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Umsonst und draußen Poetry-Slam im Bad Iburger Casablanca

Von Petra Pieper | 21.08.2015, 12:25 Uhr

Die Mischung stimmte: Zwischen Anspruch und Unterhaltung lieferten drei junge Poetry-Slammer aus Berlin am Mittwochabend einen modernen Dichterwettstreit, der das Publikum im Casablanca-Biergarten in Bad Iburg trotz langsam herankriechender Kühle stundenlang in seinen Bann zog.

Viele der rund 120 Besucher waren erstmals bei einem Poetry Slam und ließen sich gern von Organisator Mitch Miller das Verfahren erklären. Die Akteure tragen in fünf bis sieben Minuten ihre selbstverfassten Texte vor, das Publikum stimmt mit „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“ über die Qualität ab.

„Cäsar der Worte“

Der Osnabrücker Miller, in Fachkreisen selbst als Autor bekannt, hatte mit Max Gebhard, Marvin Weinstein und Nick Pötter drei junge, aber bereits profilierte Berliner Slammer nach Bad Iburg geholt, die sich um die Ehre eines „Cäsars der Worte“ bewarben. Dabei ging es letztlich weniger um den Titelgewinn als um die vielfältige Wortkunst, mit der die jungen Männer – zwei Studenten, ein Lektor – mal skurril, mal humorvoll, immer aber ambitioniert ihre Sicht auf das Leben vorstellten.

Außer Konkurrenz, aber nicht weniger wortgewandt, trug Fabian von Wegen, der sich selbst einen postmodernen Troubadour nennt, Lieder aus seinem aktuellen Programm „Liebe, Klamauk, Gesellschaft“ vor. Mit seinem dynamischen Song „Ich mach dein Herz auf“ eroberte der Sänger und Gitarrist zu Beginn des Abends sogleich die Herzen der Zuhörer, denen er anschließend mit der ruhigen Ballade „Wir fliegen und fallen“ die Chancen und Risiken der Liebe nahebrachte.

Einen geeigneten Einstieg für das altersmäßig bunt gemischte Publikum fand Wortakrobat Max Gebhard mit seiner „Hommage an ein Märchen“. In einem Parforceritt durch den Grimmschen Märchenkreis, kunstvoll verknüpft mit Anmerkungen zur bundesdeutschen Gegenwart, präsentierte Gebhard die Sorgen und (Liebes-)Nöte eines jungen Mannes. Viel Beifall erhielt auch Marvin Weinstein für seine „Dreieinhalb Gute-Nacht-Geschichten“, in denen er für die Bewahrung kindlicher Träume und entsprechender Freiräume plädierte. Nicht Reisen über die Weltmeere, in den Dschungel oder ins All seien dazu erforderlich, „was man braucht, ist nur ein Wort“ – eben einen Poetry Slam.

Berliner U20-Meister

Nur Zustimmung gab es auch für Nick Pötter, den U20-Meister Berlin von 2013, der seine Gedanken über die Liebe in den Bereich griechischer Mythologie verlegte. Dass sich Zeus, Hera und Hermes dabei modernster IT-Technologie bedienen, mit Siri konferieren, googeln, sich per Whats App verständigen und dennoch Probleme haben, die Liebe zu finden, honorierten die Zuhörer ebenfalls mit voller Punktzahl.

Freestyle-Zugabe des Siegers

Im nächsten Durchgang forderte Organisator Miller das Publikum auf, auch mal Minuspunkte zu vergeben, doch letztlich kamen sowohl Weinsteins bizarre „Zombie-Apokalypse“ als auch Gebhards vorgebliche „Naturlyrik“ gut an. Begeisterung riefen Pötters „Vier Geister“ hervor: Ein junger Mensch ringt um die Entscheidung, ob er nun die Weisheit, den Reichtum, die Gesundheit oder die Liebe zum Maßstab seines Lebens wählen soll. Nach seiner Wahl zum „Cäsar der Worte“ erfreute Nick Pötter das Publikum noch mit einer Freestyle-Zugabe auf Zurufe aus dem Publikum.

„Toll, die Auseinandersetzung mit diesen Themen und die sprachliche Kreativität beeindrucken mich sehr“, lobte Ulrike Schwarze, „ das ist eine ganz neue Kultur neben Theater und Kabarett.“ Auch Sabine Weigelt war von der Leistung der Poetry Slammer sehr angetan: „Man muss sich schon sehr konzentrieren, um jede Anspielung, jeden Wortwitz mitzubekommen.“ Gut gefiel den beiden Osnabrückerinnen auch die lauschige Atmosphäre im Biergarten und der flotte Service. Einen Wunsch hätten sie für das nächste Mal: „Wir möchten auch die weibliche Sicht auf das Leben hören.“

Gut unterhalten fühlte sich auch Familie Heuer aus Bad Iburg, die mit Tochter Ariane erschienen war. Als erfahrener Poetry-Slam-Besucher bewertete Achim Wille das Niveau des Abends als „hoch“. Seine Tochter Saskia will demnächst häufiger zu derartigen Veranstaltungen gehen. Die nächste Gelegenheit im Casablanca bietet sich am 23. September.