Als Fallschirmjäger schwer verwundet GMHütter verliert im Krieg den Arm - aber nicht den Optimismus

Hagemeyers Ausbildungsgruppe in Kragujevac (Hagemeyer hintere Reihe 5. von links mit Helm). Foto: Sammlung HagemeyerHagemeyers Ausbildungsgruppe in Kragujevac (Hagemeyer hintere Reihe 5. von links mit Helm). Foto: Sammlung Hagemeyer

Georgsmarienhütte. Als vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Hermann Hagemeyer aus Georgsmarienhütte fast 18 Jahre alt. Er hatte zu der Zeit eine klare Vorstellung von seiner persönlichen Zukunft: Er wollte Bauer werden. Dieser Traum zerbrach fünf Jahre später an der Front in Italien.

Das Foto eines Onkels, der nach Amerika ausgewandert war, hatte ihn Ende der 30er Jahre beeindruckt. Es zeigte den Mann, wie er einen mit acht Pferden bespannten Pflug führte. Das wollte Hermann Hagemeyer auch einmal machen. An den Tag, an dem diese Zukunftspläne über den Haufen geworfen wurden , erinnert er sich auch genau: Es war der  2. Oktober 1944, als er bei Lucca seinen linken Arm verlor. 

Für Hermann Hagemeyer lief das Leben nach dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 zunächst relativ friedlich weiter. Er wurde am 1. Dezember 1939 18 Jahre alt. Am 1. Oktober 1940, deutsche Soldaten standen da im Westen schon am Atlantik, rückte er zum Reichsarbeitsdienst ein. Danach arbeitete er ein paar Wochen bei Möbel Wiemann im Maschinenraum. Im Mai 1941 begann für den Bauernsohn die Ausbildung zum Funker und Fahrer bei einer Luftwaffeneinheit in Münster Loddenheide. Wenige Tage später begann das „Unternehmen Merkur“, in dem die Wehrmacht in einer verlustreichen Luftlandeoperation Kreta eroberte.

Bei dieser Schlacht verloren fast 2000 deutsche Soldaten und etwa doppelt so viele Briten, Australier, Neuseeländer und Griechen ihr Leben. Griechische Partisanen und Zivilisten leisteten Widerstand, töteten deutsche Soldaten. Die deutschen Truppen nahmen blutig Rache, brachten Hunderte Kreter um, brannten Dörfer nieder, nahmen Geiseln.

Hagemeyer kam erst viel später nach seiner Ausbildung per Schiff auf die Insel. Von Kriegsverbrechen hörte er dort nichts mehr. Auch eine feindselige Haltung gegenüber der deutschen Besatzung spürte er nicht. Im Gegenteil, in seiner Erinnerung dominiert das Positive. Er erzählt, wie er zusammen mit seinen Kameraden den Einheimischen geholfen habe, mit Metallteilen ihre hölzernen Pflüge zu verbessern: „Die Leute waren freundlich zu uns.“ Auch Jahrzehnte später, als er als Tourist auf die Mittelmeerinsel zurückkehrte, habe er dort keine Vorbehalte gegenüber den Deutschen im Krieg gespürt.

Auf Kreta wurde Hagemeyer direkt zum Radarbeobachter ausgebildet und entdeckte dabei einmal einen britischen Fliegerverband im Anflug auf Kreta. Durch die frühe Entdeckung konnte der Angriff abgewehrt werden, was dem jungen Soldaten eine Auszeichnung einbrachte: „Dadurch hatte ich ein Plus bei meinen Vorgesetzten.“ 

Als die Alliierten im Juli 1943 auf Sizilien gelandet waren und begannen, Italien von Süden her aufzurollen, wurden Teile der Besatzungstruppen auf Kreta auf dem Stiefel gebraucht, nicht als Radar-Spezialisten, sondern mit dem Gewehr in der Hand. Hagemeyer musste sich entscheiden und erinnert sich: „Da waren drei Tische aufgebaut. An einem konnte man sich zur Waffen-SS melden, am nächsten zu den Fallschirmjägern. Am dritten zur einfachen Infanterie.“ Die SS kam für ihn nicht infrage. Einfacher Infanterist wollte er auch nicht werden. „Fallschirmjäger, das war irgendwie eine höhere Klasse“, erklärt er sich heute seine Begeisterung für die Elitetruppe, die damals zur Luftwaffe gehörte. 

Hermann Hagemeyer in Uniform. Foto: Sammlung Hagemeyer

„Sport und Laufen, das war das Wichtigste“, erinnert sich Hagemeyer an die Ausbildung in Kragujevac im heutigen Serbien. Auch hier hatte Monate vorher ein Massaker stattgefunden. Als Vergeltung für einen Partisanenangriff waren im Oktober 1941 über 2300 Bewohner erschossen worden, darunter 300 Schüler mit ihren 18 Lehrern. Die angehenden Fallschirmjäger erfuhren davon nichts. Stattdessen sahen sie sich mit strengen Ausbildern konfrontiert. Nachdenken, Zögern, das gab‘s auch bei der Sprungausbildung nicht, erzählt Hagemeyer. Unten stand ein Unteroffizier mit der Stoppuhr und kontrollierte die Abstände, in denen die Männer aus der Maschine sprangen. Wer etwas zulange überlegte, wer nicht sofort dem Vordermann hinterher sprang, konnte sich anschließend zur Infanterie abmelden. Seinen Vordermann überkam beim ersten Sprung plötzlich Angst vor der Tiefe und er krallte sich in der Tür fest: "Der wurde mit Tritten auf die Hände aus der Maschine geschmissen." Fünfmal sprang Hagemeyer aus einer JU 52, zweimal aus einer HE 111, ohne zu zögern. In einem Kampfeinsatz musste er später nie springen.

Der Ernstfall trat für Hagemeyer nach der Fallschirmjägerausbildung im Spätsommer 1944 in Italien ein. Nördlich von Florenz zog sich die so genannte Gothen-Linie vom Mittelmeer über den Apennin bis zur Adria. An diesem tief gestaffelten Stellungssystem sollte den alliierten Truppen der Weg nach Bologna und in die Po-Ebene versperrt werden. Hier kämpfte Hagemeyers Einheit. Am 2. Oktober saß er mit einem Kameraden in vorderster Linie in einem Schützenloch, als abends für ihn die Hölle losbrach. Aus dem Tal geriet die Stellung, eine Kette von Schützenlöchern im Abstand von 10 bis 20 Metern, unter Beschuss der Amerikaner. „Ich konnte die Abschüsse der Granatwerfer beobachten, das Blitzen.“ Und wenig später krachten die Einschläge in die Stellung. Das benachbarte Loch, vielleicht 15 Meter entfernt, erhielt einen Volltreffer. „Ich sah, wie die beiden Männer durch die Luft flogen“, erinnert sich der Georgsmarienhütter noch heute. Er wollte zu ihnen, um zu sehen, ob er ihnen helfen könnte, und spürte plötzlich einen Schlag im linken Arm. Ein Granatsplitter hatte ihn getroffen. Er blutete und konnte nur noch den  kleinen Finger bewegen.

Mit zwei Kameraden schleppte er sich die ganze Nacht über zum Hauptverbandsplatz. Der linke Arm war notdürftig verbunden. Einer der beiden Verwundeten, die sich mit ihm durch den Wald nach hinten absetzten, war irgendwann verschwunden. Die ersten Ärzte, die Hagemeyer hinter der Front untersuchten, entschieden: Der Arm muss ab.

Viel ist ihm von diesen Tagen nicht in Erinnerung geblieben. Nur, dass er erst gedacht habe, "wäre doch besser gewesen, du hättest ein Bein verloren". Aber als er merkte, dass viele Beinamputierte starben, verscheuchte er diesen Gedanken rasch. Und die Erleichterung, als er aus dem Zugfenster das Bahnhofsschild „Mantua“ sah und wusste, dass er auf dem Weg nach Norden den Po überquert hatte. Im Lazarett in Brünn im heutigen Tschechien erholte er sich rasch. Mit einem anderen Verwundeten, der den rechten Arm verloren hatte, bildete er ein Team: beide trugen sie die Körbe für die Wäscherei.

Eines Tages besuchten ihn seine zwei Schwestern. Acht Tage blieben sie in Brünn, besuchten das Kino und schauten sich einen Film an. Worum es ging? Marika Rökk spielte jedenfalls mit. Eine der beiden Schwestern arbeitete beim Wehrbezirkskommando in Osnabrück. Sie bekam es hin, dass Hermann Hagemeyer zur Genesung ins Lazerett im Kloster in Haste verlegt wurde. Hier endete für ihn schließlich auch der Krieg. In Rothenfelde meldete er sich bei den Engländern. Und weil die auf Fallschirmjäger nicht gut zu sprechen waren, behauptete er einfach, keine Papiere mehr zu haben. Damit war das Kapitel Krieg im Oktober 1945 für ihn  beendet - ohne in Gefangenschaft geraten zu sein.

Weil er sich vor seiner Einberufung nach Ansicht des "alten Wiemann" in der Möbelfabrik bewährt hatte, bekam er auch mit einem Arm eine Stelle als Magazinverwalter. 1950 heiratete er seine Frau Hildegard, die Familie  bekam zwei Töchter.

Hermann Hagemeyer (97) lebt in Georgsmarienhütte. Foto: Michael Schwager

Ob er mal Wut verspürt habe auf Hitler, die Nazis? Auf Menschen, die letztlich verantwortlich dafür waren, dass er seinen Arm verloren hat, seinen Wunschberuf nicht ergreifen konnte, sein Leben ganz anders verlaufen ist, als ursprünglich erträumt. „Nein, das war halt damals so“, damit war für Hagemeyer das Thema Vergangenheit erledigt. Er blickte nach vorne. Man kommt auch mit einem Arm durchs Leben. Schuhe mit Klettverschluss kamen für ihn nie infrage, erzählt seine Tochter, auch wenn es mit einer Hand eine ziemliche Fummelei ist, eine Schleife zu binden. Und dass von den vier Ehepaaren, mit denen er und seine Frau alle zwei Wochen Karten gespielt haben, heute nur noch eine Mitspielerin übrig geblieben ist, ist für Hagemeyer kein Grund, Trübsal zu blasen. „Besser zu zweit Karten spielen, als gar nicht.“


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