Krieg beschädigt Menschen über Generationen Sabine Bode im GMHütter Forum Regionalgeschichte über „Kriegsenkel“

Zahlreiche Besucher fühlten sich angesprochen vom Thema ‚Kriegsenkel‘, zu dem Historikerin Inge Becher (links) Autorin und Referentin Sabine Bode im Rathaus begrüßte. Foto: Petra PieperZahlreiche Besucher fühlten sich angesprochen vom Thema ‚Kriegsenkel‘, zu dem Historikerin Inge Becher (links) Autorin und Referentin Sabine Bode im Rathaus begrüßte. Foto: Petra Pieper

Georgsmarienhütte. In der Reihe „Forum Regionalgeschichte“ las die Kölner Autorin Sabine Bode vor über 150 Zuhörern aus ihrem 2009 erschienenen Buch „Kriegsenkel“, das inzwischen in 25. Auflage erschienen ist.

In hunderten von Interviews und Gesprächen mit Betroffenen fand die Journalistin und Buchautorin heraus, dass große Teile der Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen unter unerkannten Spätfolgen der Kriegserlebnisse ihrer Eltern litten.

Ihre Eltern, geboren zwischen 1930 und 1940, waren während des Krieges noch Kinder. Schlimme Erlebnisse, Gewalt, Flucht oder Vertreibung und Neubeginn in feindseliger Umgebung, seien von dieser Generation fast immer verdrängt und nicht aufgearbeitet worden. „Das war für uns normal; andere hat es noch schlimmer getroffen“, waren die stereotypen Antworten, wenn sie Betroffene zu ihren traumatischen Kriegserlebnissen habe befragen wollen, berichtet Bode. Und dass gar die Generation ihrer Kinder, die den Krieg selbst ja gar nicht miterlebt hatten, dennoch unter diesen Erlebnissen leiden sollten, schien lange undenkbar.

„Es war ein regelrechtes Tabu, darüber zu sprechen“, berichtete Bode. Schließlich ging es den Betroffenen doch so gut, wie keiner Generation zuvor, zumindest wirtschaftlich. Dass viele von ihnen aber über ein schlechtes emotionales Verhältnis zu ihren Eltern klagen, dass sie gefühlsmäßige Beziehungen in ihrer Familie als unterentwickelt und regelrecht kalt empfinden, hat nach Bodes Überzeugung seine Wurzeln in den verdrängten Traumata der Eltern, der Kriegskinder. „Sie haben überlebt, weil sie ihre schrecklichen Erfahrungen beiseite geschoben, sich selbst betäubt haben“, ist Bode überzeugt. Es sei ihnen oft selbst nicht bewusst, dass sie mit einem Mangel an Wärme lebten, Wertschätzung für ihre Kinder nicht zeigen könnten und jegliche Veränderung ängstlich vermeiden würden.

Neben verschwiegenen und verdrängten Gewalterfahrungen – eine vergewaltigte Mutter könne ihren Kindern kaum eine unbeschwerte Haltung zur Sexualität vermitteln - hätten auch Geheimnisse und Ungereimtheiten das Weltvertrauen der Kriegskinder und Kriegsenkel erschüttert. „Wenn über die ‚falschen‘ Initialen des Silberbestecks Stillschweigen verordnet oder in familiären Narrativen aus dem Blockwart-Opa der Judenretter geworden sei, habe das bei den Betroffenen zu massiven Irritationen geführt. „Ihre Menschenkenntnis oder ihre Beziehungsfähigkeit wurden nachhaltig gestört. Sie blieben sich selbst ein Rätsel.“

Dass also Teile der Enkelgeneration zu Depressionen, Ängsten und seelischen Blockaden neigten, habe seine tiefere Ursache häufig nicht in ihrer persönlichen Biografie, sondern sei als mittelbare Kriegsfolge zu bewerten, stellte Bode fest – und rief dazu auf, das kollektive Schweigen zu durchbrechen und die Vergangenheit in den Familien emotional aufzuarbeiten. Anhaltender Beifall und viele Wortbeiträge der Besucher in der anschließenden Diskussionsrunde bestätigten Bodes Beobachtungen.


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