Rehe in ihrer Paarungszeit gut zu beobachten Mit dem Jäger zur Blattjagd in Glandorf

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Naturbeobachtung bei der Blattjagd in Sudendorf zur Brunftzeit der Rehe. Foto: Carolin HlawatschNaturbeobachtung bei der Blattjagd in Sudendorf zur Brunftzeit der Rehe. Foto: Carolin Hlawatsch

Glandorf. Die Paarungszeit der Rehe Anfang August ermöglicht Naturinteressierten beste Beobachtungschancen. Die Tiere sind nun besonders aktiv. Glandorfs Hegeringleiter Stefan Farwick demonstriert, wie man durch das Imitieren des „Ricken-Fiepens“ - dem Reizton des weiblichen Rehs - die Rehböcke aus ihren Verstecken locken kann.

Ausgerüstet mit Fernglas, Jagdrucksack und Gewehr macht sich Stefan Farwick auf zur „Blattjagd“. Um seinen Hals hängt eine Art Pfeife aus Rehgehörn, in Jägersprache „Blatter“ genannt. „Auf dem Blatter kann ich verschiedene Töne erzeugen die den Verständigungslauten des Rehwilds entsprechen“, erklärt der Jäger. Blattjagd?, Blatter?, Was hat denn das Blatt mit alledem zu tun? - „Früher nutzten die Jäger Buchenblätter um den Fieplaut des Rehs in dessen Brunft- oder auch Blattzeit als Lockmittel nachzuahmen“, weiß er.


Zu den Hilfsmitteln für die Blattjagd gehören Feldstecher und Blatter, eine Pfeife zur Nachahmung des Lockpfiffs der Ricke. Foto: Carolin Hlawatsch


Am Rande eines Felds steht einer der Hochsitze im Jagdrevier Sudendorf. 700 Hektar umfasst dieses Revier, das sich zehn Jäger teilen. Stefan Farwick schleicht zum Hochsitz um die Wildtiere nicht zu beunruhigen. So richtig leise pirschen könne man derzeit aber nicht. Alles sei so trocken, dass Halme am Boden knistern, wenn man sie auch nur leicht mit dem Fuß berührt. Doch Rehe, auf denen jetzt zur „Blattzeit“ der Fokus liegt, seien nicht so geräuschempfindlich wie zum Beispiel Rothirsche. Der Jäger klettert die steile Holzleiter empor, seine noch ungeladene Waffe um die Schulter gelegt und öffnet die Luken des Hochsitzes.

Uhu auf der Fensterbank

Ruhe kehrt ein, ein leichter Wind weht durch die Hochsitzfenster, und die ersten Tiere lassen sich an diesem Augustabend gegen 21 Uhr blicken: Drei Hasen mümmeln auf dem Stoppelfeld. Von der Katze, die an ihnen vorbei läuft, lassen sie sich nicht stören. Sperber und Mäusebussard fliegen vorbei. Diese Momente der Beobachtung und der Spannung auf das unvorhersehbare Naturgeschehen um ihn herum, seien es, was ihn an der Jagd fasziniert, sagt Stefan Farwick. So habe ihn im Dunkeln einmal ein Uhu überrascht der sich nach lautlosem Flug auf der Fensterbank des Hochsitzes niederließ und ihn plötzlich mit seinen orangen Augen anstarrte. 

Zum Abschuss eines Tieres komme es eher selten. Von der zuständigen Unteren Jagdbehörde, dem Landkreis Osnabrück, bekommen die Jäger einen detaillierten Abschussplan, in dem festgelegt ist, wie viele Tiere welcher Art innerhalb von drei Jahren in dem jeweiligen Revier erlegt werden dürfen. So soll sichergestellt werden, dass immer nur so viele Tiere erlegt werden, wie auf natürlichem Weg nachkommen. Der jagdliche Eingriff in die Natur soll nachhaltig bleiben. Der Abschussplan basiert auf den von den Jägern regelmäßig gesammelten Tierbestandsschätzungen, die sie an das Wildtiermanagement des Landwirtschaftsministeriums und des Instituts für Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover übermitteln und wissenschaftlich auswerten lassen. „In unserem Revier in Sudendorf dürfen innerhalb von drei Jahren 33 Rehböcke erlegt werden“, sagt Hegeringleiter Farwick. „Zu den 33 zählen aber auch natürlich verendete oder verunfallte Böcke“. 


Ricke mit zwei Kitzen: Naturbeobachtung bei der Blattjagd in Sudendorf zur Brunftzeit der Rehe. Foto: Carolin Hlawatsch


Der Jäger setzt die Lockpfeife an. Viermal hallt der vibrierende Laut in die Abendstille. Und tatsächlich, wenig später steht ein weibliches Reh, eine Ricke, direkt neben dem Hochsitz. Auf das Tier schießen dürfte Glandorfs Hegeringleiter nicht, denn erst ab dem ersten September ist das Jagen von weiblichen Rehen wieder erlaubt. Im Sommer werden sie geschont, da sie ihre Kitze großziehen. Blattjagd und Blattzeit bedeute immer die Jagd auf Rehböcke, die sich in den letzten Wochen der Brunft durch das Nachahmen des Fiepens brunftiger Ricken besonders leicht anlocken lassen. Doch auch eine Stunde später sind es zwei Ricken mit ihren jeweils zwei Kitzen die sich zunächst als Silhouette am dämmrigen Horizont bewegen. Der Jäger erkennt das von weitem am besten am fehlenden Geweih. Nur die Böcke tragen ein Geweih mit dem sie ihre Rangordnung ausfechten. Die Rehe kommen näher um sich am Fallobst auf der anliegenden Streuobstwiese zu laben.

Blind vor Liebe

Jetzt während der Paarungszeit käme es immer mal wieder vor, dass man Kitzen begegnet, die ohne ihre Mutter unterwegs sind. Hormonbedingt seien die erwachsenen Tiere derzeit etwas außer Rand und Band. Böcke treiben die Weibchen teilweise stundenlang vor sich her, bis diese sich zur Paarung bereit erklären. Dabei entstehen kreisförmige Pfade, die auf Feldern oder Waldwiesen gut zu erkennen sind und „Hexenringe“ genannt werden. Da die Tiere derzeit buchstäblich blind vor Liebe sind, bittet der Deutsche Jagdverband (DJV) Autofahrer um besondere Achtsamkeit. Wer auf Landstraßen sein Tempo von 100 auf 80 Stundenkilometer drossele, der reduziere seinen Bremsweg um 25 Meter. Dies könne überlebenswichtig sein – auch für das Wildtier, denn ein Aufprall endet für die 20 Kilogramm schweren Rehe fast immer tödlich. Allein im vergangenen Jagdjahr ließen 195420 Rehe ihr Leben auf deutschen Straßen.


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