noch bis 1959, „bevor das alles Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft wurde“. Zwei Getreidebündel drehte sie zur „Ernteshow“ jeweils umeinander, verknotete sie unter und über der Getreidegarbe: „Es muss straff sein, weil es noch trocknet und sonst zu locker würde. Dann muss alles stehen.“ „Wir hatten noch einen Mähbinder von Krupp, der wurde von drei Pferden gezogen“, so Bruder Siegfried. Im vergangenen Oktober hatte er seinen Spitzdrescher der Marke Westfalia aus dem Jahr 1922 dem VHLT überlassen, sah ihn jetzt wieder in Aktion. Erinnerungen an eine auch anstrengende Zeit: „Wir mussten von Früh bis Abend nur arbeiten, während andere Kinder frei hatten“, sagte Annerose Braunsdorf. Deren Schwiegersohn Thomas Picek und Tochter Martina Picek waren mit ihnen aus Dessau zu Besuch, Kaufmann und Verwaltungsmitarbeiterin. Die Landtechnik fasziniere dennoch, „ich bin ja auf dem Hof meiner Oma aufgewachsen“, sagte Martina Picek. Thomas: „Aus heutiger Sicht und dem jetzigen Stand der Technik ist es faszinierend, man sieht aber auch, dass es wesentlich härtere Arbeit gewesen ist.“

Breites Familienangebot

Zum Programm gehörten Trettrecker-Parcours, Hundetanz-Show, Handwerk, Geflügelzüchter, Schafe, Jäger-Infomobil, Brot aus einem 100 Jahre alten Steinofen oder eine Schiffsschaukel, auf der Monika Weber, Detlev Helmich Weber und die dreijährige Thea aus Westendorf Fahrt aufnahmen. „Wir sind jedes Jahr hier“, sagte Monika Weber. „Es wird für Groß und Klein was geboten, und wir essen hier heute Mittag Pfannkuchen. Den Shuttleservice finden wir auch nett. Die Leute damals haben von morgens bis abends gearbeitet. Wir haben es heute besser. Aber es ist interessant, zu sehen, wie alles gemacht wird – auch für die Kinder. Was genau da passiert, kann man bei heutigen Mähdreschern gar nicht mehr richtig sehen.“ „Toll, was schon damals aus den Maschinen rausgeholt wurde“, ergänzte Detlev Helmich Weber.

Transparente Technik und Vielfalt

Auch jüngere Menschen begeistere die historische Technik, sagte Antonius Recker: „Sie ist noch transparent. An dieser einfachen Technik kann man gut erklären, wie eine Landmaschine funktioniert.“ So war auch die Bandbreite von einfachen Stiftendreschern bis zu einem Drescher aus Stahl, Baujahr 1962, zu sehen, angetrieben von einem 14 PS-Deutz-Stationärmotor, „damals die Antriebsmaschine schlechthin auf den Höfen.“ Auch hier sammelten sich schnell Schaulustige. Die Vielfalt alter und neuer Getreidesorten ist enorm, wie Klaus Semmler von der Firma AgrarTraining am Vorfürfeld vermittelte. Anbau-Spitzenreiter weltweit sei der Mais, allein in Deutschland würden rund 700 Sorten angebaut. Alte Getreidesorten rückten wieder verstärkt auf den Speiseplan – etwa das Urgetreide Emmer, das schon vor 10000 Jahren angebaut wurde.