Beruhigungs-Video ersetzt Medikament Anästhesie mit Kino-Brille im Franziskus Harderberg

Selbstversuch: Oberarzt Andreas Niehaus (von links) und Anästhesiepfleger Dennis Biesler erläutern NOZ-Redakteur Michael Schwager im Franziskus-Hospital Harderberg in Georgsmarienhütte die beruhigende Wirkung des Happy Med vor einer Operation. Foto: David EbenerSelbstversuch: Oberarzt Andreas Niehaus (von links) und Anästhesiepfleger Dennis Biesler erläutern NOZ-Redakteur Michael Schwager im Franziskus-Hospital Harderberg in Georgsmarienhütte die beruhigende Wirkung des Happy Med vor einer Operation. Foto: David Ebener

Georgsmarienhütte. Für Programmverantwortliche beim Fernsehen ist es eine Horrorvorstellung: Ein Film, der die Menschen quasi narkotisiert. Für Andreas Niehaus dagegen, Oberarzt und Anästhesist am Franziskushospital Georgsmarienhütte, ein neues, schonendes Instrument.

"Happy-Med" heißt das Gerät eines Wiener Herstellers. Es erinnert etwas an sogenannte VR-Brillen, mit denen Filme oder Computerspiele auf Augen und Ohren übertragen werden, so dass sich der Nutzer sich in andere unreale Welt versetzt fühlt.

Oberin Schwester M. Luka Stindt testet im Franziskus-Hospital Harderberg in Georgsmarienhütte die Wirkung der Videobrille. Foto: David Ebener


Für einen Testlauf hat Niehaus den Film "Flug über Namibia" aus einem Programm ausgewählt, das für verschiedene Vorlieben etwas bereithält. Der Streifen ist - dem Zweck entsprechend - nicht gerade ein Thriller, aber bietet schöne Landschaftsaufnahmen aus der Luft. Wenn die Brille richtig sitzt, entsteht tatsächlich eine Art 3D-Effekt und ein bisschen das Gefühl, im Cockpit eines Sportflugzeuges über zerklüftete, karge Landschaften des südwestafrikanischen Landes zu schweben. Der Kommentar des Filmes erzeugt auch keine besondere nervliche Anspannug, eigentlich eher das Gegenteil. Anästhesiepfleger Dennis Biesler stellt dann auch die erwünschte Wirkung fest: Puls und Blutdruck sinken innerhalb kurzer Zeit.

Genau darum geht es den Anästhesisten vor einer Operation mit regionaler Betäubung, bei der die Schmerzen schon auf dem Weg zum Gehirn abgeblockt werden, der Patient ansonsten aber wach ist. Normalerweise  werden die Patienten bei diesen Operationen mit Medikamenten in einen Dämmerzustand versetzt. Das soll die Belastung aufheben, die zum Beispiel durch Operationsgeräusche oder die Dauer des Eingriffs entsteht. Denn die meisten wollen von dem, was bei dem Eingriff mit ihnen passiert, nichts sehen und nicht hören. 

Oberarzt Andreas Niehaus (links) erläutert im Franziskus-Hospital Harderberg in Georgsmarienhütte die Möglichkeiten der Happy Med-Videobrille. Foto: David Ebene


Mit dem "Happy Med" kann der Anästhesist den medikamentös erzeugten Dämmerzustand durch einen multimedialen ersetzen. Gerade bei älteren Patienten ist das vorteilhaft, weil es den Organismus schont und hilft, zum Beispiel Verwirrungszustände nach der OP zu vermeiden. Niehaus berichtet von Patienten, die vom  Bettnachbarn von der neuen Methode erfahren haben und sagen: "Das will ich auch haben." Und bei Kindern funktioniere sie auch: "Wenn ,Biene Maja' läuft, ist die Unruhe vor der OP ganz schnell weg. Dann ist nur noch die Mama aufgregt." 

Niehaus hat das Gerät bei einem Kongress kennengelernt. Eher zufällig. Vor dem ersten Vortrag wollte er noch einen Kaffee schnorren, wie er sagt, und musste sich dafür dann aber als Gegenleistung die Präsentation des Happy Med anschauen. Dazu gehörte ein Selbstversuch, und davon war er "sofort begeistert". Er überzeugte seine Vorgesetzten, einen Test zu wagen, und seit März ist das Gerät in den Niels-Stensen-Kliniken in der Region im Einsatz. Insgesamt sechs Geräte, zwei davon im Franziskus. Berücksichtige man die eingesparten Medikamente und die Erleichterung bei der Weiterbehandlung nach der OP, rechneten sich rund 1500 Euro Leasinggebühr pro Jahr für einen Happy Med wohl auch betriebswirtschaftlich.  

Anästhesiepfleger Dennis Biesler hat für eine Projektarbeit innerhalb einer Fachweiterbildung 34 Patienten befragt. Sein Fazit: "Die waren alle top zufrieden." Beruhigung, Angstlösung vor der OP, all das könne man auch an Puls und Blutdruck ablesen. Auch die Beschwerden nach der Operation beschränkten sich oft darauf,  dass die OP schneller fertig war, als der Film, witzelt Niehaus. Aber möglicherwiese gebe es auch da bald eine Lösung, den Film postoperativ auf dem Zimmer zu Ende zu schauen.     

        

                  


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