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Schmuck für die Fastenzeit Fünf Frauen aus Glandorf sticken in mehr als 3000 Stunden ein Hungertuch

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<em>Fleißige Stickerinnen:</em> Maria Rottwinkel, Elfriede Scheckelhoff, Anni Averesch, Josefine Peters und Marianne Kunstleve (von links) mit dem selbst gestickten Hungertuch. Foto: Anke SchneiderFleißige Stickerinnen: Maria Rottwinkel, Elfriede Scheckelhoff, Anni Averesch, Josefine Peters und Marianne Kunstleve (von links) mit dem selbst gestickten Hungertuch. Foto: Anke Schneider

Glandorf. In der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag wird in der Glandorfer Johannis-Kirche ein neues Hungertuch zu sehen sein. Wer es aus der Nähe betrachtet, wird staunen. Es wurde in mehr als 3000 Arbeitsstunden von fünf Frauen der Paramentengruppe aus Glandorf gestickt.

Die Paramentengruppe besteht seit 26 Jahren und repariert unter anderem die Pastorengewänder für die Kirchengemeinde. Nebenbei sticken und häkeln die Frauen viele schöne Sachen, die zugunsten der Kirchengemeinde verkauft werden. Im Sommer 2011 fragte die Kirchengemeinde bei der Leiterin Josefine Peters an, ob die Gruppe ein Hungertuch für das Jahr 2013 erstellen würde. Die fünf Frauen erklärten sich bereit, nicht ahnend, was auf sie zukommen sollte. „Es war eine große Herausforderung, den sechs Evangelien-Texten, die den sechs Fastensonntagen zugeordnet sind, eine Darstellung zu verleihen“, berichtete Josefine Peters.

Das Bild des ersten Fastensonntags zeigt die Versuchung durch die Schlange, das zweite die Verklärung Jesu, das dritte die Geschichte des Feigenbaums, das vierte die Geschichte vom verlorenen Sohn, das fünfte die Erzählung von der Ehebrecherin und das sechste den Einzug Jesu in Jerusalem. Jede der fünf Frauen bearbeitete zunächst alleine ein Bild, das sechste Motiv wurde in Gemeinschaftsarbeit zu Ende gebracht. Als Erstes wurden die Motive entwickelt, auf Seidenpapier gezeichnet und dann auf Leinenstoff gebügelt. „Bei der Auswahl der Farben für das Stickgarn halfen die Enkelkinder kräftig mit“, erklärte Josefine Peters weiter. Das Stickgarn zu bekommen sei eine echte Herausforderung gewesen. „Es gibt kaum noch Handarbeitsläden – Handarbeiten ist nicht mehr in“, so die Leiterin weiter. Das Medium Internet half schließlich, so-dass die Damen ihr Garn bestellen konnten.

Immer wieder trafen sich die fleißigen Damen zum Sticken. Manchmal auch nur, um eine Tasse Kaffee zu trinken, zu beratschlagen und zu verbessern. Viele, viele Nachmittage und Abende haben wir mit Sticken verbracht“, erzählte Josefine Peters. Rund zehn Kilometer Stickgarn wurden in dem Hungertuch verarbeitet. „Wir alle haben es gerne getan und freuen uns nun, das Hungertuch der St.-Johannis-Gemeinde zu übergeben.“

Zur Sache: Das Hungertuch, auch Fastentuch, Palmtuch, Passionstuch oder Schmachtlappen genannt, verhüllt während der Fastenzeit in katholischen und evangelischen Kirchengebäuden die bildlichen Darstellungen Jesu, in der Regel das Kruzifix. Es entstand aus dem jüdischen Tempelvorhang, der im Neuen Testament im Zusammenhang mit dem Kreuzestod Jesu mehrfach erwähnt wird.

Das Hungertuch wurde – mit wenigen Ausnahmen – als religiöses Brauchtum bis ins 18. Jahrhundert nur in katholischen Gegenden beibehalten, da sich Martin Luther gegen diese Tradition der Sakralkunst aussprach. Obwohl diese Tradition einst weit über die ursprünglichen Grenzen hinausreichte, ist es doch nach der Reformation nur in den Entstehungsgebieten erhalten geblieben; vereinzelt existieren dort noch Kirchen, die diese Tradition pflegen. Allerdings zeigt sich seit einiger Zeit, dass das Fastentuch als Kunstform neu entdeckt wird.


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