Blick ins Jenseits GMHütter schreibt Roman über Nahtod-Erlebnisse

Von Anne Spielmeyer


Georgsmarienhütte. Dass der Tod kommen kann, ohne anzuklopfen, ist unheimlich. Dass er erst anklopft und dann doch wieder verschwindet, ist vielleicht noch unheimlicher. Johannes Michels aus Georgsmarienhütte spürt seit 18 Jahren dem Phänomen der Nahtod-Erfahrung nach. Mit seinem neuen Buch „Auch Zweifler kommen in den Himmel“ hat er sich erstmals an einen Tatsachen-Roman gewagt.

Auf dem Wohnzimmertisch von Johannes Michels stapelt sich der Himmel. Die Buchdeckel künden von irdischen und überirdischen Erlebnissen. Sein neuestes Buch „Auch Zweifler kommen in den Himmel“, erschienen im Benno-Verlag, legt der emeritierte Erziehungswissenschaftler stolz auf „Zu Besuch im Himmel“ und „Berichte von der Jenseitsschwelle.“ Seit Jahren sammelt er Nahtod-Erfahrungen von Betroffenen, ist in Netzwerken unterwegs, um mit Menschen zu sprechen, die dem Tod ins Gesicht geblickt haben – durch Krankheit etwa oder schwere Unfälle.

Seine zweite Frau war schwer erkrankt, begegnete im Koma ihrem verstorbenen Vater. „Anfangs dachte ich, das sind Träume“, sagt der 75-Jährige. Als er jedoch hört, dass alles eingetroffen ist, was der Vater seiner Tochter sagt, wird er stutzig. So nachdenklich, dass er noch heute darüber schreibt. Das pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erschienene Buch unterscheidet sich von den vorherigen. „Die Geschichte ist auch jetzt tatsächlich erlebt und authentisch“, nimmt Michels Entscheidendes vorweg. „Aber ich reihe nicht mehrere Berichte aneinander, sondern schildere ein Ereignis als Tatsachen-Roman.“

Warum? Weil dieses Ereignis sich anbiete. Der Protagonist, Bodo G., Professor für anatomische Pathologie zieht durch alle Talkshows, polarisiert bei Medizin- und Philosophiestudenten. Alle anderen seien Trottel – nur er, er kenne die Wahrheit, eine atheistische allerdings. Geist und Seele, das weiß der Mediziner, hat er beim Präparieren nie gesehen. Wo bitte sollen sie sein? „Er macht unflätige Bemerkungen über den Körper eines Obdachlosen. Er ist ein echter Unsympath“, charakterisiert Michels ihn.

Ausgerechnet dieser Professor stürzt, wird ins künstliche Koma versetzt, begegnet erst einer Lichtgestalt und verlangt kurzum nach Jesus Christus. „Dieser Mann, der vorher so gespottet hat, hat eine Nahtod-Erfahrung“, sagt Michels. Er trifft Jesus Christus, sieht die Wundmale – erwacht irgendwann aus dem Koma, „restlos überzeugt“. Der einst trommelnde Atheist lässt sich taufen. Die Fallhöhe hätte größer nicht sein können. „Was, wenn nicht dieses Erlebnis spricht für die Stichhaltigkeit der Berichte?“, fragt Michels. Kritiker und Zweifler gebe es immer. Über Alt-Kanzler Helmut Schmidts Satz „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, kann er nur lachen. „Mit ratio allein kann man das Phänomen nicht fassen“, erklärt er. „Spiritualität ist wichtig.“ Es gebe diese, die Vernunft übersteigende Kommunikation mit Verstorbenen oder anderen Gestalten, ist Michels sich sicher.

Sind für ihn selbst, etliche Gespräche und einige Bücher später, die wichtigsten Fragen rund ums Nahtod-Erlebnis mit diesem Roman beantwortet? „Nein“, sagt er bestimmt. „Überrascht werde ich immer wieder.“ Besonders beschäftigen ihn momentan zwei Nahtod-Erlebnisse bei vollem Bewusstsein. „Geht das? Bei vollem Bewusstsein?“ Ein Phänomen, dem er vielleicht auch noch schreibend nachgehen wird. Eines ist klar: „Sie werden von mir lesen.“


Über den Autor: Johannes Michels, geboren 1938 in Laubach-Leienkaul/Eifel, promovierte in Erziehungswissenschaften und war als Pädagoge und Direktor an Bildungsanstalten, vor allem für Hörgeschädigte, tätig. 1990 wurde er als Professor an die Universität Osnabrück (Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften) berufen; es folgten Berufungen an die Königlich-Spanische Staatsuniversität in Valencia (Fachbereich Psychologie) und an die Universität von Zielona Góra in Polen (Germanistik).

Über Nahtod-Erlebnisse: Nahtod-Erfahrungen sind für die Wissenschaft ein heikles Thema. Untersuchungen unter Laborbedingungen sind eigentlich unmöglich, weil die künstliche Herbeiführung eines dem Tode nahen Zustands nicht zu rechtfertigen ist. In der klassischen Medizin beschäftigten sich die neurophysiologische Forschung und die Psychologie mit diesem Phänomen. Halluzinationen, Träume, Psychosen und krankhafte Selbstwahrnehmungen sind Erklärungsversuche von Wissenschaftlern.

2013 stellten Forscher aus den USA jedoch mit einer Tierstudie fest, dass die Hirnaktivität nach einem Herzstillstand ansteigt. Etwa jeder fünfte Überlebende eines Herzstillstands berichtet von Nahtoderfahrungen. Die Studie liefere einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz für solche Erfahrungen. Weitaus häufiger trifft man auf spirituelle und esoterische Interpretationen. Einige Wissenschaftler ziehen allerdings inzwischen auch eine transzendente Idee zur Deutung der Nahtod-Erfahrungen in Betracht.

gc/asp/dpa