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Am Ende wartete der Tod Christian Hardinghaus sprach in GMHütte über einen „Helden in dunkler Zeit“

Von Michael Goran

Der Historiker Christian Hardinghaus sprach und las im Rahmen des Stadtgeschichtlichen Stammtisches im Rathaus Georgsmarienhütte über die Lebensgeschichte des Frontarztes Helmut Machemer. Foto: Michael GoranDer Historiker Christian Hardinghaus sprach und las im Rahmen des Stadtgeschichtlichen Stammtisches im Rathaus Georgsmarienhütte über die Lebensgeschichte des Frontarztes Helmut Machemer. Foto: Michael Goran

Georgsmarienhütte Kann ein Vater mehr für seine Familie erbringen? Getrieben von den Folgen der Nürnberger Rassegesetze für seine Familie, sah Helmut Machemer nur eine Chance: ein Kriegsheld werden. Am Ende bezahlte er dafür mit seinem Leben.

Im Rahmen des Stadtgeschichtlichen Stammtisches im Rathaus schilderte Christian Hardinghaus das Leben des Frontarztes Helmut Machemer. Mit seinem Vortrag „Kann ein deutscher Soldat Held sein?“ stellte Hardinghaus mittels historischer Briefe, Fotografien und Filmaufnahmen, die Machemer während seiner Zeit als Soldat anfertigte, authentisches Material über den Zweiten Weltkrieg vor.

Der aus dem westfälischen Münster stammende Augenarzt Machemer zog 1939 freiwillig in den Krieg. Sein Motiv: Er musste ein Held werden. Doch dieses Ziel fand seinen Grund nicht in Geltungssucht, sondern in existenzieller Notwendigkeit.

Machemar hatte im Oktober 1932 Erna Schwalb geheiratet. Da die Mutter der Braut Jüdin war, galt Erna in Hitler-Deutschland als „Halbjüdin“ und die drei Kinder als „Mischlinge“. Eine Zukunft war der Familie verwehrt. „Was mich kränkt und was ich auf die Dauer nicht ertrage, ist, dass ich ausgestoßen bin aus meinem Volk. Wo ich hinkomme, verschließt man die Türen und – schlimmer – die Herzen“, schrieb Machemer im September 1937.

Für den Augenarzt gab es nur einen Ausweg: Durch das Erringen einer Tapferkeitsauszeichnung an der Ostfront, wollte er die Anwendung einer Ausnahmeregelung in der Rassengesetzgebung der Nationalsozialisten erzwingen. Damit würden Frau und Kinder eines „Ariers“ „gleichgestellt“, somit selbst „arisiert“ werden. Machemer musste also ein „Held“ werden, damit Frau und Kinder im Deutschen Reich leben konnten.

Helmut Machemer wurde Feldarzt in der Sanitätskompanie der 16. Panzer-Division und erlebte den Schrecken und die Entbehrungen des Krieges. Obwohl er außergewöhnliche Leistungen erbrachte, verhinderte der politische Status seiner Familie immer wieder Beförderungen und die ersehnte Auszeichnung.

Stattdessen begleiteten ihn Kälte, Felder voller Leichen und die Barbarei des Krieges. Während dieser Zeit schrieb der Feldarzt Briefe, welche ungeschönt seine Lebensumstände darlegen. Dazu machte er zahlreiche Fotografien und – unter Lebensgefahr – neun Stunden Filmmaterial.

Durch seine Leistungen wurde Machemer von seinen Kameraden geschätzt, und diese setzten sich für ihren Arzt ein, sodass ihm endlich der ersehnte Orden, ein Eisernes Kreuz 1. Klasse, verliehen wurde. Fast am Ziel seiner Wünsche, kam Machemer kurz danach durch einen Granatsplitter ums Leben. Ehefrau Erna und die Kinder erhielten letztlich die „Gleichstellung“.

Diese tragische Familiengeschichte bildet den einzigen bekannten Fall, in der eine „Deutschblütigkeitserklärung“ zur Anwendung kam. Hardinghaus hat zusammen mit Hans Machemer, dem heute 85-jährigen Sohn des Arztes, das historische Material bearbeitet. Dazu erschienen das Sachbuch „Wofür es lohnte, das Leben zu wagen“ und der darauf aufbauende Bestseller-Roman „Ein Held dunkler Zeit“.


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