Schulhunde im Klassenzimmer Mathelehrer auf vier Pfoten in Osnabücker Schulen

Von Andrea Pärschke


Osnabrück. Schulen sind auf den Hund gekommen. Und es funktioniert tatsächlich. In ihrer Masterarbeit konnte die Osnabrücker Förderschullehrerin Meike Heyer belegen: Mit Hund ist lesen lernen leicht gemacht. Doch was können Hunde, was Menschen nicht vermögen?

„Unser Schulhund Frida“ steht auf der grünen Tafel in der Grundschule Sutthausen geschrieben. „Ich mag alles an ihr“, sagt Lina. Die Drittklässlerin kennt den großen weiß-grauen Bobtail schon vom Pausenhof. Nun ist es endlich soweit: Denn mit der neuen Klassenlehrerin ist im August auch der Schulhund gekommen. „Ich nehme sie jede Woche an zwei Tagen für zwei Stunden mit“, sagt Martina Lade, Rektorin der Schule. Sie ruft ihren Bobtail, der noch durch den Türspalt linst. Er macht leise „wuff“ – und geht in die lärmende Klasse. Mit einem Mal ist es still.

Entspannte Atmosphäre.

„Viele Lehrer berichten, dass es durch die Hunde entspannter in den Klassen zugeht“, berichtet auch die Osnabrücker Förderschullehrerin Meike Heyer. Schon während ihres Referendariats nahm sie ihre Hunde mit. Sie legte einen Schwerpunkt schließlich auf den Bereich tiergestützte Pädagogik, bietet mittlerweile an Pädagogischen Hochschulen auch Lehrerfortbildungen zu dem Thema an. In Studien belegte sie: Nicht nur die Lernatmosphäre wird in den Klassen spürbar besser. Richtig eingesetzt, machen die Vierbeiner das Lesen-lernen leichter.

„Findus“, ruft Heyer. Sie ist gerade in ihrem Klassenzimmer an der Anne-Frank-Schule. Nur sie und ihr acht Monate alter Shetland Sheepdog. Der Hütehund ist selbst noch Schüler. Zu den Kindern darf er deshalb noch nicht mitkommen. „Das würde ihn noch überfordern.“ Denn wer einfach nur Dogsitter für seinen Hund sucht, sollte sich besser nach anderen Möglichkeiten umsehen. Um den Unterricht mit Schulhund effektiv zu gestalten, ist vor allem auch eins nötig: viel Arbeit. Meike Heyer gibt ihrem Hund ein Handzeichen und Findus flitzt mit wehenden Ohren los. Als er zurückkommt, hat er eine Art blauen Schlüsselbund im Maul. Statt silberfarbene Schlüssel, hängen allerdings Wortkarten daran. „Wäre ich ein Schüler, würde ich nun die Worte vorlesen“, erklärt die Förderschullehrerin. Das macht Spaß – nicht nur dem Hund. Auch bei Martina Lade hat Frida das Heft fest in der Schnauze. Sie bringt den Schülern manchmal sogar Matheaufgaben.

Herausforderungen machen Spaß

Für Meike Heyer sind es vor allem diese Dinge, die den Unterricht mit Schulhund so wertvoll machen: „Es ist wichtig, dass die Schüler Spaß beim Lernen haben und nicht danach.“ Dies wäre etwa dann der Fall, wenn die Schüler für eine gelöste Aufgabe zur Belohnung mit dem Hund spielen dürften. „Studien haben aber belegt, dass die Kinder dann nicht zwangsläufig besser lernen.“ Wohl aber, wenn das Tier aktiv am Lernprozess beteiligt ist.

Doch Hunde sind nicht nur gute Deutsch- und Mathelehrer. „Sie motivieren die Kinder auch körperlich Dinge zu tun, die sehr schwierig für sie sind“, sagt Solveig Speidel. Ihren Australian Shephard bringt die Ergotherapeutin  und Fachkraft für tiergestützte Therapie, tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Fördermaßnamen deshalb schon seit Jahren mit zur Osnabrücker Montessori-Schule. Bei ihr geht es allerdings nicht um Deutsch und Mathe, sondern um Bewegung, Feinmotorik und Grobmotorik. „Lika ist unglaublich einfühlsam“, erzählt die kleine quirlige Frau. Sie erinnert sich an ein Mädchen, das große Schwierigkeiten hatte ihre Arme gezielt zu bewegen. Für Lika machte sie die Ausnahme: „Sie wollte der Hündin etwas geben, ein Leckerli“, erinnert sich die Ergotherapeutin. Dafür öffnete sie einen kleinen Beutel. Eine Herausforderung, die plötzlich zu meistern war.

Tiere sehen mit dem Herzen gut

„Es gibt auch Kinder, die Hunde nicht mögen“, sagt Martina Lade. Dem einen ist ein Hund zu zottelig, dem anderen müffelt er zu stark, die nächsten haben vielleicht Angst. Doch die allermeisten Herzen werden von Frida und Co. im Sturm erobert: Sind Hunde also tatsächlich einfach die besseren Lehrer – die besseren Menschen?

„Hunde bewerten anders“, erklärt sich Meike Heyer das Phänomen. Menschliche Maßstäbe, Leistungen, zählen für sie nicht. Nur das Herz ist ihnen wichtig – jeden Tag aufs Neue. Das trifft einen Nerv. Deswegen wagen manche Kinder mit Tieren Dinge, die sie sich alleine niemals zutrauen würden.

„Besonders wichtig werden Tiere, wenn Kinder schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben“, so die Förderschullehrerin weiter. Oft trauen sie dann Hunden zu, was sie Erwachsenen von vorn herein absprechen. Das Tier wird dann zum ersten Kontaktmann. „Mit der Zeit bauen die Schüler bestenfalls auch zu dem Hundehalter eine Beziehung auf“, sagt Meike Heyer. Dann ist schon viel erreicht.

Kennenlerntag

Frida ist das heute egal. Zumindest scheint es so. Ein großer wuscheliger Ruhepol. Sie steht mitten in die Klasse, zwischen all den Kindern und schnuppert interessiert. Denn heute ist erst mal Kennenlerntag. „Platz“, sagt einer der Schüler – ein bisschen zaghaft. Auf jeden Fall aber: Nicht sehr überzeugend. Frida legt sich nur fast hin. „Bei Platz fudelt sie immer gerne“, ruft die Lehrerin. „Platz“, sagt ihr Schüler deshalb deutlicher. „Es geht auch um das richtige Standing, darum sich nur auf das Eine zu konzentrieren“, erklärt Martina Lade leise. Das Herz eines Hundes gewinnt eben nur, wer sich nichtablenken lässt.


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