Gemeinsam gegen die Windvorranggebiete Wie Kritiker in Glandorf am Rad drehen


Glandorf. Viel Wind um nichts? Im Gegenteil. Es geht um viel, wenn es um den Bau von Windrädern geht. Nicht nur um den Klimawandel und jede Menge Geld, sondern auch um Lebensqualität von Bürgern im direkten Umfeld - im Hier und Jetzt und in der Zukunft. 40 Glandorfer Familien haben sich zusammengetan, um sich gemeinsam stark zu machen gegen die geplanten Windvorranggebiete. Ein Gespräch mit dem harten Kern über Ängste, Wünsche und Frust.

Persönliche Betroffenheit: Den Anfang macht die Betroffenheit. Die, die sich jetzt wehren, sind nicht per se Gegner der Energiewende. Aber: Sie haben Respekt. Respekt vor den riesigen Rädern, die - an der Nabe gemessen - bis zu 140 Meter hoch werden können. Bis zur Flügelspitze gemessen sind sie fast viermal so hoch wie die Glandorfer Kirche St. Johannis. Während zu Siedlungen 1000 Meter Abstand eingeplant sind, sind es im Außenbereich nur 500 Meter. Der Hof der Familie Steinhorst, auf dem sich die Kritiker an diesem Abend versammelt haben, ist umringt von potenziellen Windvorranggebieten und hat damit bereits in diversen Ausschuss- und Ratssitzungen einen worst-case-Faktor erzielt. „Ohne die Akzeptanz der Bürger sind Windräder in Glandorf nicht zu realisieren“, sagt Christel Steinhorst. Für sie beginnt die Akzeptanz ab 1000 Meter Abstand im Außenbereich. „Welche Entwicklungsmöglichkeiten hat der Hof noch in Zukunft?“, fragt Karl-Heinz Steinhorst. Bei den Gebieten von heute geht es auch um Fragen von morgen. „Wenn es bei 500 Meter Abstand bleibt, muss ich wegziehen“, sagt Christoph Weritz, der Blinken, Schall und Infraschall fürchtet. Das Rad vor der Haustür dreht an der Existenz.

Tipp: Abstände zum Wohnhaus nachmessen. „Nicht alles wurde im Regionalen Raumordnungskonzept richtig vermessen“, sagt die Gruppe. Ein Blick ins Internet hilft. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen verweist auf drei Portale: Im „FeldblockFinder Niedersachsen“ haben Landwirte mit ihrer EU-Betriebsnummer kostenlos Zugang und können die Abstände exakt verfolgen. Ein weiteres kostenloses Portal für alle, auch für Nicht-Landwirte, ist das „LEA-Portal Niedersachsen“ . Kostenpflichtige Informationen wie beispielsweise detaillierte Flurbezeichnungen verzeichnet das „Landmap Niedersachsen“ -Portal.

Absurde Entwicklungen: Es scheint einfacher zu sein, eine Fledermaus zu schützen als den Menschen, so der generelle Eindruck der Kritiker. Während Naturschutzgebiete schnell tabu seien, rücke man dem Menschen bis zu 500 Meter auf den Leib. Wobei - so ganz stimmt das nicht, räumen sie ein. Denn dann, wenn es nicht anders geht, würden auch Überschwemmungsgebiete oder Tiere übergangen: Die Natur, die man bisher in liebevoller Kleinstarbeit rund um die Bever und das Naturschutzgebiet Vennepohl aufgepäppelt hat, würde nach den aktuellen Plänen überbaut. „Für die Naturfreunde ist das ein Schlag ins Gesicht“, sagt Klaus Toppheide. Dafür gibt es ja dann die „Kompensation der Kompensation der Kompensationsmaßnahmen“, zeigt Christel Steinhorst den absurden Kreislauf der Ersatzleistungen.

Wunsch der Kritiker an den Kreis: Bitte mehr Weitblick. Wenn die Rotorblätter künftig Renaturierungsmaßnahmen überschatten, ist das nicht nachhaltig.

Antwort des Landkreises: „Die Umweltschutzgüter sind betrachtet und bewertet worden. Eine erhebliche Beeinträchtigung konnte jedoch nicht festgestellt werden“, heißt es. Der Kreis spielt den Ball weiter an die Gemeinde und verweist neben der Zulassungsebene auf die „konkrete Standortplanung im Rahmen der Bauleitplanung der Gemeinde.“ Sprich: auf Flächennutzungsplan und Bebauungsplan.

Energiebilanz: Die Gemeinde Glandorf ist in Sachen Erneuerbarer Energien kein Hinterwäldler, betonen Kritiker. Über den Photovoltaikpark in Schwege werden auf Gemeindegrund 8,5 Megawatt produziert, über drei Windkraftanlagen bereits 4,5 Megawatt. Dazu gesellt sich das, was private Haushalte noch an Energie erzeugen. Die Gemeinde liegt damit nach eigenen Angaben bei 20 Megawatt und deutlich über dem Pensum, das sie für die eigene Versorgung bräuchte. Eine Rolle spielt das in der Ausweisung neuer Windkraftgebiete nicht, übt der harte Kern Kritik, allerdings nicht nur am Landkreis. „Die Gemeinde könnte viel selbst bewusster sein“, sagt die Gruppe und ärgert sich über den folgsamen Gang. „Es hat ein Geschmäckle“, sagt Werner Schmidt etwa mit Blick auf Gutachter, die sowohl für den Kreis als auch für die Kommune arbeiten. „Wenn die Gemeinde 1:1 ausführen müsste, was der Kreis vorschlägt, dann wären wir in einer Diktatur“, sagen die Kritiker. Es gebe Handlungsspielraum. Das sagt auch die Anwältin, die die Gruppe vertritt. Der Windenergienutzung soll substanziell Raum gegeben werden, lautet die aktuelle Rechtsprechung. Die Formulierung ist interpretationsbedürftig und -fähig: „Wer sagt denn, dass ,Raum‘ nur Fläche meint?“, fragt Toppheide. „Man könnte doch auch Alternativen durchspielen“, so Karin Schmidt. Repowering zum Beispiel. Ob neue Anlagen in unseren windarmen Regionen, die am Ende womöglich lärmoptimiert laufen müssten, wirtschaftlich seien, sei ohnehin fragwürdig, sagt Bernd Hannemann. Ob da überhaupt noch von „substanziell“ die Rede sein könne auch.

Wunsch der Kritiker an die Gemeinde: Bitte sorgfältige eigene Planung und weniger Hörigkeit gegenüber dem Kreis. „Die Gemeinde hat Planungshoheit, auch wenn es eine Anpassungspflicht gibt“, sagen sie. Sie soll ernsthaft mitbestimmen, was in Glandorf passiert und was nicht. Dazu gehöre es auch, andere Gutachter zu beschäftigen als der Kreis.

Antwort der Gemeinde: Man habe die gleichen Gutachter beschäftigt wie der Kreis, weil man ihnen Unabhängigkeit unterstelle und ihnen in dieser Angelegenheit die größte Fachkompetenz zutraut. Auch die Gemeinde hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet. „Wir dürfen uns keinen Verfahrensfehler leisten“, so Strauch. Planerisch seien der Gemeinde in manchen Bereichen tatsächlich die Hände gebunden. Im Landkreis Osnabrück sei deutlich detaillierter vorgearbeitet worden als in anderen Kreisen. „Da, wo wir steuern können, steuern wir.“ Als nächster Schritt ist ein Zielabweichungsverfahren angestrebt, um die 1000 Meter Abstand zu Füchtorf einzuhalten.


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