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Moderne Zeiten in der Milchwirtschaft Kontroverse Diskussion zum Buch „Die Wegwerfkuh“ in Georgsmarienhütte

Von Werner Barthel, Werner Barthel | 01.06.2016, 11:41 Uhr

Die Irritationen, die im Vorfeld der Autorenlesung in der Katholischen Landvolkhochschule Oesede aufgetreten waren, hatten auch etwas Positives: Sie sorgten für regen Zuspruch bei der von den Kreis-Grünen initiierten Veranstaltung. Rund 100 Zuhörer, zumeist Landwirte aus dem Osnabrücker Land, wollten sich mit der Kritik auseinandersetzen, die Tanja Busse in ihrem Buch „Die Wegwerfkuh“ äußert.

Sowohl der Sprecher der Grünen, Tobias Demircioglu, der auch die Diskussion leitete, als auch Andreas Brinker von der Landvolkhochschule, waren gleich zu Beginn bemüht, die Wogen zu glätten und Missverständnisse auszuräumen. Im Raum stand vor allem die vom „LandvolkReport“ gestellte Frage: „Wirbt die Landvolkhochschule für ‚Die Wegwerfkuh?‘ Brinker stellte klar, dass die Grünen es versäumt hatten, rechtzeitig mit der Leitung der Landvolkhochschule über Inhalt und Umfang der geplanten Veranstaltung zu sprechen. Stattdessen sei man durch die überall platzierten Plakate vor vollendete Tatsachen gestellt worden. ( Weiterlesen: Lesung in Oeseder Landvolkhochschule sorgt für Stress )

Strukturwandel in der Milchlandwirtschaft

In ihrer Lesung machte Tanja Busse deutlich, wie sehr der Strukturwandel in der Milchlandwirtschaft nach den Prinzipien der Industrie verlaufen sei: Seit den letzten zwei, drei Jahrzehnten hätten die Ziele Intensivierung, Technisierung, Spezialisierung und Standardisierung gelautet. Die Folgen machen jetzt Politikern wie Landwirten zu schaffen: Preisverfall, Überdüngung der Äcker und steigende Existenzängste unter den Landwirten seien einige dieser Fehlentwicklungen. Busse: „Es wird höchste Zeit für einen Richtungswandel.“ ( Weiterlesen: Steuermillionen für Milchbauern: Kritik aus den Niederlanden )

Gewissenlose Praktiken

Mit vielen Beispielen aus der Praxis war die Autorin, die Beiträge zu diesem Thema in Zeitungen und Fachzeitschriften veröffentlicht hat, zunächst bemüht, die augenblickliche Situation aus ihrer Sicht zu schildern. Doch so groß die allgemeine Empörung über gewissenlose Praktiken einiger Betriebe auch sei, so ihr Fazit, scheine sie doch an dem Argument zu zerschellen, dem sich kaum einer entziehen kann: Die moderne Landwirtschaft ist überaus effizient, schafft sie es doch, große Mengen an Milch, Fleisch und Eiern günstig zu produzieren. Busse: „Dabei können aber nur Großbetriebe überleben, die Kleinen werden in den Ruin getrieben.“ ( Weiterlesen: „Hart aber fair“: Tim Mälzer wird wohl kein Vegetarier )

Neugestaltung der Preisbindung

In der Neugestaltung der Preisbindung sieht die Autorin eine Möglichkeit, eine Fehlentwicklung zu beenden. „Die Preise müssen sich nach den Entstehungskosten richten, nicht nach Angebot und Nachfrage.“ Einige mutige Projekte, von denen Busse berichtete, bewiesen überdies, dass es auch anders geht. So sei die „solidarische Landwirtschaft“ in einigen Gegenden Deutschlands ein Beispiel für einen Neubeginn. Dort hätten sich Konsumenten und Landwirte zusammengeschlossen und legten gemeinsam Fleisch- und Milchmengen fest. Dieses Arrangement helfe, die Existenz der Landwirte zu sichern, weil sich die Verbraucher im Gegenzug verpflichteten, bei ihnen zu kaufen. ( Weiterlesen: Einkommen der Bauern bricht um 70 Prozent ein )

Kraftvolle Kälber

Neben Albert Schulte to Brinke, Landwirt aus Bad Iburg und Vorsitzender des Kreislandvolkes, nahm eine große Zahl anwesender Landwirte Stellung zu Busses Thesen. Hauptkritikpunkt neben dem „verfehlten“ Titel ihres Buches war vor allem die verzerrende Aneinanderreihung abschreckender Beispiele. Lediglich ein Besucher unterstützte Busses Meinung. Er sei aus Melle mit dem Fahrrad nach Oesede gekommen. „Auf diesen gut 30 Kilometern habe ich kein einziges Kalb bei seiner Mutter auf einer Weide gesehen.“ Damit handelte er sich allerdings die bitterböse Replik einer erbosten Bäuerin ein: Er hätte nur sechs Kilometer weiter fahren müssen, um 24 Kälber mit ihren Müttern bewundern zu können. Auf den Punkt brachte ein anderer die überwiegende Einstellung der hiesigen Landwirte: „Wir ziehen nicht mit letzter Kraft Kälber groß, sondern legen unseren ganzen Stolz in kraftvolle Kälber.“