Selbsthilfe der Blinden und Sehbehinderten Glandorfer Appelbaum: „Lasst euch nicht entmutigen“

Von Petra Pieper

Betroffenen Mut machen, das hat sich Rainer Appelbaum zur Aufgabe gemacht. Auch er selbst gibt sich mit Armbinde und Langstock als Sehbehinderter zu erkennen: So erfahre man eher Rücksichtnahme und Unterstützung. Foto: Petra PieperBetroffenen Mut machen, das hat sich Rainer Appelbaum zur Aufgabe gemacht. Auch er selbst gibt sich mit Armbinde und Langstock als Sehbehinderter zu erkennen: So erfahre man eher Rücksichtnahme und Unterstützung. Foto: Petra Pieper

Glandorf. In der Selbsthilfegruppe der Blinden und Sehbehinderten für Bad Rothenfelde und das südliche Osnabrücker Land tauschen sich Menschen über ihre Erkrankungen, Therapie- und Diagnosemöglichkeiten, sozialrechtliche Fragen und Hilfsmittel aus. Experten, Ärzte und Optiker informieren über Neuerungen in der Augenheilkunde. Wichtigste Aufgabe der SHG: die emotionalen Stärkung der Betroffenen.

Als Rainer Appelbaum eines Morgens im Jahre 2011 erwachte und die Augen öffnete, konnte er dennoch so gut wie nichts sehen. Er hatte über Nacht einen Infarkt des zentralen Sehnervs erlitten. Seitdem ist sein Restsehvermögen auf die Wahrnehmung von Umrissen und Graustufen beschränkt. Der Fachassistent für Veterinärmedizin musste seinen Job aufgeben und mit 49 Jahren Erwerbsunfähigkeitsrente beantragen. „Ich war am Boden zerstört, fühlte mich nutzlos und elend.“

Lebensfreude

Erst langsam kam die Lebensfreude zurück, nicht zuletzt durch Unterstützung seitens des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (BSV) und des Katholischen Blindenwerks, auf das ihn ein Diakon hingewiesen hatte. „Blindheit ist keine alttestamentarische Strafe, sondern immer auch eine Chance“, findet der Mittfünfziger. Vor seiner Erkrankung sei er Handwerker gewesen, habe sich wenig um soziale Belange gekümmert. Nun erlebe er im Austausch mit anderen Menschen viel Erfreuliches, selbst neue Freundschaften seien entstanden.

Im März 2014 fühlte Appelbaum sich stark genug, auch anderen Sehbehinderten und Blinden zu helfen und gründete in Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer der Bad Rothenfelder Augenklinik Stephan Peters und dem BSV Niedersachsen die Selbsthilfegruppe (SHG). An jedem zweiten Dienstag im Monat um 14.30 Uhr treffen sich nun dort im Wintergarten der Klinik 20 bis 25 Personen. Immer wieder mache Appelbaum ihnen Mut: „Lasst euch nicht hängen, nehmt wieder am Leben teil, es hat noch so viel zu bieten.“

Fortbildung

Er selbst wohnt mit Lebensgefährtin, Hund und Hühnern auf einem Resthof in Glandorf. Die Zucht von Mechelnern und anderen Hühnerrassen erfüllt ihn mit Freude, ebenso wie Kochen, handwerkliche Arbeiten oder eben das Engagement für die SHG. In zwei Kursen ließ er sich zum Reha- und Sozialberater ausbilden und kann nun den Teilnehmern fachkundig Auskunft geben, zum Beispiel bei Antragstellungen oder Hilfsmitteln. Er rät allen Betroffenen, sich zu ihrer Behinderung zu bekennen, sich mit der gelben Armbinde zu kennzeichnen, den Langstock zu nutzen und zum Beispiel dem Busfahrer zu sagen, dass man sehbehindert ist. „Man glaubt gar nicht, wie viel freundliche Unterstützung man dann in Stresssituationen bekommt.“

Den Angehörigen rät Appelbaum: „Lassen Sie Sehbehinderten und Blinden viel Freiraum zum Ausprobieren!“ Hände, Ohren und moderne technische Hilfsmittel wie Produkterkennungsgeräte oder sprachgesteuerte Geräte könnten die Augen zu einem großen Teil ersetzen. Ein positives Beispiel ist für ihn eine 88-Jährige, die Reibekuchen nach Geruch und Gehör backt. Er selbst nutzt gern die technischen Möglichkeiten, die verschiedene Apps seines Smartphones bieten. So hört und spricht er seine Mails wie andere sie lesen und schreiben. Auch schätzt er die Audiodeskription, die gesprochene Beschreibung von Bildern und Handlungen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen anbietet: „Damit können wir auch TV gucken.“

Politik

Appelbaum betrachtet die SHG auch als eine politische Initiative. „Es geht uns um die Verbesserung unserer Lebensbedingungen und darum müssen wir uns in Fragen der kommunalen Verkehrsplanung und auch der baulichen Gestaltung von öffentlichen Gebäuden einmischen.“ Sehbehinderte haben andere Bedürfnisse als zum Beispiel Rollstuhlfahrer, die möglichst ebene Wege brauchen; für Blinde sind Höhenunterschiede zwischen Fahrbahn und Gehweg wichtig, damit sie per Langstock den Unterschied ertasten können.

Wichtig ist auch die Teilhabe an Fortbildungsveranstaltungen des Büros für Selbsthilfe und Ehrenamt sowie an kulturellen und Freizeitangeboten. Mit Unterstützung zweier sehender Assistentinnen, Johanna Wahl und Elke Riesenbeck, sorgt Appelbaum für attraktive Ausflüge. So geht es in Kürze zum Stadttheater Bielefeld, das Aufführungen mit Live-Audiodeskription und vorheriger Bühnenführung in Begleitung einer Theaterpädagogin anbietet. „Dann können wir vorher das Bühnenbild ertasten.“ Tast- und Sinnesführungen hat die Gruppe auch schon im Museum Cloppenburg und im Rosengarten Bad Rothenfelde erlebt. Beim Zoobesuch in Münster konnten die Teilnehmer Felle streicheln, Eier ertasten, Schlangen berühren. Und am Dümmer haben sie Aale von Hand gefangen: „Sie sehen, bei uns ist es nicht langweilig.“ Mehr aus Glandorf im Netz

Kontakt

Jeder Blinde und jeder Sehbehinderte und sowie seine Angehörigen sind in der SHG willkommen. Die Teilnahme ist kostenlos, man kann auf Wunsch auch anonym zu einem Schnupperbesuch kommen und einfach nur zuhören. Neue Teilnehmer können sich zunächst telefonisch mit Rainer Appelbaum in Verbindung setzen, Tel. 05426/1607. „Dann ist die erste Hemmschwelle schon überwunden!“, weiß er aus Erfahrung.