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Behinderung wird Nebensache 15 starke Frauen lieben ihre Freitagsrunde in GMHütte

Von Frank Muscheid, Frank Muscheid | 26.12.2016, 13:52 Uhr

Den Termin verpassen „Die Hexen“ nie. Für die derzeit fünfzehn Frauen mit dem orginellen Namen geht es freitags von 16 bis 18.15 Uhr ins Familienzentrum „Maries Hütte.“ Elf haben Behinderungen, aber vor allem gemeinsam ganz viel Spaß.

„Alle unterschiedlich und doch alle gleich“, sagt Thessa Trentmann, wie Julia Vinke, Nina Haunhorst und Carolyn Klein Betreuerin. An diesem Freitag ist Spielenachmittag. Einige haben ihre Favoriten mitgebracht. Charlene zum Beispiel „Schnappt Hubi“, eine Geisterjagd. „Das ist mein Lieblingsspiel, weil wir das in unserer Familie gespielt haben.“ Es mache Spaß, die Figuren durch das Spukhaus zu schicken. Nebenan zeigt Nadine glücklich lachend auf ihren großen Memorystapel – gewonnen! „Ich bin froh, dass ich hier sein darf“, zeigt Annika auf einer Alphabet-Tafel. „Das ist ein bisschen Ablenkung vom Alltag.“ Sie ist autistisch, spricht nicht. Das hier ist mal Rauskommen von Zuhause. Einige leben bei den Eltern, einige im Wohnheim.

Alles was Laune macht

„Es macht mir viel Spaß“, sagt Carolin am Mensch-Ärger-Dich-Spiel. „Wir können hier viel unternehmen.“ Das Spiel hat Ebru mitgebracht, „das habe ich zum Geburtstag bekommen“. Sie ist stark sehbehindert, aber Spielfiguren, Start, Zielfelder und der Würfel lassen sich ertasten. Ebru: „Wir kennen uns schon länger und haben schon viele nette Dinge gemacht.“ Sie seien „unternehmenslustig, experimentierfreudig und mutig“, sagen die Frauen über sich. Genießen Kino- und Marktbesuche, Cocktailnachmittage, Schmink- oder Bastelfreitage, Spaziergänge im Kasinopark, Kirmes oder Wellness. Das wird aus der Gruppenkasse bezahlt. Die Deko für den Gruppenraum haben sie selbst gebastelt, auch eine Fotostory, und bald soll ein neuer Kalender mit selbstgerahmten Fotos der „Mädels“ aufgehängt werden. Am 16. Dezember steigt die Weihnachtsfeier, dann wird gewichtelt.

Mit viel Empathie

„Die Betreuer machen immer einen Plan“, sagt Ebru. Nach Vorschlägen der Gruppe. „Heute haben wir Betreuerinnen besprochen, was bis Jahresende passiert“ so Thessa: „Es geht darum, dass sie möglichst eigenständig sind, nicht, wer welche Behinderung oder Schwächen hat – sondern dass wir als Mädels nett zusammensitzen. Schön, zu sehen wie jeder trotz seiner Behinderung – die hier totale Nebensache ist – gut miteinander auskommt. Wie sich alle super verstehen und verständigen können.“ Sie lernt Heilerziehungspflegerin, Julia Erzieherin, Nina ist Heilerziehungspflegerin und studiert jetzt Heilpädagogik. „Das Wichtigste ist, eine Beziehung zu dem jeweiligen Menschen aufzubauen, die Bedürfnisse zu erkennen und dass ich mich an die Kommunikation des anderen anpasse“, sagt Thessa. Zum Beispiel Ja-Nein-Fragen bei jemand, der nicht sprechen, aber hören kann, oder die richtige Mischung aus Nähe und Distanz. „Manche kommunizieren zum Beispiel wie Annika durch Berührung. Man braucht Empathie.“ „Da muss man mit ganz viel Herzblut rangehen“, sagt Julia – ohne „Förderplan“, sondern „mit Lust drauf – einfach hinsetzen und machen. Keine Vorurteile haben, sondern einfach auf die Menschen zugehen.“ „Wir müssen gucken, dass keiner untergeht, dass wir jeden gleichberechtigt wahrnehmen“, sagt Nina.

Zwei Stunden abschalten

Barbara Peters hat Tochter Katharina diesmal später mitgebracht, die gerade nicht so fit sei. „Sie ist von Anfang an, seit 15 Jahren, in der Gruppe“, erzählt sie. Das Freizeitangebot haben Eltern aus einem Arbeitskreis für Integration heraus initiiert. „Die Mädels haben sich supergut zusammengefunden! Für Katharina ist ganz klar – Freitag ist Gruppenzeit.“ Ein fester Termin, wie bei Barbara Peters anderen Kindern, entspannte zwei Stunden und regelmäßiger Kontakt „zwischen jungen Frauen – die bringen andere Dinge rein, als wir das als Mütter könnten. Gerne wird hier auch Disco gemacht. Die haben immer was zu erzählen.“ Heike Rahes Tochter Vanessa macht seit zwei Jahren mit. „Sie wollte nur mal gucken, aber dann gefiel es ihr sehr, sehr gut“, sagt die Mutter. Es bereichere die Kontakte zu Gleichaltrigen, zwei Stunden außer Haus „ist für alle entspannend“. Annikas Mutter Gabi Petersmann sagt: „Wir sind fast 15 Jahre dabei. Wir suchen noch jemanden, mit dem sie sich schreibt – sie sucht sich ihre Leute genau aus.“ Für sie sei die Gruppe „die einzige Chance, rauszukommen“. Diese akzeptiere sie, „wie sie ist. Ich kann sie ruhigen Gewissens hier hin bringen und bin richtig froh drüber.“ Sie finde „toll, dass es junge Menschen gibt, die so viel Herzblut mitbringen und unsere Kinder kennenlernen wollen – und uns damit auch helfen.“ Das Programm hier sei „genial“. Freitag könnten „wir Mütter uns auch mal zum Kaffee treffen“. Auch Sigrid Thormanns Tochter Nadine findet es seit Anfang an „gut“ bei den „Hexen“ – vor allem „Musik hören“. „Sie lebt seit drei Jahren im Wohnheim und wird in diese Gruppe gebracht, weil ihr das ganz wichtig ist“, erzählt die Mutter.

Betreuung weiterhin gesucht

Vor drei Jahren wurde der Raum neu gestrichen, eine Bank und mehrere Stühle sind aus Spenden finanziert. Die weiterhin gern gesehen sind. Schließlich soll es auch nach den ersten drei Tanzstunden in der Tanzschule Albrecht über den Winter mit einer Tanzstunde monatlich weitergehen, langsamer Walzer war bislang ein Highlight. „Wir hätten gern noch ein Sofa“, sagt Julia Vinke, die seit fünf Jahren dabei ist. Ob es wieder einen Kuchenverkauf für die Gruppenkasse gibt, hänge davon ab, „wie wir aufgestellt sind.“ „Wenn sich noch Gruppenleiter melden würden, wären wir dankbar“, sagt Thessa, wie Nina erst seit Oktober in der Gruppe. Es wird eng im Raum, als alle aufbrechen. Die Zeit ist für „Die Hexen“ wieder wie im Flug vergangen.