Ein Artikel der Redaktion

Glandorf Jede Saite bestimmt den Klang

09.04.2010, 19:00 Uhr

MIt Alleskleber kann man alles kitten, aber auch viel ruinieren. Als sie in den 60er-Jahren auf den Markt kamen, wurden sie so eifrig und reichlich eingesetzt, dass ihnen auch der Flügel zum Opfer fiel, der in der Klavier- und Orgelmanufaktur von Stefan Peters wieder zu Klang und schönem Korpus gebracht wird. Das bombensicher fixierte Furnier von den sinnlichen Rundungen des Instruments zu entfernen ist eine Heidenarbeit. „

Das hat zwei Tage gedauert“, sagt Stefan Peters. In seiner Klavier- und Orgelmanufaktur in Glandorf stellt er gerade die äußere Hülle eines Flügels wieder her. Der Korpus ist schon vorgeschliffen, die drei Furnierlagen aus Nussbaum liegen bereit. „Sie werden mit 150 Zwingen, Passstücken und Bügelholz angepresst und mit Holzleim geklebt“, erklärt Peters’ Geschäftspartner Ralf Göhler. Er ist Tischler und mit seiner Firma Kubusline der passende Partner für den Experten für Orgel, Harmonium und Flügel. Und so verbinden sich in Glandorf auf dem Lande alte Handwerkskünste mit modernster Technik, steht die CNC-Maschine neben der alten Arbeitsorgel, mit der Peters seine Instrumente intoniert.

Nebenan kümmert er sich um die akustische Anlage, also das Innenleben eines dänischen Flügels. Akribisch misst der gelernte Orgelbauer auf einen Hundertstelmillimeter genau mit dem Mikrometerstab die Dicke der Saiten. In der mittleren Tonlage erzeugen drei Saiten einen Ton und sind deshalb gleich dick. „Das ist dann ein Saitenchor. Bei Bässen besteht ein Chor auch schon einmal aus nur einer Saite.“

Das Messen ist eine mühevolle Arbeit. Denn ein Flügel hat 230 Stahlsaiten, auch dieser der Kopenhagener Firma Hornung & Möller, der bald in einem Münsteraner Wohnzimmer stehen wird. Spannung und Länge der neuen Saiten sind entscheidend für den Klang des Instruments. Als Peters die Saiten einzeln abschneidet, macht es alle paar Sekunden leise „Ping“.

Der Resonanzboden seines alten Dänen hat Altersspuren. Er wird ausgespänt, seine Risse mit extra lange gelagertem Fichtenholz geschlossen. Nachdem Stefan Peters auch noch neue Hämmer eingesetzt hat, intoniert und stimmt er den Flügel neu.

Ein bisschen mitgenommen sieht dagegen der Flügel aus dem Bad Iburger Kurhaus aus, den Peters im ersten Stock lagert. „Er ist in den letzten Jahren wahrlich nicht gut behandelt worden, ein Bein war schon locker“, bedauert er. Dabei ist das gute Stück ein ausgewachsener Konzertflügel des Jahrgangs 1965 aus dem Hause Grotrian-Steinweg. Er hat also beste Referenzen.

Doch so viele Instrumente unterschiedlicher Epochen auch in Glandorf bearbeitet werden, die meisten Instrumente, vor allem die raumgreifenden Orgeln, reparieren und restaurieren Peters und Göhler natürlich an ihrem Standort. In ganz Deutschland sind die beiden unterwegs.

Eines ihrer liebsten Objekte erfüllt jedoch in gar nicht so großer Entfernung einen imposanten Kirchenbau. In der Marienfelder Klosterkirche im Kreis Gütersloh steht die größte zusammenhängende Orgel Westfalens. Der bedeutende Lippstädter Orgelbauer Johann Patroclus Möller hat sie 1751 für das damalige Zisterzienserkloster gebaut. Ihre ältesten Pfeifen sind 300 Jahre alt und – ein genauer Blick zeigt es – von Hand signiert.

Stefan Peters ist gelernter Möbeltischler und Orgelbauer und spielt selbst Klavier und Orgel. Muss er Hand und Werkzeuge an eine Orgel anlegen, gilt es meistens vor allem die Pfeifen zu bearbeiten. Sollen sie ersetzt werden, fixiert der Orgelbauer die sogenannte Aufschnitthöhe, misst Labiumbreite und -höhe, also die genaue Lage der Lippe im Metall, aus der die Luft strömt.

Anders aufgebaut sind die sogenannten Zungenpfeifen der Orgeln. Sie verbergen eine vibrierende Zunge, genau wie in einem Blasinstrument. Und genau so klingen diese Zungenpfeifen dann auch, mal wie eine Trompete, mal wie eine Klarinette.

Dass Orgeln im Laufe ihres meist langen Lebens häufig eine wechselvolle Geschichte haben, wer ahnt das schon? So zog eine Orgel von einer evangelischen Kirche in Bielefeld in eine katholische Kirche im Emsland um. Die Ökumene macht’s möglich, und ein schöner Klang bleibt ein schöner Klang, ganz egal, ob er von Katholiken oder Protestanten angestimmt wird.

Musikalisch autark ist dagegen der sogenannte Selbstspieler in Peters’ Werkstatt. Hauptsache, es findet sich jemand, der ihm – auch völlig ohne Taktgefühl – fleißig die Pedale tritt. Dank Fußpumpe, pneumatischer Auslösung und einer Lochkarte senken sich die schwarzen und weißen Tasten von selbst nach unten. Mit diesem Instrument kann jeder den Virtuosen spielen, vorausgesetzt, die Zuschauer halten genügend Abstand. Vor 90 Jahren wurde das ausgefeilte Kunstwerk bei der Firma Römhildt in Weimar gebaut.

Sorgte früher Schellack, ein Naturprodukt der Lackschildlaus für den besonderen Glanz, tragen die Glandorfer Orgelexperten heute lieber wasserlösliche Lacke auf. Denn was wäre ein Flügel ohne seine samtweiche, pantherschwarze Oberfläche?