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Aus für ein Erfolgsmodell? Schulleiter der Comeniusschule Georgsmarienhütte über Inklusion

Von Kathrin Pohlmann | 14.10.2014, 07:30 Uhr

Seit mehr als 40 Jahren gibt es die Comenius-Förderschule in GHMütte. Nach den Plänen der niedersächsischen Landesregierung zur Inklusion wird sie allerdings zum Auslaufmodell. Andreas Viehoff (61) ist seit 2005 Leiter der Comeniusschule. Im Interview äußert er sich zu den Plänen der Regierung und berichtet über die Erfahrungen aus seinem Schulalltag.

Herr Viehoff, was steckt eigentlich hinter dem Begriff Inklusion? Der Begriff Inklusion basiert auf einer UN-Menschenrechtskonvention. Das ist eine Gesetzgebung, die nicht ausschließlich auf Schule bezogen ist. Es besteht die Forderung, dass alle Menschen, auch die mit einer Benachteiligung, eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft erfahren sollen. Das Gesetz ist also sehr allgemein gehalten.

Ist Inklusion also kein festgezurrtes Bildungskonzept? Bezogen auf die UN-Konvention auf keinen Fall. Das ist keine schulische Konvention, sondern eine allgemeine. In den einzelnen Bundesländern legt man jedoch den Schwerpunkt der Inklusion auf eine veränderte schulische Gesetzgebung. Das hat zur Konsequenz, dass kein Kind ausgesondert werden soll, wenn es den Anforderungen der Schule nicht entsprechen kann.

Förderschulen sind im Inklusions-Konzept nicht vorgesehen. Ist Ihre Schule dann ein Auslaufmodell? Bezogen auf das Land Niedersachsen, ist sie möglicherweise ein Auslaufmodell . Wir bauen bereits seit zwei Jahren die Primarstufe ab. Das heißt, wir haben keine Klasse eins und zwei mehr. Zudem werden wir in den kommenden zwei Jahren auch die dritte und vierte Klasse auslaufen lassen müssen. Im Spätherbst 2014 erwarten wir eine große Schulgesetzänderung, die möglicherweise beinhaltet, dass auch die Sekundarstufe in der Förderschule Lernen abgeschafft wird. Es herrscht allerdings momentan ein bildungspolitischer Streit zu dieser Maßnahme.

Wie steht es denn dann konkret um Ihre Schule? Neben einer Förderschule sind wir zugleich auch ein Förderzentrum . Von Georgsmarienhütte aus werden die Förderschullehrkräfte in allen Grundschulen im Rahmen einer Sonderpädagogischen Grundversorgung und in allen weiterführenden Schulen im Rahmen inklusiver Maßnahmen im Südkreis Osnabrück eingesetzt. Dort werden Kinder vor Ort gefördert, Lehrkräfte und Eltern beraten und Diagnosen über Kinder erstellt. Außerdem organisieren wir Fortbildungsveranstaltungen. Das Ganze würde bei Auflösung unsere Schule nicht mehr existieren und damit ein bestehendes Netzwerk nicht mehr genutzt werden können. Laut Kultusministerin sollen jedoch diese Förderzentren zu Regionalen Inklusionszentren umgebaut werden. Das heißt also, unsere Schule wird möglicherweise zu einer rein administrativen Einrichtung ohne Kinder.

Aber Schüler hätten Sie dann trotzdem hier an Ihrer Schule? Das ist eben die große Diskussion. Ich sage jetzt erst mal „Nein“. Jedoch befürchte ich, dass nicht alle Kinder und Jugendliche im Allgemeinen Bildungssystem ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert werden können.

Warum haben wir denn eigentlich eigene Förderschulsysteme? Die Eltern sehen in diesen Schulen einen gewissen Schutz für ihre Kinder. Die Schüler werden individuell gefördert. Dieser Schutz wird auch dadurch gewährleistet, dass wir ausgebildete Fachkräfte, kleine Klassen und ein intensives Netzwerk mit sozialen Einrichtungen haben. Lehrer haben bei uns nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch in einem hohen Maße einen Erziehungsauftrag. Und da ist auch eine emotionale Bindung zu den Schülern notwendig und in dieser Schule gegeben. Das kann ein großes System in dem Umfang nicht leisten.

Würden Sie sagen, dass Ihre Schule ein Erfolgsmodell ist? Man muss einfach wissen, dass fast alle unserer Schüler eine Ausbildungsstelle bekommen. Das ist eine bessere Quote als an den meisten allgemeinen Schulen. Das geschieht genau mit dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben. Wir haben Schülerfirmen, wir arbeiten mit der Bildungswerkstatt, der Agentur für Arbeit und vor allem auch mit Patenbetrieben aber auch mit Jugend- und Gesundheitsämtern zusammen. Diese Kooperationen sind für die Zukunft der Jugendlichen sehr wichtig und bieten ihnen eine gesicherte gesellschaftliche Teilhabe, also Inklusion. Das ist das eine. Hinzu kommt, dass nahezu alle Schülerinnen und Schüler unserer Schule einen Hauptschulabschluss erwerben.

Sie haben eine Online-Petition zum „Erhalt der Förderschulen“ gestartet, richtig? Das ist nicht unsere Petition. Das ist eine Petition, die im norddeutschen Raum von Eltern initiiert wurde. Sie hat nichts mit unserer Schule zu tun. Aber richtig ist, dass unsere Elternvorsitzende vor zwei Jahren eine Unterschriftenaktion im Landkreis durchgeführt hat, zum Erhalt der Förderschule Lernen. Sie hat innerhalb kürzester Zeit mehr als 1000 Unterschriften von Eltern, deren Kinder eine Förderschule Lernen besuchen, erhalten. Es ging sogar über den Landkreis Osnabrück hinaus. Es gibt einige Petitionen zu dem Thema. Eltern sehen darin die einzige Möglichkeit aufzubegehren. Sie wünschen sich, dass ihnen die Wahl zwischen einer Förderschule und einer inklusiven Beschulung in einer allgemeinen Schule erhalten bleibt.

Was erleben Sie im Alltag in Diskussionen mit Eltern? Sind die nicht verunsichert, was die neuen Regelungen betrifft? Aber absolut. Wir haben ja erst vor zwei Jahren mit der Einführung der Inklusion begonnen und machen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Inklusion hat ja auch eine große Wirkung auf das Allgemeine Schulsystem. Die Lehrkräfte dieser Schulen werden vor völlig neue Anforderungen gestellt. Auch Wissenschaftler sagen, dass wir uns erst einmal ein wenig Zeit mit dem Ganzen lassen sollten. Das weitere Vorgehen der Inklusionsdebatte könnte sich im Herbst zu einem bildungspolitischen Streit entwickeln, der ausgefochten werden muss.

Sie sind Förderschullehrer und haben eine spezielle Ausbildung. Wie sieht das mit Lehrern allgemeiner Schulen aus? Ich habe mit Freuden gehört, dass Lehrkräfte, die an niedersächsischen Universitäten für allgemeine Schulen ausgebildet werden, mittlerweile auch Seminare im Bereich der Sonderpädagogik belegen müssen. Das ist neu und kann inklusiven Unterricht sehr unterstützen. Jedoch muss auch sichergestellt werden, dass weiterhin Förderschullehrkräfte ausgebildet werden. Kultusministerin Heiligenstadt hat zugesagt, dass in den nächsten Jahren an den Universitäten Oldenburg und vermutlich auch Hannover die Studienplätze im Fachbereich Sonderpädagogik verdoppelt werden sollen.

Was wäre Ihr Traum? Mein Traum wäre, wir würden uns einordnen in ein relativ überschaubares, einfaches System. Ich sehe gar nicht unbedingt die Notwendigkeit einer eigenständigen Förderschule, man muss aber die Bedingungen dieses Schultyps halten. Das bedeutet: Fachpersonal, kleine Klassen und individuelle Förderung und das oben erwähnte Netzwerk. Genau das brauchen wir. Solange das nicht gewährleistet ist, sollte über Veränderungen sehr verantwortungsvoll nachgedacht werden.