Plädoyers vor dem Landgericht Staatsanwalt beantragt Freispruch in Prozess um toten GMHütter Säugling

Landgericht Osnabrück. Foto: Jörn MartensLandgericht Osnabrück. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Der Prozess gegen einen 25-Jährigen, der laut Anklage seinen drei Monate alten Sohn zu Tode geschüttelt haben soll, geht vermutlich mit einem Freispruch zu Ende. Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind sich einig, dass dem GMHütter die Tat nicht nachgewiesen werden kann.

Wurde der drei Monate alte Säugling in der Nacht auf den 15. Oktober 2017 so heftig geschüttelt, dass er zwei Tage später an den Folgen des Schütteltraumas starb? Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp ist davon überzeugt. "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die vorliegenden Verletzungen durch Schütteln aufgetreten sind", sagte Feldkamp in seinem Plädoyer vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Osnabrück.

Der Oberstaatsanwalt betont, dass sieben der acht medizinischen Sachverständigen zu dem klaren Ergebnis gekommen sind, dass der Säugling an einem Schütteltrauma gestorben ist. Eine andere Ansicht vertrat nur Hans-Heinrich Kreipe, Leiter der Pathologie an der Medizinischen Hochschule Hannover; doch Kreipes These, bei dem Säugling liege eine natürliche Todesursache vor, sei  von den anderen Sachverständigen widerlegt worden - insbesondere von "Obergutachter" Reinhard Dettmeyer. 

"Der einzige jetzt noch feststehende Zeitpunkt ist der Notruf"

Trotzdem beantragte Feldkamp, den Angeklagten freizusprechen - weil ihm die Tat nicht nachgewiesen werden könne. Nach den ursprünglichen Angaben des 25-Jährigen und der Kindesmutter, die mittlerweile von dem Angeklagten getrennt lebt, hatte der junge Vater knapp eine Stunde alleine mit dem Säugling verbracht, bevor er seine Partnerin weckte, weil das Kind das Bewusstsein verloren hatte. 

Nachdem sich der Angeklagte erst am vorletzten Verhandlungstag eingelassen hatte und beim letzten Termin die 24-jährige Mutter noch einmal vernommen worden war, stellte sich alles plötzlich komplett anders dar. Der 25-Jährige sagte etwa, er sei maximal zehn Minuten mit dem Kind alleine gewesen; die Mutter konnte sich kaum noch an die Zeitabläufe erinnern. "Der einzige jetzt noch feststehende Zeitpunkt ist der Notruf", sagte der Oberstaatsanwalt. Einen Freispruch zu beantragen, obwohl seiner Ansicht nach Mutter oder Vater das Kind getötet hätten, sei zwar unumgänglich, lasse ihn aber mit einem "außerordentlich unguten Gefühl zurück."

Warum wurden bei Schädel-Sonographien keine Blutungen entdeckt?

Verteidiger Thilo Schäck schloss sich dem Antrag des Oberstaatsanwalts an, korrigierte aber zu Beginn seines Plädoyers dessen Aussage, wonach sieben von acht Sachverständigen ein Schütteltrauma als Todesursache angegeben hätten. "Einige haben sich hier nur zu Details geäußert und überhaupt nicht zu der Frage der Todesursache."

Grundsätzlich halte er es für durchaus möglich, dass niemand das Kind zu Tode geschüttelt habe, so Schäck. Was sei etwa mit den beiden Schädel-Sonographien, die einige Stunden nach dem Notruf im Osnabrücker CKO durchgeführt wurden und bei denen der zuständige Arzt keinerlei Blutungen im Kopf des Kindes erkannt habe? "Die Schädelblutungen sind ein Leitsymptom des Schütteltraumas. Wenn die etliche Stunden nach dem angeblichen Schütteln noch nicht da waren, muss dem von Amts wegen eigentlich nachgegangen werden." Die Kammer hatte Schäcks Antrag, den zuständigen Arzt und einen Spezialisten dazu zu befragen, zurückgewiesen.

Urteil am 3. Juni

Der Verteidiger erklärte außerdem, dass die bei dem Säugling nach seinem Tod festgestellte Bauchfell- und Darmentzündung lebensbedrohliche Erkrankungen seien. "Es gibt mehrere Befunde, die den Tod hätten hervorrufen können." Schließlich hätten sich auch mehrere Gutachter in zentralen Punkten widersprochen, so dass man nicht von einem einheitlichen Meinungsbild der Sachverständigen sprechen könne. 

Sollte der Säugling aber tatsächlich zu Tode geschüttelt worden sein, käme als Täterin viel eher die Mutter als sein Mandant infrage. Denn laut dem Gutachter Reinhard Dettmeyer sei das Kind schon vor seinem Tod mehrfach misshandelt worden - doch der 25-Jährige habe, anders als die Mutter, nur ganz selten alleine Zeit mit seinem Sohn verbracht. 

Am 3. Juni hat der Angeklagte das letzte Wort im Verfahren. Die Kammer will anschließend das Urteil fällen und noch am selben Tag verkünden.


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