Forensikerin widerspricht Pathologie-Professor Gutachter-Konflikt im Prozess um toten Säugling aus GMHütte

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Der Prozess gegen einen 25-jährigen Mann aus GMHütte, der seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben soll, erlebt die nächste Wendung Symbolfoto: Michael GründelDer Prozess gegen einen 25-jährigen Mann aus GMHütte, der seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben soll, erlebt die nächste Wendung Symbolfoto: Michael Gründel

Georgsmarienhütte. Der Prozess gegen einen 25-jährigen Mann aus GMHütte, der seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben soll, erlebt die nächste Wendung: Nachdem ein renommierter Pathologe eine natürliche Ursache für den Tod des Säuglings propagiert hatte, widersprach ihm die Hauptgutachterin nun deutlich.

Noch bis zur letzten Verhandlung vor Weihnachten hatte alles danach ausgehen, dass der 25-jährige Angeklagte aus GMHütte seinen Sohn zu Tode geschüttelt hatte. Ein Neuropathologe der Medizinischen Hochschule Hannover berichtete vor dem Landgericht Osnabrück, dass die von ihm entdeckten Symptome wie etwa Blutergüsse innerhalb des Schädels und Einblutungen in der Regenbogenhaut zwar nicht mit absoluter Sicherheit, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür sprächen, dass der Säugling an einem Schütteltrauma gestorben sei.

Typische Symptome für „Shaken-Baby-Syndrome“

Ein ebenfalls als Zeuge geladener Radiologe aus Bremen konnte sich zwar nicht zur Todesursache äußern, dafür aber über einen mutmaßlichen Missbrauch, der rund zwei Wochen vor dem Tod des Säuglings stattgefunden habe. Auf den Röntgenbildern habe er die Spuren zahlreicher gebrochener Rippen entdeckt, so der Radiologe.

Dazu passte, dass die inzwischen getrennt vom Vater lebende Mutter - die ihren Ex-Partner für unschuldig hält – einige Wochen vor dem Tod des Säuglings auffällige Punkte in seinen Augen entdeckte. Der Kinderarzt erkannte diese als Einblutungen in die Regenbogenhaut, ein typisches Symptom für das „Shaken-Baby-Syndrome“ – das Schütteltrauma-Syndrom.

Pathologe: Gerinnungsstörung hat Kaskade in Gang gesetzt

Alles schien auf eine hohe Haftstrafe für den Angeklagten hinauszulaufen – bis zum Auftritt von Hans-Heinrich Kreipe, Professor und Direktor der Pathologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Ergebnis seiner Untersuchung von Gewebeproben des Säuglings in der Zusammenschau mit Laborwerten und einer genetischen Untersuchung: es liege ein natürlicher Tod vor.

Der Säugling sei an einer sogenannten Verbrauchskoagulopathie gestorben. Dabei löse eine übermäßig starke Blutgerinnung eine Kaskade aus, an deren Ende schwere Blutungen im ganzen Körper stünden. Auslöser für diese tödliche Kettenreaktion sei eine genetisch bedingte Gerinnungsstörung, und zwar die Faktor-V-Mutation, die bei verhältnismäßig vielen Europäern vorliegt. Überdies stellte Kreipe fest, dass der Säugling zum Todeszeitpunkt unter einer schweren Darm- und einer Bauchfell-Entzündung litt; beides habe die Kaskade mutmaßlich mitangestoßen.

Forensikerin hält Deutung des Pathologen für falsch

Dass es diese Verbrauchskoagulopathie gegeben habe, zog die vom Gericht als Hauptgutachterin bestellte Vanessa Preuss nicht in Zweifel. Nach Auffassung der promovierten Rechtsmedizinerin sei die Kaskade aber weder durch die angeborene Gerinnungsstörung des Säuglings ausgelöst worden, noch habe die Kettenreaktion zum Tod des Säuglings geführt. Eine Verbrauchskoagulopathie alleine könne nicht zu den für ein Schütteltrauma typischen Symptomen führen, die der Neuropathologe in seiner Untersuchung gefunden hatte.

Auch die Auffälligkeiten auf dem Röntgenbild seien nicht, wie der Pathologe Kreipe ebenfalls ausgeführt hatte, auf das natürliche Wachstum oder auf die Gerinnungsstörung zurückzuführen - sondern allein auf eine schwere Gewalteinwirkung.

Gericht bestellt voraussichtlich weitere Gutachter

Die Forensikerin räumte allerdings ein, dass sie in Fragen der Blutgerinnung keine Expertin sei und es möglicherweise sinnvoll wäre, wenn das Gericht noch einen Hämatologen hinzuziehen würde. Darüber hinaus schlug Preuss vor, einen weiteren Sachverständigen zu beauftragen, der am besten Rechtsmediziner und Pathologe sei und als Obergutachter fungieren könne.

„Wenn das von der Rechtsmedizin ins Spiel gebracht wird, setzen wir uns nur ungerne darüber hinweg“, sagte daraufhin der Vorsitzende Richter. Die Entscheidung, ob weitere Sachverständige geladen werden, wolle die Kammer in den nächsten Tagen treffen. Die nächste Sitzung ist dann am 30. Januar.


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