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Podiumsdiskussion der Kolpingfamilie Holzhausen über Möglichkeiten und Grenzen der Integration Abbau von Vorurteilen und Geduld sind gefragt

Von Barbara Müller

Georgsmarienhütte. Erhat Tokas Antwort auf die Frage der Kolpingfamilie Holzhausen „Ist Multikulti wirklich am Ende?“ ließ an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „Sie kann gar nicht am Ende sein, solange ich lebe.

Mit ihm, dem vormaligen Sprecher der muslimischen Gemeinden in Osnabrück, stellten sich seine Frau Niema Keiar-Toka, Inessa Goldmann von der jüdischen Gemeinde Osnabrücks sowie Werner Hülsmann, Integrationsbeauftragter des Landkreises, den Fragen der 30 Zuhörer im Pfarrheim der Kirchengemeinde. Die Moderation lag in den Händen von Aloys Lögering, dem Leiter des Arbeitskreises der Religionen in Osnabrück.

Werner Hülsmann hatte es übernommen, den Stand der Integrationsdebatte zusammenzufassen. Auch er ließ keinen Zweifel daran, dass „Multikulti“ längst nicht am Ende sei. Hülsmann: „Multi-kulti ist eine Tatsache. Schon allein der Umstand, dass Muslime in Deutschland die drittgrößte Glaubensgemeinschaft nach evangelischen und katholischen Christen ist, beweist das.“ Damit, so der Integrationsbeauftragte des Landkreises, sei auch die Frage beantwortet, ob der Islam zu Deutschland gehöre.

Erhat Toka versuchte nicht, die größte Barriere bei den Integrationsbemühungen einzureißen, er warb stattdessen um Verständnis: „Wenn meine Glaubensbrüder und -schwestern so zögerlich Deutsch lernen, liegt das immer noch an der Überzeugung, eines Tages wieder in die Heimat zurückzukehren.“ Das sei umso verständlicher, wenn man bedenkt, welche Probleme Muslime bei Arbeits- und Wohnungssuche haben. Sein Vorschlag: Eine Qotenregelung bei beiden Anliegen. Seine Frau Niema Keiar-Toka forderte den Abbau von Vorurteilen, die ein Miteinander nach wie vor erschwerten.

Beim Thema Möglichkeiten und Grenzen der Integration konnte Inessa Goldmann, 1991 aus Lettland in die Bundesrepublik geflüchtet, auf erste sichtbare Erfolge bei dem Projekt „Judentum begreifen“ verweisen: Berührungs- und Begegnungsängste vor allem bei Kindern würden zum Beispiel beim Umgang mit Festtagsgeräten der Juden abgebaut.

Berührungsängste

Ein Zuhörer warb um Geduld bei gemeinsamen Bemühungen mit dem Hinweis, dass Deutschland schon einmal mit dem Integrationsproblem fertig geworden sei: „Es hat auch lange gedauert, bis die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg integriert waren.“

Der Hinweis des Vaters eines Grundschülers, dass sich vor allem türkische Eltern stärker an Zusammenkünften und Veranstaltungen der Schule beteiligen müssten, um ein besseres Zusammenleben zu fördern, fand ebenso breite Zustimmung wie der Vorschlag für ein umfangreiches sportliches Angebot.

Letzteres konnte Erhat Toka nur bestätigen: „Als Leiter einer Kampfsportschule kann ich jeden Tag beobachten, wie sportliche Auseinandersetzung Vorurteile verdrängen und gemeinsames Handeln stärken.“ Wichtig sei hier wie bei vielen anderen Gelegenheiten, dass Regeln beachtet und befolgt würden. Auch das Leben in und mit seiner Religion sei ein wichtiger Faktor bei allen Integrationsbemühungen. Aloys Lögering: „Jugendliche, die in ihrer Glaubensgemeinschaft Verantwortung übernehmen, werden nach meinen Erfahrungen selten auffällig oder gar kriminell.“ Sein zweiter Hinweis galt Äußerungen bekannter Politiker: Provokante oder abwertende Bemerkungen zur Integration seien nicht nur abträglich, sie unterliefen auch jegliche Integrationsbemühungen.