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Vom Vogt zum Brenner und Brauer Das Wirken Johann Conrad Schlauns in Hilter ist nur eine Legende

31.12.2014, 13:23 Uhr

hpr Hilter. Er sieht aus wie ein trutziger Wehrturm, war es aber nie. „Diese Legende hält sich hartnäckig, ist aber falsch“, weiß Baltz Hartman-Hilter (83). Sein Großvater Ludwig Hartmann, der sich noch mit zwei n schrieb, habe das Bauwerk erst in den 1920-er Jahren als Glockenturm bauen lassen. Dennoch steht er unter Denkmalschutz. Allein diese Tatsache verwundert den Hilteraner, der Anfang der 1950-er Jahre in das Familienunternehmen einsteigen sollte.

Historisch sei an diesem Bauwerk nichts, sagt er und trifft damit auch die Einschätzung von Elisabeth Sieve, Denkmalschützerin beim Landkreis Osnabrück. Das schützenwerte Bauwerk habe aber eine ortsgeschichtliche Bedeutung, weil er Teil einer Fabrik war. Deshalb also erhielt der Turm das Denkmalschutzsiegel. Und mit dem Aufbau Anfang des letzten Jahrhunderts hat der Turm auch nichts mit Baumeister Conrad Johann Schlaun zu tun, der von 1695 bis 1773 lebte.

Es mehren sich auch die Zweifel, ob der Baumeister und Architekt des Barock tatsächlich Spuren in Hilter hinterlassen hat. In touristischen Beschreibungen wird immer wieder das ockergelbe Rathaus in Beziehung zu Schlaun gesetzt. Doch das ist wohl nur eine Legende, die sich hartnäckig hält. Sie mag entstanden sein, weil Schlaun 1751/1752 mit dem Bau des Klosters Iburg beschäftigt war. Spekulation ist allerdings, dass sein Auftraggeber, der Abt Hane, den Baumeister nach Hilter entsandt hat, um dort das 1751 abgebrannte Gutshaus seines Vogtes Hartman wieder aufzubauen.

Die Gemeinde Hilter beschreibt auf ihrer Website: „Der Grundstein für das heutige Rathaus, genannt das Steinerne Haus, wurde im Jahr 1751 gelegt, nachdem der große Brand das damalige Gutshaus völlig zerstörte. In den Jahren 1920 bis 1922 wurde der frühere Herrensitz Hartman Hilter auf zwei Stockwerke erweitert. Die Verwaltung der Gemeinde arbeitet seit 1978 in dem denkmalgeschützten Gebäude“.

Baltz Hartman-Hilter, der die lange Geschichte seiner Familie pflegt und fortführt, hat in der Familienchronik keinen Hinweis auf eine Tätigkeit des Barockbaumeisters in Hilter gefunden. „Es gibt weder Zeichnungen, noch Verträge“. Auch er hing zunächst der Legende an, weil seine Familie, so Hartman-Hilter, über 250 Jahre den Vogt zu Hilter gestellt hat. Als Abt Adolph Hane (1706-1768) das Kloster Iburg leitete, war Franz Ignatz Hartman Vogt in Hilter.

Das Werkverzeichnisses des Barockbaumeisters (Ulrich Schulze und Florian Matzner: „Johann Conrad Schlaun. 1695–1773. Das Gesamtwerk. 2 Bände“) räumt mit der Legende auf. In Band II fand Baltz Hartman-Hilter nur einen Hinweis auf Schlaun zur Iburg. Der Baumeister habe Pläne für die Iburg gemacht, die aber Abt Hane so verändert habe, dass Johann Conrad Schlaun – möglicherweise verärgert – die Bauleitung niedergelegt habe. Hartman-Hilter: „In diesem zweibändigen Gesamtverzeichnis findet sich kein Hinweis auf die persönliche Anwesenheit Schlauns in Iburg.“ Damit könne auch nicht mehr davon ausgegangen sein, dass Schlaun in Hilter für ein vergleichsweise zweitrangiges Bauwerk eines Vogtes Pläne geliefert habe.

Auch im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege findet sich kein zwingender Beleg für Schlauns Eingriff in Hilter. Wiebke Dreeßen, in Oldenburg zuständig auch für das Osnabrücker Land, fand beim Aktenstudium heraus, dass das Rathaus Hilter aufgrund der „geschichtlichen Bedeutung aufgrund des Zeugnis- und Schauwertes für die Bau- und Kunstgeschichte“ unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Antrag hatte der Heimatbund Osnabrücker Land in den 1980er-Jahren Schlaun erwähnt: „Die ehemals eingeschossige Anlage des Herrenhauses weist nach Anordnung und verschiedenen Bauteilen auf ein Alter von mehr als 300 Jahren hin. (…) Die Gesamtanlage sowohl zur Straße (Bundesstraße) als auch die ehemalige Gartengestaltung lassen Bezüge zur Handschrift des großen westfälischen Baumeisters Johann Conrad Schlaun aufkommen“. Dieser Hinweis sollte wohl die Denkmalpfleger für den Antrag einnehmen.

Wie dem auch sei, als der Herrensitz schließlich Anfang der 1920-er Jahre aufgestockt wurde, sei auch der Glockenturm entstanden. Vielleicht aus einer Laune seines Großvaters heraus, schmunzelt Hartman-Hilter: „Der Turm ähnelt möglicherweise alten Speicherbauten, die aber keine Fenster hatten“.

Im Familienunternehmen wurden in diesen Jahren Marmelade und Himbeersirup hergestellt – ein Geschäftsfeld, mit dem wohl mehr Geld als mit Spirituosen oder Gerstensaft zu verdienen war. Der Turm diente als Materiallager für Etiketten und Verpackung sowie als Pferdestall und als Remise für die Pferdewagen, mit denen unter anderem die Früchte für die Produktion vom Bahnhof Hilter abgeholt wurden. Zuvor waren auf dem westlichen Gelände des Hartmannschen Familiensitzes seit 1863 Schnaps gebrannt worden. Ludwig Hartmann, der Großvater von Baltz Hartman-Hilter, erlernte 1889 noch die Braukunst und stellte das Teutonen-Bräu her. Später ging die Firma in die Germania-Brauerei über.

Die Familiengeschichte Hartmann ist geprägt von der unterschiedlichen Schreibweise – mal mit zwei „N“, mal mit einem „N“. So wird der alte Herrensitz Hartman genannt, Baltz Hartman-Hilter schreibt sich noch heute mit einem „N“. Den Zusatz Hilter trägt die Familie seit den 1930er-Jahren.

Der Herrensitz der Familie Hartman wird heute nach Aufstockung als Rathaus genutzt. Dass der Barockbaumeister Johann Conrad Schlaun hier planerisch tätig wurde, darf bezweifelt werden.