Irrungen und Wirrungen in der Antike Waldbühne Kloster Oesede spielt „Zustände wie im alten Rom“

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Georgsmarienhütte. „Zustände wie im alten Rom“ ist zwar ein geflügeltes Wort, das verkommene, unhaltbare und ausschweifende Umstände beschreibt, aber es ist auch der deutsche Titel des Erstlingswerks „A funny thing happened on the way to the forum“ von Stephen Sondheim, dem akademischsten der amerikanisch-zeitgenössischen Musicalkomponisten. Im 26. Jahr ihres Bestehens hat sich die Waldbühne Kloster Oesede dieses 51 Jahre alten und in Deutschland wenig gespielten Klassikers angenommen.

Sklave Pseudolus (gespielt von Tobias Landwehr) träumt davon, ein freier römischer Bürger zu sein. Um seine Freiheit zu erhalten, verspricht er Hero (Tim Arlinghaus) ihn mit der lieblichen Kurtisane Philia (Annika Wesselkamp) zu verkuppeln, die eigentlich an den Feldherrn Miles Gloriosus (Volker Beermann) verkauft ist.

Natürlich dürfen Heros Eltern Domina (Susanne Borchardt) und Senex (Michael Möllenkampf) davon nichts mitkriegen und auch Pseudolus Fachvorgesetzte Hysteria (Karina Linnemann) muss erst unter Hinweis auf ihre Sammlung erotischer Tonfiguren von der Mitarbeit überzeugt werden.

In Anlehnung an Figuren des römischen Dichters Plautus entspinnt das Stück dabei dann eine Fülle von Verwirrungen und Verwechslungen, bei der ein Kaufvertrag, ein Schlaftrunk, die verschwundenen Kinder des alten Erronius (Michael Dreier), zwei Ringe mit gackernden Gänsen, die sieben Hügel Roms, ein halbes Dutzend Kurtisanen sowie deren Eigentümerin Julia Femina (Lisa Weber) und ihr Mitarbeiter Assistentotulus (Dominik Gerlach) entscheidende Rollen spielen.

Obgleich die Thematik für das prüde Amerika der 1970er Jahre vergleichsweise derb ist, ist sie doch, ähnlich Sondheims Kompositionen, vor allem der späteren Jahre, fein gedrechselt und ausgesprochen intelligent konstruiert. Das vermitteln die Laien-Darsteller, die die Premiere spielen – das Programmheft enthält in der Zweitbesetzung auch die Namen ausgebildeter Musicaldarsteller – mit viel Spaß an der Freude und noch mehr Engagement.

Ob es am strömenden Regen während der Premiere lag oder am Lampenfieber der Darsteller, lässt sich schwerlich feststellen, aber irgendwie zündete die Komödie in der Regie von Florian Hinxlage erst nach gut einem Drittel des ersten Aktes mit der ersten Verwechslung, als Philia Heros Vater Senex für ihren Käufer Miles Gloriosus hält. Dann aber richtig: Kaum eine Irrung der Handlung ließ bei den geschätzt 800 Besuchern der Premiere ein Auge trocken – und diesmal lag es nicht am Regen.

Stellvertretend für den Rest des Ensembles seien an dieser Stelle drei Namen genannt: Tobias Landwehr ist wohl der professionellste Laien-Musicaldarsteller in den Reihen der Waldbühne, sein Name taucht immer wieder auch in anderen Produktionen in Stadt und Landkreis auf. Und obwohl er seine Rolle bei der Premiere noch nicht zu hundert Prozent gefunden zu haben scheint, meistert er seine lügende, intrigante und bauernschlaue Rolle darstellerisch und gesanglich.

Karina Linnemann hat mit den leicht klingenden und schwer zu singenden Noten von Sondheim die wenigsten Probleme, bravourös singt sie sich scheinbar federleicht durch die Partitur und bleibt auch in der Darstellung adäquat. Wahrlich phänomenal ist Michael Dreier als Erronius, der es dank perfektem Timing und kleinen Gesten schafft, das Publikum mit drei Worten („Erste Runde geschafft“) völlig zu Recht zu Begeisterungsstürmen hinzureißen.

Florian Hinxlages Regie ist insgesamt solide, beinhaltet aber hinterfragenswerte Entscheidungen: Muss denn die eigentlich männliche Rolle der Hysteria (Hysterius im Original) wirklich mit einer Frau besetzt werden? Ja – wenn es im die Qualität der Darstellerin geht, nein – wenn man sein Augenmerk auf die deshalb verpuffenden Pointen im Stück legt. Auch das Einfügen des nicht im Stück enthaltenen Jazzklassikers „Puttin‘ on the Ritz“ von Irving Berlin als Eröffnung des zweiten Aktes ist eine solche Frage: Klar, die Nummer ist einerseits ein Showstopper und kommt auch entsprechend gut an; zu deutlich unterscheidet sie sich andererseits von Sondheims Partitur. Insgesamt schafft es Hinxlage aber einfühlsam und mit Augenmerk auf die Vorlage, die bestmögliche Leistung aus dem Waldbühnen-Ensemble herauszukitzeln.

Udo Niermann hat die Tanzszenen hübsch choreografiert, könnte aber insgesamt abwechslungsreicher sein. Fans und Freunde der Bühne wissen hier, dass die Darsteller vor allem in diesem Punkt mehr könnten, als sie zeigen dürfen. Wirklich toll spielt das Orchester unter Leitung von Georgi Gürov auf, seine kleine Orchestrierung trifft Sondheims Musik auf den Punkt und entfaltet ihren eigenen, wunderschönen Charme. Verantwortliche für Requisiten, Bühnenbild und Ausstattung nennt das Programmheft der Bühne für „Zustände...“ nicht, und auch wenn deshalb die Namensnennung an dieser Stelle entfällt: Auch ihre Arbeit unterstützt den Gesamteindruck des Abends nachhaltig.


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