Migrationsforschung der Uni Osnabrück GMHütter Realschüler erforschen Familienbiographien

Von Petra Pieper

Praxisnahe Migrationsforschung in der Klasse 6d der Realschule. Foto: Petra PieperPraxisnahe Migrationsforschung in der Klasse 6d der Realschule. Foto: Petra Pieper

Georgsmarienhütte. Mit dem Projekt „Familienbiographien“ beteiligte sich die Klasse 6d der Realschule an einem Forschungsvorhaben des Instituts für Migrationsforschung (IMIS) der Universität Osnabrück.

Bereits vor den Herbstferien hatten die 24 Mädchen und Jungen Fragebögen zu Namen und Wohnorten ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ausgefüllt. Anhand dieser Daten erstellte die Doktorandin Anna Kaim Karten, die die Wanderungsbewegungen in den Familien darstellen. Für die Schüler war es dabei oft sehr überraschend, ihnen bislang unbekannte Tatsachen und Zusammenhänge ihrer eigenen Familiengeschichte zu erfahren.

Wurzeln in Kasachstan, Türkei oder Gambia

Im Gespräch mit den älteren Generationen sei vielen bewusst geworden, dass ihre Familie gar nicht immer in Georgsmarienhütte gelebt habe, berichtete Klassenlehrerin Maren Stindt-Hoge. Während ein Junge stolz berichtete, dass sein Opa die Familienabstammung „bis auf die Kreuzritter“ zurückführe, erzählten andere von ihren Wurzeln in Kasachstan, Türkei oder Gambia.

„Betrachtet man nur die letzten 100 Jahre, so haben letztlich alle Familien ihren Wohnsitz gewechselt, die eine Hälfte eher innerhalb eines 50-Kilometer-Radius, die andere über deutliche längere Strecken“, erklärte Projektleiter Professor Christoph A. Rass, der seit 2015 mit etlichen Schulen entsprechende Reihen durchgeführt hat.

Familiengeschichte ist oft auch Migrationsgeschichte

Gemeinsam mit dem Experten für Russlanddeutsche Migration, Juniorprofessor Jannis Panagiotidis, hat Rass nachgewiesen, dass Familiengeschichte fast immer auch Migrationsgeschichte ist: „Manche ziehen aus Liebe in eine andere Stadt oder ein anderes Land, andere der Arbeit wegen, wieder andere sind auf der Flucht.“ Familien seien stets in Bewegung. Damit erhalte das Wort „Migrationshintergrund“ so Rass, einen ganz anderen Klang: „Wenn Migration so selbstverständlich ist“, habe sie eher verbindenden als trennenden Charakter.“ Diese Erkenntnis hebe die Trennung zwischen „den Sesshaften“ und „den Migranten“ auf.

Hüttenarbeiter, Vertriebene, Gastarbeiter, Boatpeople, Russlanddeutsche und Flüchtlinge

Dass immer schon viele Menschen nach Georgsmarienhütte gezogen und hier heimisch geworden seien, bestätigte Bürgermeister Ansgar Pohlmann: Harzer und polnische Hüttenarbeiter, Vertriebene aus dem Osten, Gastarbeiter, Boatpeople, Russlanddeutsche und Flüchtlinge. Er lobte die Forschungsarbeit der Schüler und unterstrich, das Thema gehöre „standardmäßig“ in alle Schulen.

Rass lobte die engagierte Arbeit der Schüler: „Ihr habt, wie die Historiker, Zeitzeugen befragt und Dokumente analysiert.“ Dabei hätten die Sechstklässler Berührungspunkte zwischen der „großen Geschichte“ und ihrer Familiengeschichte gesehen und sich von Schicksalen berühren lassen. Die Klassenlehrerin freute sich über die Aufgeschlossenheit der Kinder: „Ihr seid jetzt für das Thema sensibilisiert und werdet es eigenständig weiterverfolgen“, ist sie überzeugt.

Gesprächsthema in den Familien

Auch in den Familien sei Migration zu einem Gesprächsthema geworden. Am Freitagnachmittag, 8. Dezember, treffen sich interessierte Erwachsene, die bereits dort ausliegende Fragebögen ausgefüllt haben, zu einem ähnlichen Workshop in der Stadtbibliothek.

Dass sie heute, nach oftmals unruhigen Zeiten für ihre Familien, friedlich und sicher in Georgsmarienhütte leben können, wissen die Kinder zu schätzen: „Wir können in der Schule lernen, Freunde treffen und nachmittags im Park oder in den Wäldern herumstreifen“, betonten die 12- und 13-Jährigen.


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