Baum-Frisöre stehen in den Startlöchern Kopfweidenschnitt der Naturfreunde Glandorf liefert Bau- und Bastelmaterial

Bestens vorbereitet für den Saisonauftakt der Kopfweidenschnitte sind die Naturfreunde (von links) Jannik Esmeier, Ralph Müller und Benedikt Raske. Foto: Carolin HlawatschBestens vorbereitet für den Saisonauftakt der Kopfweidenschnitte sind die Naturfreunde (von links) Jannik Esmeier, Ralph Müller und Benedikt Raske. Foto: Carolin Hlawatsch

Glandorf. Mit der anstehenden kalten Jahreszeit machen sich die Naturfreunde Glandorf wieder bereit für ihre Kopfweiden-Aktion. Anfang November sollen die ersten Weiden „geschneitelt“ werden. Die dadurch anfallenden, abgeschnittenen Weidenruten, sind wertvolles Bau- und Bastelmaterial und können von Interessenten kostenlos abgeholt werden.

Die Kettensägen sind geölt, die Heckenscheren geschärft und die Gummistiefel stehen parat. 145 Kopfweiden haben sich die Naturfreunde für dieses Winterhalbjahr vorgenommen. „Je nach Wetterlage beginnen wir am 9. oder 16. November nahe dem Sägewerk an der Dallmühle in Glandorf. Weiter geht es dann Anfang Dezember bei Familie Fürstenberg an der Bever auf dem ehemaligen Schießplatz “, plant Vereinsvorsitzender Alfons Heuger. Regen oder gar Schnee würden die Aktion derartig erschweren, dass die Naturfreunde sie dann verschieben müssten. Trotz kaltem, unbeständigen Wetter ist der Kopfweiden- genau wie auch der Heckenschnitt, nur im Winter möglich, wenn keine Knospen, Blätter und Ästchen austreiben. Das schreiben sogar Naturschutzgesetze vor. 

Seit Mitte der 80er Jahre widmen sich die Naturfreunde Glandorf neben zahlreichen anderen Naturschutz-Aktivitäten, den Kopfweiden, einem Kulturgut. Damals beschnitten sie auf Gut Bohlen eine Kopfbaumreihe von über 40 älteren Exemplaren. Geerntet wurden mehrere hundert Setzstangen, die später an verschiedenen Orten in den Boden gepflanzt wurden, zügig sprossen und neue Weiden entstehen ließen. 

Kopfweiden waren das dann aber noch nicht. „Wir haben hier verschiedene Weidenarten, wie zum Beispiel die Korbweide oder die Silberweide. Erst das Schneiden oder Schneiteln, eine vom Menschen betriebene Erziehungsform von Bäumen, lässt Kopfweiden entstehen“, erklärt Naturfreund Benedikt Raske. So gebe es auch Kopfpappeln, Kopfeschen oder Kopfulmen. Sie entstehen durch Absägen des Stammes in zirka drei Meter Höhe und das daraus resultierende Austreiben vieler Knospen unterhalb der Schnittstelle. Durch wiederholten Rückschnitt, wird die Stelle dann zum verdickten Kopf. Der Kopfbaum ist da und liefert immer wieder neue Ruten und Äste, die früher großen wirtschaftlichen Nutzen für die Korbflechterei, für Reusen oder den Hausbau hatten. 

Anregung und Bauanleitungen für die Verwendung von Weidenmaterial halten die Naturfreunde Glandorf für Interessierte bereit. Bauer und Bastler sollten bedenken, dass Werke aus Weiden weiterhin Pflege benötigen und in die Erde eingesetzt, weiter wachsen. Foto: Carolin Hlawatsch

Damit die austreibenden Äste nicht zu dick werden und verwendbar sind, schneiteln die Naturfreunde im Fünf-Jahres-Rhythmus. 500 bis 600 Weiden im Raum Glandorf werden von ihnen mit Unterstützung der Jägerschaft Osnabrück-Land, des Vereins Kultur Gut Glandorf und Privatleuten inzwischen in kraftintensiven Einsätzen gepflegt. Die Kopfweiden haben heute mehr ökologische als wirtschaftliche Bedeutung. Deren Rückschnitt hinterlässt zwangsläufig Wunden an den Bäumen, in die Pilze hineinwachsen und eine Fäulnis in Gang bringen. Auf diese Weise entstehen Höhlen in den Kopfweiden, die zahlreichen Tieren als Unterschlupf und Nistplatz dienen. 

Eine besondere Bedeutung hat die Kopfweide für den schutzbedürftigen Steinkauz, der bis zirka 1960 noch eine weit verbreitete Eulenart in unseren Gefilden war. Dessen Lebensraumzerstörung durch Rodung alter Bäume, Industrialisierung der Landwirtschaft, Pestizideinsatz und rasanter Bebauung führten zu einem starken Rückgang des kleinen Kauzes. Die Höhlen der Kopfweiden bieten ihm und auch anderen Vögeln wie dem Gartenrotschwanz, dem Feldsperling oder dem Turmfalken ein Refugium. Auch Fledermäuse oder Siebenschläfer nutzen die Höhlen der Weiden als Rückzug. Im Frühling liefern die Blütenstände der Weiden, Kätzchen genannt, als eine der ersten Pflanzen Nahrung für Bienen und viele andere Insekten. Zudem beschatten Weidenreihen an Bächen das Wasser. So bleibt der Bach für Fische kühl und sauerstoffreich.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wie bei diesem Kunstwerk aus Ruten in einem Kurpark am Gardasee. Foto: Carolin Hlawatsch

Das bei den Kopfweiden-Aktionen anfallende Material schichten die Naturfreunde an Sammelplätzen auf, wo es kostenlos abgeholt werden kann. „In den letzten Jahren haben sich schon Kindergärten, Schulen, Gartenliebhaber, Flechter und andere interessierte Bürger über das Naturmaterial gefreut“, blickt Alfons Heuger zurück. Tunnel, Lauben und Wigwams, Sichtschutzelemente, Kleintierzäune, Beeteinfassungen, Stühle oder Vogelhäuschen könnten damit gebaut werden. Wer wissen will, wie es geht, für den halten die Naturfreunde leihweise Bauanleitungen aus Fachbüchern bereit. 

Aus Sicherheitsgründen sollten die Weidenruten nicht während der Schneitelaktionen, sondern erst nach Abschluss abgeholt werden. Informationen zu den Sammelstellen, Zeiträumen, sowie Bauanleitungen gibt der Vereinsvorsitzende Alfons Heuger. Kontakt: 05426/1931 oder 0178/1529469.


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