Nach mehr als 60 Jahren ist Schluss Ende des Jahres schließt GMHüttes letzter Tante-Emma-Laden



Georgsmarienhütte. „Nah und gut“ steht am kleinen Laden am Heideweg: Brötchen, Milch, frisches Obst und Gemüse, Wurst, Waschpulver oder Getränke von Apfelsaft bis Sekt – alles, was im Alltag benötigt wird, bekommen die Harderberger seit mehr als 60 Jahren bei Ursula Fellmann. Ende des Jahres ist damit Schluss.

Die 78-Jährige schließt ihr Geschäft mit dem nostalgischen Einkaufscharme, das bis heute immer auch lokales Kommunikations- und Informationszentrum ist: „Es lohnt sich einfach nicht mehr. Die Stammkundschaft stirbt weg, und die jungen Leute kaufen lieber auf dem Weg von der Arbeit im Supermarkt ein.“

Wehmut ist dabei aber nicht in ihrer Stimme: „Im letzten Jahr hätte ich es noch gar nicht gekonnt, den Laden aufzugeben. Da hab ich gedacht, dann fehlt dir etwas. Aber dieses Gefühl ist jetzt nicht mehr da.“

Der Umsatz ist um mehr als die Hälfte zurückgegangen, seit im Sommer 2011 das Aus als Edeka-Standort gekommen ist. Ein Schritt der Zentrale, mit dem Fellmann eigentlich schon eher gerechnet hatte: „Wir konnten ja vom Sortiment und der Verkaufsfläche her mit modernen Märkten ja schon länger überhaupt nicht mehr mithalten.“

Rund 1000 Quadratmeter müssen es inzwischen mindestens sein, damit sich heute für eine Einkaufsmarkt-Kette eine Filiale rechnet. Gerade mal knapp 90 Quadratmeter hat der Harderberger Mini-Markt, der inzwischen seit dreieinhalb Jahren von der Edeka-Tochter Mios beliefert wird, zu seinen Hochzeiten in den 70ern nach der Erweiterung gehabt – plus ein genauso großes Lager. „Wir mussten ja immer schnell die Regale wieder voll machen“, erinnert sich die Betreiberin noch genau an diese tollen Jahre. Damals waren fünf Mitarbeiterinnen nötig, um am Verkaufstresen die Kundenwünsche schnell zu erfüllen, deckte das Sortiment die ganze Breite von Lebensmitteln bis Geschirr und Textilien ab.

Einzelhandelsjahre, die nicht mehr wiederkommen. Mehr als fünf Lebensmittelgeschäfte hat es da am Harderberg gegeben – davon allein drei am Heideweg. Bis auf Fellmanns Tante-Emma-Laden sind alle schon länger weg. Fleischerei, Drogerie, Schuhgeschäft, Friseur, Post – alles nicht mehr da. Die letzte Bäckerei hat 2006 nach 100 Betriebsjahren aufgegeben.

„Wir haben lange durchgehalten. Aber die Kosten sind höher als der Umsatz, und dann macht es keinen Sinn mehr“, gibt es für die Inhaberin ohne jede Sentimentalität keine Alternative. Fellmann: „Es ist immer weniger geworden, und wenn ich nicht meine Tochter gehabt hätte, wäre es sowieso nicht so lange gegangen.“

Seit 26 Jahren arbeitet Anke Überwasser inzwischen in dritter Generation im Familienbetrieb, betreut die Lottoannahme. Gemeinsam mit Hildegard Köhne, die nach 25 Beschäftigungsjahren zwischenzeitlich zunächst in Rente gegangen war, bevor sie dann ihr Aushilfe-Comeback feierte, wird bis „zum bitteren Ende“ für den Verkaufsservice gesorgt – montags bis samstags von 6.30 bis 12 Uhr sowie in der vergangenen Woche zum letzten Mal auch Freitagnachmittag. Früher war 52 Stunden in der Woche geöffnet – auch sonntags.

Das Geschäft bestimmt seit Jahrzehnten Ursula Fellmanns Leben. Die Ursprünge des Ladens gehen bis 1932 zurück, als ihr Großvater Theodor Sieme einen Milchhandel startete. Es wurde umgebaut, das Angebot erweitert – bis 1954 dann der Verkaufsraum am Standort gebaut worden ist. Zunächst gab es dort nur Milch und Käse sowie weitere Milchprodukte. Die Erlaubnis, auch Konfitüre oder Schokolade zu verkaufen, folgte erst ein paar Jahre später. „Das kann sich heute keiner mehr vorstellen“, blickt die 78-Jährige zurück.

Ein Schmunzeln liegt in ihrem Gesicht, wenn sie vom damaligen Renner Speiseeis erzählt: „Das galt, bis in den 70ern dann die Eisdielen kamen, als das leckerste Eis im Ort. Die Leute standen damals sonntags richtig Schlange, und geschlagene Sahne gab es für 50 Pfennig die Schale.“ Gute-Alte-Zeiten-Erinnerungen, die bleiben – genauso wie die Gedanken an die treue Kundschaft: „Das ist toll, wie viele Stammkunden wir immer noch haben. Denen gilt auch unserer besonderer Dank für das Vertrauen, dass sie uns all die Jahre geschenkt haben.“ Zum wirtschaftlichen Überleben reicht das aber nicht.

Die Verkaufsfläche ist schon vor einigen Jahren auf rund 40 Quadratmeter verkleinert worden. Darüber, was aus dem Laden jetzt wird, will sich Ursula Fellmann erst mit ein bisschen Abstand auseinandersetzen: „Anfragen gibt es, aber es ist viel liegen geblieben. Das wird in Ruhe aufgearbeitet. Dann sehen wir weiter.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN