Streitfall Hindenburg Historiker referiert in GMHütte zu strittigen Straßennamen

Von Rolf Habben

Referierte im Gemeindehaus der Lutherkirche: Hans-Ulrich Thamer. Foto: Rolf HabbenReferierte im Gemeindehaus der Lutherkirche: Hans-Ulrich Thamer. Foto: Rolf Habben

Georgsmarienhütte. Seit einigen Jahren wird in vielen Kommunen kontrovers und leidenschaftlich über Straßennamen gestritten. „Ehre wem Ehre gebührt? Symbolkämpfe um die Umbenennung von Straßennamen“ war daher das Thema, zu dem auf Einladung der Volkshochschule Osnabrücker Land der renommierte Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer im Gemeindehaus der GMHütter Lutherkirche die Rolle Hindenburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beleuchtete.

Straßennamen sollen die Erinnerung an eine historische Person wach halten und sie ehren. Sie stünden für bestimmte Werte, denen auch eine Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft zukäme. Sie besäßen daher nicht zuletzt auch eine symbolische Dimension. Das Hauptaugenmerk richte sich, Jahrzehnte nach der „Konsens-Diktatur“, auf Personen, die direkt und indirekt an der Etablierung und Rechtfertigung der NS-Herrschaft mitgewirkt hätten, ohne sich in ihrer Mehrheit unmittelbar an Unrechtshandlungen und Verbrechen beteiligt zu haben. „Können nach heutigem Wissen und historischem Urteil über das NS-Regime die verharmlosenden Trennlinien, die man in den 1950er Jahren zwischen den Herrschaftsträgern des Nationalsozialismus als den eigentlich Verantwortlichen und dem breiten nationalkonservativen Spektrum der Verführten und Missbrauchten zog, noch aufrecht erhalten?“, war die zentrale Frage Thamers .

Der Historiker veranschaulichte unter anderem am Beispiel Münsters die zwiespältige Bewertung Hindenburgs : einerseits die charismatische Heldengestalt des Ersten Weltkriegs und der vom Volk gewählte Reichspräsident der Weimarer Republik , andererseits einer der Initiatoren der Dolchstoßlegende sowie derjenige, der durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler entscheidend zum Untergang der ersten deutschen Republik beitrug.

Die emotionale Heftigkeit der Diskussionen, die die Umbenennung von Straßennamen begleite, erkläre sich nicht zuletzt aber auch aus den alltäglichen Erfahrungen und Orientierungen der Bewohner einer Stadt und vor allem der Anwohner einer betroffenen Straße. Straßennamen dienten zwar in erster Linie der räumlichen Orientierung, sie prägten sich allmählich und dauerhaft aber auch in das Alltagsleben ihrer Bewohner ein, ohne dass man sich der historischen Bedeutung des jeweiligen Namens bewusst sein müsse.

400-mal Hindenburg

Zu einer flächendeckenden Umbenennung der vielen meist zentral gelegenen Hindenburg-Straßen – wie in Alt-GMHütte – sei es nach 1945 trotz Weisung des Alliierten Kontrollrats nicht gekommen. Noch heute gäbe es knapp 400 von ihnen. Auch in Münster, seit 1927 mit einem Hindenburg Platz, versickerte eine entsprechende Empfehlung einer interfraktionellen Kommission. Im Zehnjahresrhythmus sei sie jedoch immer wieder aufgeflammt. Am 21. März 2012 entschied Münsters Stadtrat mit 53 zu 23 Stimmen, den Hindenburgplatz in Schlossplatz umzubenennen. Bei einem darauffolgenden erfolglosen Bürgerbegehren hatten sich 60 Prozent für den neuen Namen entschieden. Als Reichspräsident der Weimarer Republik habe der Ex-Militär die Rechte des Parlaments durch das Instrument der Notverordnungen und Präsidialkabinette eingeschränkt, wenn auch verfassungskonform. Hindenburg sei aber eindeutig „Steigbügelhalter Hitlers“ gewesen. Straßennamen seien immer Ehrung und Denkmal. Deshalb sei es folgerichtig, Hindenburg kein Denkmal zu setzen, so Thamer

Eine „Entsorgung der Vergangenheit durch die bloße Abnahme der entsprechenden Straßenschilder“ sei mit Sicherheit jedoch der falsche Weg. Eine historisch-politische Aufklärung über die Rolle Hindenburgs, auch in Kurzform, unter einem bestehenden oder zu verändernden Straßenschild sei allemal vorzuziehen, meint Thamer