Jenseits der Postkartenidylle Satiriker Dieter Nuhr zeigt sich von unbekannter Seite



Georgsmarienhütte. Im Museum Villa Stahmer präsentiert Kabarettist Dieter Nuhr außergewöhnliche Fotografie. Auf Reisen dokumentiert er auf künstlerische Art Schauplätze des Verfalls, des Verlassenseins und des Elends.

Ein schiefes Bettgestell aus Eisenrohr vor einer rauen Putzwand, darauf einige schmuddelige Bettdecken, auf dem Boden achtlos dahin geworfenes Bonbonpapier. Automatisch fragt man sich, wer hier gehaust haben könnte: Jemand auf der Flucht? Ein Obdachloser? Jedenfalls scheint die düstere Szenerie jemanden so fasziniert zu haben, dass er sie fotografiert und im Großformat in der Villa Stahmer aufgehängt hat.

Es ist kein Unbekannter: Der Kabarettist und Moderator Dieter Nuhr hat die Bilder fotografiert, die zurzeit in Georgsmarienhütte ausgestellt werden.

Nuhr hat Kunst studiert

Der Andrang war groß, als der beliebte Satiriker persönlich seine Ausstellung in der Villa Stahmer eröffnete. In seiner humorvollen Art nahm er in seiner Begrüßung einigen Skeptikern die Worte aus dem Mund: „Jetzt fotografiert der auch noch, wann fängt er denn an zu singen“, formulierte Nuhr die Befürchtung einiger Besucher. Dass der in Ratingen lebende Mann des Wortes das Fotografieren nicht als Hobby und Nebenbeschäftigung betrachtet, führte er den Gästen glaubhaft vor Augen: „Mir ist meine bildnerische Arbeit genauso wichtig wie meine Arbeit auf der Bühne“, sagte Nuhr, der an der Folkwangschule in Essen Bildende Kunst auf Lehramt studiert hat, bevor er beschloss, ins Kabarettfach zu wechseln.

Schauplätze des Verfalls

Die Arbeiten des Fotografen Nuhr verblüffen nicht nur durch die Motive, die durchweg bei Reisen ins Ausland entstanden. In Bulgarien, Moldawien, Iran oder Mexiko spürte er den abseitigen Schauplätzen des Verfalls, des Verlassenseins, des Elends nach – jenseits touristischer Postkartenidylle. Kurze Kommentare neben den Fotos geben Auskunft über die Motive, die er grundsätzlich nicht inszeniert. „Wer weiß, wer oder was mit diesem Schalter ausgeschaltet wurde“, fragt er in seiner zynischen Art, wenn ein alter Stromschalter auf seinem Foto zu sehen ist.

Beeindruckend ist auch die Präsentation der Fotos. Sie sind großformatig auf feinporiges Spezialmaterial gedruckt, eine Technik, die aus der Werbetechnik kommt und von Nuhr für seine Zwecke modifiziert wurde. Es entsteht der Eindruck, als habe er auf Leinwand gemalt. „Bei jedem Bild handelt es sich um ein Unikat“, betont Galerist Torsten Obrist. Das bedeutet: Jedes Foto, das Dieter Nuhr vergrößert, ist in der Form nur einmal existent. Und: In China, wo er zeitgleich eine Ausstellung in Beijing zeigt, sind andere Arbeiten zu sehen, als hier.


Museum Villa Stahmer, Georgsmarienhütte: Dieter Nuhr – Fotografien. Bis 26. November, Di. und Do. 9-12 Uhr und 15-18 Uhr, So. 10-13 Uhr und 15-18 Uhr.

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