„Gutachten unwissenschaftlich“ Toter Säugling aus GMHütte: Verteidiger übt scharfe Kritik an Forensikerin

Die Todesursache steht weiterhin im Mittelpunkt. Foto: Michael GründelDie Todesursache steht weiterhin im Mittelpunkt. Foto: Michael Gründel

Georgsmarienhütte. Im Prozess gegen einen 25-jährigen GMHütter, der laut Anklage sein drei Monate altes Kind zu Tode geschüttelt haben soll, hat der Verteidiger das Gutachten der Sachverständigen als „fehlerhaft“ eingestuft. Eine wichtige Erkenntnis lieferte ein als Zeuge geladener Augenarzt.

„Unwissenschaftlich“, „widersprüchlich“, „fehlerhaft“ – mit diesen Worten kritisierte Strafverteidiger Thilo Schäck das Gutachten der forensischen Sachverständigen Vanessa Preuss. In einem zweieinhalb Seiten langen Beweisantrag, den Schäck in der aktuellen Sitzung vortrug, erläuterte der Osnabrücker Rechtsanwalt seine Vorbehalte gegenüber der Rechtsmedizinerin.

Entzündungsparameter CRP

Die Oldenburger Forensikerin Preuss, so Schäck in seinem Antrag, habe die akute Bauchfellentzündung, an der der Säugling laut dem Pathologen Hans-Heinrich Kreipe zum Todeszeitpunkt litt, einfach unterschlagen. Auch die Darmentzündung des Säuglings habe sie in der Befragung durch Schäck zunächst nicht aufgeführt und mit diesem angeblichen Fehlen schwerer Infektionen begründet, warum der Säugling nicht an einer Sepsis gestorben sein könne. Außerdem habe das Kind kein Fieber gehabt, was bei einer Blutvergiftung immer vorliege, und schließlich sei der entscheidende Entzündungsparameter CRP ebenfalls nicht erhöht gewesen.

An einer Sepsis gestorben?

Verteidiger Thilo Schäck beantragte nun, Dr. Frank Brunkhorst als Sachverständigen zu laden. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Sepsis-Hilfe hatte in einem Gespräch mit unserer Redaktion den Ergebnissen der Forensikerin widersprochen und die Einschätzung geäußert, dass der Georgsmarienhütter Säugling, der unter einer Darmentzündung und einer akuten Bauchfellentzündung litt, an einer Sepsis gestorben sei.

Antrag abgelehnt

Der Staatsanwalt lehnte diesen Antrag ab. Ein Mediziner, der sich ohne genaue Kenntnis des Falles auf eine Todesursache festlege, habe sich als Sachverständiger disqualifiziert. Die Kammer schloss sich dem an und erklärte außerdem, dass man – anders als im Beweisantrag der Verteidigung dargestellt – die Gutachterin Preuss nicht so verstanden habe, dass der Säugling ihrer Ansicht nach mit Sicherheit zu Tode geschüttelt worden sei.  

Mit der Frage, ob ein anderer Experte zur möglichen Todesursache Sepsis Stellung nehmen solle, wandte sich der Vorsitzende Richter an den neu bestellten Pathologen und Forensiker Reinhard Dettmeyer. „Das Thema Sepsis fällt auch in das Fachgebiet von Pathologen und Rechtsmedizinern“, sagte der renommierte Mediziner, womit er deutlich machte, dass er einen eigenen Sachverständigen für das Thema Sepsis als unnötig betrachtet. (Weiterlesen: Spektakuläre Wende im Prozess um toten Säugling aus GMHütte)

Fragen zur Tatnacht

Anders als vom Gericht vorgesehen erstattete Dettmeyer sein Gutachten an diesem Verhandlungstag noch nicht. Der Mediziner hatte noch einige Fragen zur Beweisaufnahme, die ihm der Vorsitzende Richter nach einer Pause beantwortete. Auch der Angeklagte antwortete auf einige Fragen des Sachverständigen. Zur vermeintlichen Tatnacht äußerte sich der 25-Jährige allerdings weiterhin nicht.

Netzhautblutungen

Das Gericht befragte schließlich noch einen Osnabrücker Augenarzt, der eine Erkenntnis lieferte: Der Säugling, der nach seiner zunächst erfolgreichen Reanimation ins Christliche Kinderhospital Osnabrück eingeliefert wurde, habe hinter dem Glaskörper massive Blutungen gehabt, wie er sie nur zweimal in seiner Laufbahn gesehen hatte. Zwar legte sich der Augenarzt in der späteren Befragung nicht auf eine mögliche Todesursache fest; während seiner Ausführungen aber sagte er zweimal zu den von ihm bei dem Säugling entdeckten „Roth’schen Flecken“ (Netzhautblutungen): „Bei Sepsen ist so etwas typisch.“

Die Verhandlung wird am 7. März fortgesetzt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN