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„Die Leute werden für dumm verkauft“

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„LR kaufte weltweit alle bestehenden Plantagen dieser Pflanze. Jeder Mensch weltweit benötigt dieses Produkt“, steht auf der Eintrittskarte. Also nichts wie hin zur Weltpremiere, sagte sich Anfang April ein gesundheitsbewusster Mann im badischen Emmendingen.

Star der Veranstaltung war eine Pflanze: Cistus incanus, die grau behaarte Zistrose. Diese habe die Firma LR im westfälischen Ahlen getrocknet und in Kapselform gebracht: Ein Wundermittel, das vor sämtlichen gefährlichen Grippeviren schützt, so wird es auf Verkaufsveranstaltungen und im Internet angepriesen. Vor kurzem hat auch ein Redakteur der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen bei einer Info-Veranstaltung in Korbach erlebt, dass die Angst vor Ansteckung subtil geschürt wurde. Der LR-Berater habe dann einen ARD-Beitrag gezeigt, in dem Prof. Stephan Ludwig von der Uni Münster und Dr. Oliver Planz vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) von ihren Studien mit einem Extrakt der Zistrose berichten – mit viel versprechenden Ergebnissen beim Schutz vor Grippeviren. LR beruft sich also auf namhafte Wissenschaftler: Vom bundeseigenen FLI ist als offizielles Referenzlabor für die Vogelgrippe fast täglich die Rede.

Getestet haben die Virologen allerdings nicht Kapseln der Firma LR, sondern Cystus-Extrakt des Glandorfer Unternehmens Dr. Pandalis Naturprodukte (wir berichteten). Und das ist das Problem. Die Untersuchungen, auf die LR oder seine Berater in ihrem Werbefeldzug verweisen, beziehen sich auf den Cystus-Extrakt aus Glandorf. „Wir haben nichts von LR getestet“, ärgern sich Planz und Ludwig über die Irreführung. „Cistus ist nicht gleich Cistus. Es kommt auf Extrakt und Subspezies an. Wir können nicht sagen, ob das LR-Produkt überhaupt antivirale Wirkung hat.“

Dabei soll es so einfach sein: zweimal täglich eine Kapsel mit etwas Flüssigkeit. Für Dr. Oliver Planz ein Skandal: „Das ist der größte Hauer. Kapseln landen im Magen und können gar nicht gegen eindringende Grippeviren in Mund und Nase wirken. Und über Magen und Darm können die Wirkstoffe der Zistrose, Polyphenole, nicht aufgenommen werden. Die Leute werden für dumm verkauft.“ Ob das Loeffler-Institut juristische Schritte einleitet, sei noch nicht entschieden: „Wir sind sensibilisiert.“

Aus dem eigenen Internet-Auftritt hat LR Verweise zu Planz und Ludwig entfernt. Schuld seien jetzt schwarze Schafe unter den selbstständigen Vertriebspartnern, erklärte LR-Mitarbeiterin Anke Potthoff. Von einem unseriösen Berater habe man sich getrennt. Für den Direktvertrieb, dessen Produkten auch Stars wie Iris Berben Gesicht und Namen geben, arbeiten in Deutschland 120000 Menschen. Diese sollen 60 Kapseln voll Cistus und Hilfsstoffen für 34,90 Euro an Mann und Frau bringen. Dass LR die Pflanze weltweit aufgekauft habe, wollte man im Callcenter nicht bestätigen. Man habe die türkische Produktion gekauft. Aber „Cistus incanus bekommen Sie nur bei uns.“ Auch das wollte LR vorgestern nicht bestätigen. Dr. Georgios Pandalis prüft rechtliche Schritte gegen LR. Das Oberlandesgericht Köln hatte LR-Beratern schon 1996 verboten, ihren Kunden Listen vorzulesen, welche LR-Parfums Markenparfums imitieren. Danach wurden weitere Vertreter abgemahnt. Die Lancaster-Gruppe unterlag Dienstag in einem Prozess wegen Duftnachahmungen, geht aber in Berufung.


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