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Stimme der Dichter und Denker Bössen mit poetischem „Wandermärchen“ in Glandorf

Von Frank Muscheid


Glandorf. Zwölf Monate und 8160 Kilometer ist Diplom-Gedichte-Sprecherin Anna Magdalena Bössen durch Deutschland geradelt. Mit Fragen im Gepäck wie „Was ist Heimat?“ „Wer ist Deutschland?“ Am Mittwoch antwortete sie im ausverkauften Café Flora bei Brockmeyer mit Poesie.

Diese wurzelt in der Realität. Mit ihrer Rundreise „Deutschland – ein Wandermärchen“ rüttelte die studierte Rezitatorin an Schwieriges wie innerdeutsche Identität oder Nationalsozialismus. „Er hat das Verhältnis zu unserem Land verändert“, sagte Bössen. Aber das kulturelle Erbe der Dichter und Denker sei ein Schatz, bestätigten ihr etwa ein Australier und ein Neuseeländer. Sie ließ die eigene Haustür hinter sich: „Der erste Schritt ist der allerschwerste“. Sie habe sich, so ganz allein als Frau, Lyriker-Verstärkung mitgenommen, zum Beispiel Goethe, Schiller, Eugen Roth oder Hilde Domin, die etwa dichtete: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ Die deutschen Lyriker zeigen uns mitten im Alltag, wer wir im Innern sind.

Radeln durch den Klimawandel

Für Kost und Logis trat Bössen mit deren Lyrik in Wohnzimmern oder auf Dorfplätzen auf, Grundlage ihres jetzigen Bühnenprogramms. Sie wollte Zukunftssorgen mit anderen teilen und Probleme diskutieren, berichtete sie dem Glandorfer Publikum. Eingeladen hatten die Vereine KuK SOL und Kultour-Gut! Glandorf. Auf ihrer „Radtour“ suchte sie als Einzelkämpferin nach Zusammenhalt und kreativen Menschen. „Auf dieser Reise habe ich so unglaublich viel Heimat geschenkt bekommen – so viel wie noch nie in meinem ganzen Leben.“ Vor allem Mütter hätten sie eingeladen, die um die Zukunft ihrer Kinder besorgt seien. Den Klimawandel spürte sie am eigenen Leib. „Ich bin oft in zwei Luftschichten geradelt“, so oft habe sich das Wetter geändert.

Durchwachte Nächte wie eine Annette von Droste-Hülshoff hatte sie auch, allerdings ohne den Moment wahrzunehmen. „Ich war beschäftigt mit Sorgen.“ Sie klärte nachts noch Unterkünfte und Tourverlauf, beantwortete E-Mails, oder lenkte sich mit TV-Serien ab. „Am Tag war es nicht viel anders“, trotz wunderschöner Natur ringsherum. Sie sah 80 Prozent auf ihr Smartphone, „unromantisch, aber wahr“, so Bössen. Das Telefon zeigte den Weg, sie koordinierte damit Ankunftszeiten und machte Fotos. Dabei fragte sie sich, ob sie sich schon immer so viel Sorgen gemacht habe. „Es gab eine Zeit, da dachte ich, ganz am Ende, da wird alles gut“ – wie etwa im Märchen „Sterntaler“. Mehr aus Glandorf im Netz

Romantisch und humorvoll

Erlesene Panorama-Straßen waren die von ihr fesselnd vorgetragenen Gedichte, die weit und tief in Köpfe blicken ließen: „Man soll seinen Mantel nicht zu lang an den gleichen Nagel hängen, weil es so oft dieser Nagel nur ist, der uns am Ende noch hält. Wer von uns weiß es denn noch, dass auch die düstern, engen Gassen ins Offene führen, in die unendliche Welt“, trug sie etwa Mascha Kalékos Vagabundenspruch vor. Neben „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ blitzten Romantik und Humor bei den Deutschen durch, zum Beispiel mit Kästner: „Das ist das Verhängnis: Zwischen Empfängnis und Leichenbegängnis nichts als Bedrängnis“. Die Fotos der Reise zeigten dazu auch Schräges: „Essen Sie bei mir, sonst verhungern wir beide“ auf einem Gasthaus, oder „Fegefeuer“ und „Einöd“ auf Ortsschildern. Wo es am schönsten war? An vielen Orten, sagte die Künstlerin. „Ich habe meine Heimat in die Zukunft gelegt.“ Als etwas, dass sie noch baue. Die Absolventin der Musikhochschule Stuttgart arbeitet auch als Sprechtrainerin, die Gedichte seien eine Herzensangelegenheit: „Es sollten viel mehr Gedichte vorgetragen werden“, sagte die Hamburgerin.