Vierjähriger Albtraum Stasiopfer referiert im Georgsmarienhütter Rathaus

Von Barbara Müller


Georgsmarienhütte. Diese Geschichte klingt so unwahrscheinlich, dass man sie nur glauben mag, weil ein unmittelbar Betroffener sie erzählt: Als seine Tarnung als DDR-Spion aufzufliegen droht, verlässt Vater Raufeisen Hals über Kopf Hannover und flieht mit seiner nichts ahnenden Familie in die DDR. Doch damit beginnt eine viereinhalbjährige Odyssee- zumindest für den 16-jährigen Sohn Thomas, der seine Erlebnisse in einem Buch zu verarbeiten suchte. Im Rathaus der Stadt stellte er es vor.

Beginn dieser „deutschen Tragödie“, wie es im Untertitel des Buches heißt, war der 22. Januar 1979. Der Jahrhundertwinter hatte auch Hannover, die Heimat der Familie Raufeisen, fest im Griff. „Den Tag werde ich nie vergessen“, erzählte Thomas, der Jüngere der beiden Brüder, „alles war anders als sonst: Mein Vater war zu Hause und verbreitete Hektik.“ Er drängte zum sofortigen Aufbruch gen Usedom, wo sein schwerkranker Vater lebte. Die Familie ahnte zu jenem Zeitpunkt noch nichts von dem Doppelleben des Vaters – dreißig Jahre lang hatte keiner etwas gemerkt, hatte keiner Anlass, misstrauisch zu werden. Vater Raufeisen war jeden Tag seiner Arbeit als Ingenieur nachgegangen, Sohn Thomas besuchte gerade die elfte Klasse des Gymnasiums.

Erst die überstürzte Flucht weckte erste leise Zweifel und verbreitete Unbehagen und Misstrauen in der Familie: Wie sollten sie an ein Visum kommen, das doch normalerweise Wochen vor einem Besuch von den Verwandten in der DDR beantragt werden musste? Warum wurden sie an der Grenze in Sekundenschnelle durchgewinkt und vor allem: Warum wurden sie von einem Stasi-Wagen nach Ostberlin in ein feudales Gästehaus eskortiert?

Erst in dieser Unterkunft packte Vater Raufeisen aus. Sein neues Credo: „Wir werden hier ein neues Leben beginnen.“

Die beiden Söhne reagierten unterschiedlich auf diese Hiobsbotschaft: Michael, der Ältere, rebellierte sofort und ließ keine Ruhe, bis er nach einigen Monaten wieder ausreisen durfte. Thomas dagegen war wie paralysiert. „Ich kam mir vor wie in einem bösen Traum, der mich völlig bewegungslos und handlungsunfähig zurückgelassen hatte.“

Was er auch auf Geheiß der Stasi begann, ob bald abgebrochener Schulbesuch auf einem Elitegymnasium –„Ich war überall nur ein Außenseiter, bindungslos und von allen gemieden“ – oder nach kurzer Zeit Ausbildung zum Kfz-Mechaniker: Er war nicht mehr er selbst, stand neben sich und ließ alles nur noch über sich ergehen.

Als Vater Raufeisen merkte, was er angerichtet hatte, waren alle seine Versuche, den verhängnisvolle Schritt rückgängig zu machen, nur der Beginn des zweiten Teils der Tragödie: Mehrere Ausreisegesuche wurden abgelehnt, ein missglückter Fluchtversuch über Ungarn führte zu der Verhaftung der jetzt dreiköpfigen Familie. Thomas wurde nach einem dreizehnstündigen Verhör zunächst in das Stasigefängnis Hohenschönhausen und später nach Bautzen gebracht. Die Urteile waren im Prozess schnell gefällt: Vater Raufeisen wurde zu einer lebenslangen Strafe verurteilt (er starb später in der Haft bei einer Operation), seine Frau musste für sieben und Thomas für drei Jahre ins Gefängnis. Während seine Mutter die volle Strafe absitzen musste, endete der Albtraum für Thomas nach vierzehn Monaten: Von einem Tag auf den anderen kam er frei und durfte nach Hannover ausreisen.

„Zunächst stand ich vor einem Scherbenhaufen. Es dauerte einige Zeit, bis ich wieder ich selbst war und mein Leben in den Griff bekam.“ Er holte schließlich das Abitur nach, studierte und wurde Ingenieur wie sein Vater. Einige Jahre später zog er nach Berlin. Heute führt er Reisegruppen und Klassen durch „sein“ Gefängnis Hohenschönhausen und besucht Schulen, um von seinem Schicksal zu berichten.

Bei einer dieser Führungen traf er im Sommer vergangenen Jahres auf eine Realschulklasse aus Georgsmarienhütte. Günter Liegmann, der Klassenlehrer, ließ den Kontakt bald wieder aufleben und holte Thomas Raufeisen jetzt für drei Tage in die Stadt. Neben der Veranstaltung im Rathaus erzählt er auch in Realschule und Gymnasium der Stadt und in Bad Iburg von seinem gut vierjährigen Martyrium.


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