Versicherung gegen teuren Tod Sterbekassen im Osnabrücker Südkreis auf dem Rückzug

Meine Nachrichten

Um das Thema Georgsmarienhütte Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Bestattungen waren auch schon in der Vergangenheit mit unvorhergesehenen Kosten verbunden. Sterbekassen milderten die Belastungen. Symbolfoto: SchulzBestattungen waren auch schon in der Vergangenheit mit unvorhergesehenen Kosten verbunden. Sterbekassen milderten die Belastungen. Symbolfoto: Schulz

Georgsmarienhütte/ Hagen/Hasbergen/Hilter/Dissen. Das Modell der Sterbekasse, eine Art Versicherung gegen teuren Tod, war früher gang und gäbe. Jetzt stirbt es langsam aus. Ein Blick in den südlichen Landkreis.

Anfang Februar rief die Holzhauser Gemeinschaftshilfe, einstmals Sterbekasse, ihre verbliebenen Mitglieder zur Jahreshauptversammlung ins Pfarrheim. „Unsere Mitglieder sind zumeist schon älter, und wir nehmen keine neuen mehr auf“, berichtet Schriftführer Hugo Meyer. Gegen einen geringen Jahresbeitrag erwerben sich die Mitglieder nach dem Solidaritätsprinzip das Anrecht auf einen Kostenzuschuss für ihre Beerdigungskosten. „Bei uns zahlt jedes Paar 10 Euro pro Jahr und kann dafür 210 Euro im Todesfall erwarten.“ Da diese Summe bei den inzwischen auf mehrere Tausend Euro angewachsenen Bestattungskosten keine wirksame Entlastung mehr bringe, habe man das Auslaufen der Gemeinschaftshilfe beschlossen.

Versicherungen übernehmen Fälle

Heute hat sich zumeist die Versicherungswirtschaft des Problems angenommen. Aber es gibt sie noch, die kleinen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden viele Sterbekassen als Selbsthilfeeinrichtungen in Unternehmen oder begrenzten örtlichen Gebieten. Am 21. Januar 1923 gründete sich die Notgemeinschaft Harderberg, und sie hilft bis heute. Rund 300 Mitglieder können im Todesfall finanzielle Unterstützung in Höhe von 550 Euro erwarten. Je nach Zahl der Sterbefälle werden von den Mitgliedern 26 Euro pro Paar eingezogen. Sterben nur wenige Mitglieder, entfällt die Beitragspflicht, sterben mehr, muss nachkassiert werden. „Das ist Solidarität auf lokaler Ebene“, sagt Mitglied Günther Kassen.

Aufgelöste Sterbekassen

Auch in Oesede hat es lange eine Sterbekasse gegeben, die als „Sodalität der Verehelichten“ bekannt war. Diese katholische Vereinigung, deren Name sich, wie Dr. Wolfgang Seegrün erläutert, vom lateinischen Begriff sodalis (Freund, Genosse) ableitet, wurde vermutlich nach dem 1. Weltkrieg gegründet und hatte als Zweck die finanzielle Unterstützung von Eheleuten im Todesfall. Daneben gab es wohl auch noch eine Jungfrauensterbeversicherung. Der Jahresbeitrag wurde zu Lichtmess fällig, dafür gab es dann zwei Kerzen, erinnert sich Margret Funke, deren Eltern Mitglieder waren. Heute ist die Sterbekasse aufgelöst, stattdessen kümmert sich die Nachfolgeorganisation „Solidarität Familienhilfe“ um die Unterstützung bedürftiger Familien.

Fokussierung auf Grabpflege

In Hagen gab es bis Mitte der 1980er-Jahre eine Art Sterbekasse innerhalb der Kolpingsfamilie, sagt der Historiker Gerd Holtkotten. Adolf Kolping habe im Rahmen des Gesellenvereins schon früh für die soziale Absicherung der Handwerksburschen Sorge getragen. Die Hagener Sterbekasse habe zum Schluss allerdings nur noch Zuwendungen für Grabpflege ausgezahlt.

Weder bei der evangelischen noch der katholischen Kirche in Hasbergen ist etwas von der Existenz etwaiger Sterbekassen bekannt, allerdings erinnert sich der ehemalige Kirchenvorsteher Rudolf Henning, dass es am Roten Berg früher einmal eine Sterbekasse gegeben habe, die vermutlich zur Zeit des Bergbaus entstand.

Ursprung in den 1880er Jahren

Anrecht auf ein Sterbegeld hatten auch schon sehr früh die Arbeiter auf der Hütte. Bereits vor der Einführung der Sozialversicherungsgesetze im Deutschen Reich in den 1880er-Jahren hatte der Georgs-Marien-Hütten- und Bergwerksverein eine Knappschaftskasse eingerichtet, die als Kranken- und Pensionskasse fungierte. Arbeiter und Arbeitgeber zahlten jeweils die Hälfte der Beiträge. Das Sterbegeld betrug das Zwanzigfache eines Tageslohns, berichtet Kurt Schüttler in der Hasberger Chronik.

Wann bei der ältesten Firma in Dissen, der mehr als 250 Jahre alten Druckerei Beucke und Söhne, der „Unterstützungsverein Ludwig Beucke“ seine Tätigkeit aufgenommen hat, weiß der ehemalige Mitarbeiter Heinz Minneker nicht, aber bis in die 1980er-Jahre hinein hätten Firmenangehörige zur Geburt eines Kindes und auch im Sterbefall einen spürbaren finanziellen Zuschuss bekommen. Auf Unterstützung konnten auch Homann-Mitarbeiter rechnen.

Zusätzliche Serviceleistung

Manche Vereinigungen, die sich in der Hauptsache einem anderen Vereinszweck widmeten, hatten als zusätzliche Serviceleistung ein Sterbegeld im Gepäck. So bekamen und bekommen noch heute diejenigen Mitglieder der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB aus Hagen und Oesede, Wallenhorst und Bad Laer und anderen Gemeinden, die vor Ende 1975 KAB-Mitglied wurden, im Todesfall 100 DM, berichtet Bistumsarchivar Martin Brune. Dieter Mesker erinnert sich, dass in der Siedlergemeinschaft Dissen, die sich nach dem Bau der Siedlungen Schützenstraße und Feldstraße in den 1930ern gründete, in den 1970er-Jahren beim Tod eines Siedlers von den Vereinsmitgliedern ein Umlagebeitrag für die Beerdigungskosten gesammelt wurde.

Hilfe auf Gegenseitigkeit

Hilfe auf Gegenseitigkeit sei in der Vergangenheit auch in Borgloh verbreitet gewesen, berichtet Heiner Stegmann. Bauern, die ja nicht über einen Arbeitgeber sozialversichert waren, zahlten in eine Sterbekasse. Möglicherweise habe der Pastor die Kasse verwaltet, denn die Kirche habe im 19. Jahrhundert als Vorläufer von Genossenschaftskassen auch viele Geldgeschäfte getätigt, hat der Kirchenarchivar herausgefunden. Parallel zur Sterbekasse habe es auch eine „Kuhkasse“ gegeben, denn eine Kuh sei insbesondere für kleine Bauern und Heuerlinge Garant existenzieller Absicherung gewesen. Kam das wertvolle Tier beim Kalben oder durch Unfall zu Tode, war das ein herber Schlag, der mit Mitteln aus der Kuhkasse abgefedert werden konnte.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN