Ohne Kerzen keine Ernte Obsthof Dingwerth in Glandorf rettet mit Feuer Apfelernte

Blüten mit Kerzen gewärmt, Ernte gerettet: Martina (links und Eva-Maria Dingwerth freuen sich über einen guten Ertrag in ihrem Apfelanbau, hier die Sorte Gala. Foto: Harald PreuinBlüten mit Kerzen gewärmt, Ernte gerettet: Martina (links und Eva-Maria Dingwerth freuen sich über einen guten Ertrag in ihrem Apfelanbau, hier die Sorte Gala. Foto: Harald Preuin

Glandorf. Mit Frostschutzkerzen und engagiertem nächtlichen Einsatz bei Minusgraden hat die Obstbauerfamilie Dingwerth aus Glandorf den Großteil ihrer Apfelernte gerettet.

Glandorf. Anfang April frohlockten die Obstbauern – bis zur Monatsmitte der Nachtfrost zurückkam. Das Ergebnis zeigt sich zur beginnenden Ernte. Im Alten Land rund 35 Prozent weniger Äpfel, am Bodensee minus 65, im Rheinland minus 50 Prozent Ertrag. Auch in den manchen Hausgärten hat der Temperatursturz Mitte April die Blüten erfrieren lassen. Nicht so beim Obstbauern Dingwerth in Glandorf, wo die Ernte in diesen Tagen beginnt.

Zittern um die Blüten

Doch die Familie Dingwerth musste kämpfen, um ihre Apfelblüte zu retten. Auf 1,8 Hektar stehen 4200 Apfelbäume. Als die Wettervorhersage Nachtfrost ankündigte, hatten wir das Thermometer immer im Blick“, erinnert sich Eva-Maria Dingwerth (23), die im Alten Land den Obstbau gelernt hat. Als die Temperatur ganz in den Keller zu gehen drohte, haben Dingwerths rund 300 Frostschutzkerzen in der Plantage verteilt, alle drei bis acht Meter stand eine Kerze in der Größe eines Fünflitereimers.

Nachts rückte die ganze Mannschaft aus, in dicken Winterklamotten und bewaffnet mit Gasanzündern, von Kerze zu Kerze. „Vom warmen Bett in die Frostnacht, das kostet Überwindung“, sagt Martina Dingwerth (52). Tochter Eva-Maria resümiert: „Das hat unsere Ernte gerettet, ohne Kerze keine Ernte“.

80 Prozent Ausfall bei Kirschen

Das zeigte sich schon im Juni, als auf den 800 Kirschbäume nur vereinzelt süße Früchte hingen – Ausfall 80 Prozent durch den Aprilfrost, der im Übrigen auch den Bienen die Lust an der Bestäubung nahm.

Fünf Nächte war der Antifrosteinsatz im Apfelgarten erforderlich. Zwischen ein und zwei Uhr wurden die Kerzen entzündet, Brenndauer etwa sechs Stunden. „Zwischen zwei und sechs Uhr ist es am kältesten“, sagte Eva-Maria.

1500 Feuereimer

Mehr als 1500 Feuereimer waren nach dieser kalten Periode ausgebrannt, aber die meisten Blüten geschützt. Aufbrechende Knospen ertragen bis minus 0,5 Grad, die Vollblüte gedeiht gerade noch bis null Grad. Während das Thermometer bis zu minus sechs Grad in den Keller sackte, wärmten die Kerzen in 30 Zentimeter Höhe allerdings nicht alle Blüten bis in den Baumspitzen in drei Meter Höhe. Das bekamen die Frühsorten Roter Gravensteiner und Delbarestivale zu spüren. Hier musste Obstbauer Dingwerth etwa 50 Prozent Ausfall hinnehmen.

Eispanzer gegen die Kälte

Die Obstbauern im Alten Land an der Elbe schützen ihre empfindlichen Blüten meist durch eine Beregnungsanlage. Der sich um die Blüte bildende Eispanzer, schützt die Pflanzen durch die sogenannte Kristallisationswärme. Doch nicht nur Frost, auch Hagel kann zu Ernteeinbußen führen. 2016, im ersten Apfelanbaujahr, konnte die Hälfte des Ertrags nicht als Obstklasse 1 vermarktet werden, weil, wie Eva-Maria sich erinnert, im Sommer ein zweiminütiger Hagelschauer über Glandorf hinweg zog. 50 Prozent der Ernte wurde geschädigt und musste zum Teil zu Apfelsaft gepresst werden.

Elf verschiedene Sorten

Elf unterschiedliche Apfelsorten haben Dingwerths vor drei Jahren gepflanzt. Neben den zwei frühen Sorten Roter Gravensteiner und Delbarestivale neun auch die lagerfähigen Sorten Elstar, Gala, Rubinette, Pinova, Wellant, Boskoop, Topaz, Braeburn und Jonagold. Der Rote Gravensteiner ist mindestens seit 1669 in Dänemark und Norddeutschland bekannt. Delbarestivale wird erst seit 1989 vermarktet.

Weit gereiste Apfelsorten

Der Elstar wurde 1955 in den Niederlanden gezüchtet. Gala mit seinen relativ kleinen Früchten zählt zum Dessertobst und lässt sich gut lagern. Rubinette ist eine saftig-knackig und feinsäuerlich schmeckende Apfelsorte, die meist von Direktvermarktern angebaut wird. Wellant und Boskoop erinnern in ihrem rustikalen Aussehen an alte Apfelsorten.

Topaz ist eine Apfelsorte, die erst 1984 in Tschechien gezüchtet wurde und sich durch eine geringen Krankheitsanfälligkeit auszeichnet. Der knackige Braeburn stammt ursprünglich aus Neuseeland und steht in der Beliebtheitsskala wegen seines süß-herbes Aroma sehr weit oben. Jonagold hingegen wurde 1943 in den USA gezüchtet und kam 1968 in den Handel.

Auf dem Wochenmarkt zu kaufen

Gepflückt werden auf dem Glandorfer Obsthof nur reife Äpfel. Eva-Maria Dingwerth: „Unser Ziel ist genussreiches Obst“. Die Ernte wird direkt vermarktet, über den eigenen Hofladen in Glandorf (In der Wasserfuhr 3), auf Wochenmärkten, in Frischemärkten sowie im Landhandel. Anders als auf den Beerenobstfeldern, auf denen auch Selbstpflücker tätig werden können, ernten Dingwerths ihre Äpfel selber. Infos über Tel. 05426/4006.


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