Gemeinde schließt sich Klage an Inklusion: Glandorf fühlt sich alleingelassen

Von Anke Schneider

Eigentlich stand das Thema Inklusion gar nicht auf der Tagesordnung des Glandorfer Schulausschusses, trotzdem erhitzte es die Gemüter. Foto: dpaEigentlich stand das Thema Inklusion gar nicht auf der Tagesordnung des Glandorfer Schulausschusses, trotzdem erhitzte es die Gemüter. Foto: dpa

Glandorf. Die Gemeinde Glandorf fühlt sich mit der Umsetzung der Inklusion alleingelassen. Im jüngsten Schulausschuss schlugen die Wellen hoch, denn Inklusion, so Bürgermeister Franz Josef Strauch, sei weitaus mehr als Kinder im Rollstuhl. Wegen unkalkulierbarer Kosten, die die Inklusion mit sich bringe, will sich Glandorf nun einer Klage vor dem Staatsgerichtshof anschließen.

Eigentlich stand das Thema Inklusion gar nicht auf der Tagesordnung des Glandorfer Schulausschusses. Als die Schulleiter jedoch über den Stand der Dinge an ihren Schulen berichteten, zündete der Funke plötzlich. Hanne Große-Deters, Schulleiterin der Grundschule Glandorf, berichtete, dass die neue Soundfield-Anlage für hörgeschädigte Kinder an ihrer Schule gut funktioniere. Für Franz Josef Strauch das Stichwort, um über den holprigen Weg der Gemeinde bis hin zu der nun gefundenen Lösung zu berichten.

„Als an der Glandorfer Grundschule ein Kind mit einer Hörbehinderung angemeldet wurde, legte die Mutter ein Gutachten der Landesbildungsstelle für Hörgeschädigte vor, in dem aufgelistet war, welche Rahmenbedingungen hörbehinderte Kinder brauchen. Es gab über 20 Punkte, aber keine Empfehlung für genau dieses Kind“, so Strauch. Die Gemeinde brachte daraufhin zunächst eine Schalldämmung an der Decke des Schulraumes an, die jedoch nicht den erhofften Erfolg brachte. Um nicht wahllos Maßnahmen ergreifen zu müssen, wandte sich die Gemeinde an einen Hörgerätehersteller, der die Soundfield-Anlage empfahl. Diese Anlage verteilt die Stimme des Lehrers und die Wortmeldungen der Kinder leicht verstärkt gleichmäßig im ganzen Klassenraum und erleichtert so dem hörbehinderten Kind, aber auch allen anderen Kindern das Verstehen. „Wir haben dann gleich zwei Anlagen gekauft, weil es in einer anderen Klasse ein weiteres hörbehindertes Kind gibt“, so Strauch. Kosten: etwa 9000 Euro.

Strauch bemängelte, dass die Lösung des Problems allein auf das Engagement der Mutter und der Gemeinde zurückzuführen sei. Hilfe von außen habe man nicht bekommen. „Der Landkreis ist zwar willens, hat aber auch keine Experten für solche Fälle“, so Strauch. Es könne nicht sein, dass nach dem Motto „Den Letzten beißen die Hunde“ die Gemeinde mit solch hoch komplizierten Fragen und den Kosten vollkommen alleingelassen werde. Michael Brandmann warf ein, dass die Bedingungen für das betroffene Kind seiner Meinung nach ja auch nur für den Moment gut seien. „Was ist, wenn das Kind auf eine weiterführende Schule wechselt?“, fragte er. Dann müssten die Kinder öfter die Klassenräume wechseln und hätten auch Unterricht in Fachräumen. „Müssen dann mehrere Räume mit einer solchen Anlage ausgestattet werden?“ Die Antwort des Bürgermeisters: Schulterzucken. „Eine berechtigte Frage“, sagte er.

Die drei Schulleiter waren sich einig, dass Kinder im Rollstuhl, die man bei dem Wort Inklusion vor Augen habe, die geringste Herausforderung seien. Die große Vielfalt an Behinderungen und Störungen, die die Inklusionskinder mitbrächten, habe niemand erahnen können. „Man kann bei Weitem nicht alles mit Technik lösen“, sagte Strauch. Vor allem die sozial und emotional behinderten Kinder seien für die Pädagogen und auch für die anderen Kinder eine echte Herausforderung. Ihnen stehen nur zwei sonderpädagogisch begleitete Stunden pro Woche zu, sagte Susanne Brinkmann, Schulleiterin der Grundschule Schwege. Die übrige Zeit seien Lehrer und Kinder auf sich gestellt. Die Rektorin berichtete, dass sie schon dreimal einen Antrag auf eine Integrationskraft gestellt habe, weil die Betreuung solcher Kinder das Lehrpersonal überfordere. „Bisher ohne Erfolg“, sagte sie.

13 Kommunen, darunter auch Georgsmarienhütte, sind es nun, die stellvertretend für rund 200 Städte und Gemeinden vor dem Staatsgerichtshof gegen das Land Niedersachsen klagen , um nicht auf den Kosten für die Inklusion an den Schulen sitzen zu bleiben. Grundlage ist ein von den kommunalen Spitzenverbänden in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten, wonach das Land verpflichtet ist, den Schulträgern die mit der Einführung der inklusiven Schule entstandenen Kosten auszugleichen. Um nichts anderes geht es auch Glandorf. „Die Inklusion ist an sich eine gute Sache“, so Strauch. Vor allem deshalb, weil Behinderte so in die Gesellschaft integriert würden und nicht behinderte Menschen mehr über Behinderungen erführen und ganz nebenbei ihre Berührungsängste verlören.