Holocaust überlebt Zeitzeugengespräch in der Realschule Georgsmarienhütte

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Die Schüler nutzen die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit Rozette Kats. Foto: Anke Herbers-GehrsDie Schüler nutzen die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit Rozette Kats. Foto: Anke Herbers-Gehrs

Georgsmarienhütte. Vor 300 Schülern aus Osnabrück, Georgsmarienhütte und Hasbergen sprach die Niederländerin Rozette Kats am Montag Vormittag im Rahmen der Zeitzeugengespräche darüber, wie der Holocaust ihr Leben prägte – obwohl sie erst 1942 geboren wurde.

Bis zu ihrem sechsten Geburtstag war Rita van der Weg ein Kind wie jedes andere. Sie freute sich auf die Schule, der Geburtstag war gleichzeitig ihr Einschulungstag. Aber am Vorabend nahmen ihre Eltern sie zur Seite: „Wir müssen dir etwas sagen. Wir sind nicht deine Eltern. Du heißt auch eigentlich nicht Rita, du heißt Rozette. Deine wirklichen Eltern mussten dich weggeben, es war zu gefährlich für sie, sie sind jetzt tot. Aber keine Sorge, der Krieg ist vorbei, du wirst bei uns bleiben. Wir werden immer dein Papi und deine Mami bleiben. Und jetzt reden wir nie mehr darüber.“

Sie hatten es gut gemeint, das weiß Rozette Kats jetzt. Aber damals haben sie dem Kind jede Sicherheit genommen und ihm ein schweres Geheimnis auferlegt. Ständig war das Mädchen in Sorge, weggegeben zu werden, es wurde überangepasst, eine „Supertochter“, wie Kats es formuliert.

Ein geheimnisvoller Koffer

Fragen stellen war nicht möglich. Was mit ihrer Familie passiert war, hat Rozette Kats nur nach und nach erfahren. Mit 42 Jahren sah sie zum ersten Mal ein Bild ihrer Eltern. Dass diese und fast sämtliche anderen Mitglieder ihrer Familie in Auschwitz und Sobibór umgebracht wurden, wurde erst klar, nachdem ein Koffer auftauchte. Ihr Onkel, der Bruder ihrer Mutter, während des Nazi-Regimes von seiner nichtjüdischen Frau versteckt, hatte ihn im Schrank verschlossen. Er wollte und konnte nicht über das reden, was geschehen ist. Und noch nach seinem Tod wagte sein Sohn es nicht, den Koffer zu öffnen. Erst nachdem Rozette Kats sich Hilfe suchte, eine Therapie begann und die Kraft fand, sich ihrer Geschichte zu stellen, lernten auch die anderen Familienmitglieder von ihr. Der Koffer wurde feierlich im Kreis der Familie geöffnet, und die Details der Verfolgung und Vernichtung wurden bekannt. Viel geholfen bei der Bewältigung ihrer Familiengeschichte hat der Kontakt mit anderen Betroffenen, so bei der 2. Konferenz ehemals versteckter jüdischer Kinder, die 1992 in Amsterdam stattfand.

Familienbuch mit gefälschtem Geburtseintrag

Rozette Kats redete anschaulich und ausdrucksvoll, sie hatte Fotos mitgebracht und eindrückliche Originale wie einen Judenstern, ihr Familienbuch mit ihrem gefälschten Geburtseintrag oder den Teddybär mit Windel: Die Windeln haben sie in einem der ersten Verstecke bei Onkel und Tante in Vaals auf der niederländischen Seite von Aachen verraten. Denn Pampers gab es noch nicht, und die Baumwolltücher mussten gewaschen und im Garten getrocknet werden.

Auf der Bühne steht ihr Raphaela Kula zur Seite, die bei Sprachschwierigkeiten unterstützt, nachfragt und Stichworte gibt. Die Bielefelderin und ihr Lebensgefährte Fritz Bornemeyer hatten Rozette Kats bei einer Bildungsreise zum Vernichtungslager Sobibór 2004 kennengelernt, bei der auch die Freundschaft zu Jetje Manheim aus Amsterdam begann, die ebenfalls mit nach Georgsmarienhütte gekommen war.

Die große Aula der Realschule Georgsmarienhütte bot genug Platz für die Neunt- und Zehntklässler aus sechs Schulen: Neben den benachbartem Gymnasium, der Comeniusschule und der nahen Sophie-Scholl-Schule kamen auch Schüler aus der Oberschule Hasbergen und der Erich-Maria-Remarque-Schule in Osnabrück. Sie hörten sehr interessiert zu und nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Geschichtslehrerin Maren Stindt-Hoge koordinierte die Veranstaltung, die in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Osnabrück und dem Kulturgeschichtlichen Museum und dem Felix-Nussbaum-Haus stattfand und für eine spätere Verwendung im Unterricht aufgezeichnet wurde. Am Sonntagnachmittag hatte Rozette Kats ihre Geschichte bereits in der Gedenkstätte Augustaschacht vorgetragen.


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