Ein Mann, ein Werk Vor 25 Jahren übernahm Jürgen Großmann das GMHütter Stahlwerk

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Georgsmarienhütte. Vor 25 Jahren übernahm Jürgen Großmann das Stahlwerk in GMHütte zum symbolischen Preis von zwei Mark. Heute gehört das vor 162 Jahren gegründete Werk zu den führenden Stahlanbietern, insbesondere für die Automobilindustrie.

Vor einem Vierteljahrhundert steckte die Stahlindustrie in einer tiefen Krise. Die Arbeitsplätze in GMHütte waren akut gefährdet – Anfang der 90er-Jahre sah es nicht gut aus für die Georgsmarienhütte. Trotzdem: Vor 25 Jahren übernahm Jürgen Großmann das aus dem Klöckner-Konzern herausgelöste Werk in der Hüttenstadt.

Eine lange Geschichte ...

Es war ein Hin und Her, eine lange Geschichte. Wo also anfangen? Vielleicht im August 1992: Damals wies Groß mann als Vorstandsvorsitzender der Klöckner Edelstahl GmbH in Georgsmarienhütte Berichte, dass dem Unternehmen existenzgefährdende Verluste drohten, also „absolut falsch“ zurück. Die Verluste in GMHütte und bei den in der Hüttenstadt nicht gerade beliebten Kollegen des Bremer Flachstahlwerkes sollten monatlich zwischen 30 und 40 Millionen Mark liegen.

Die Verluste seien nicht einmal halb so hoch, wiegelte der Stahlmananger damals ab, außerdem müsse die gesamte europäische Stahlbranche mit Verlusten leben. Aus Sicht der Kommune nur eine bedingt beruhigende Sichtweise. Zumal Großmann nachlegte: die Klöckner Edelstahl GmbH – als solche war das GMHütter Werk seit März 1991 im Klöckner-Konzern zusammen mit den Bremern formal selbstständig – habe die im Vergleich zur Konkurrenz höchste Produktivität und Produktqualität. Aber ein Lichtbogenofen müsse her, eine 70-Millionen-DM-Investition, die allerdings auch einen Personalabbau bedeute.

Am Abgrund

Wenn man die GMHütte durch die Stahlkrise bringen wolle, so Großmann, sei für das Jahr 2000 ein Personalstand von 1200 bis 1300 Beschäftigten realistisch. Im Rückblick wird klar: Großmann hatte mindestens eine Vision, vermutlich aber schon einen ziemlich konkreten Plan.

Im Dezember 1992 kam aber zunächst die Horrormeldung: Klöckner stellte einen Vergleichantrag für die Stahlbetriebe in Bremen, Duisburg und eben auch Georgsmarienhütte. In der Hüttenstadt machten sich Entsetzen und Sorge breit. Sorge um die Jobs der rund 1700 Klöckner-Mitarbeiter, aber auch um die vom Werk abhängigen Zulieferbetriebe in der Region. Zumindest im Rückblick verdichteten sich mitten in dieser Krise die Indizien, dass das Hüttenwerk nicht mit in den Abgrund gerissen würde: Ziel der Bemühungen müsse ein mittelständisches, schlankes Unternehmen sein, das nicht mehr konzernabhängig sei, orakelte der niedersächsische Wirtschaftsminister Peter Fischer Anfang Februar nach einem Besuch in der Hüttenstadt. Und: Das Land sei bereit, diesen Prozess zu unterstützen.

Mittelständisch und konzernunabhängig

Mittelständisch? Konzernunabhängig? Einen Tag später ließ Großmann die Katze offiziell aus dem Sack: Er werde zum 15. Februar bei Klöckner als Manager ausscheiden und das GMHütter Stahlwerk gemeinsam mit anderen Investoren kaufen, so der damals 41-Jährige. Für Großmann ein „Sprung ins kalte Wasser“. Denn zum Werk gehörten auch mindestens 200 Millionen DM Schulden.

Unterstützung erhielt er dabei nicht nur von Land, Landreis und Stadt, sondern auch von der Belegschaft: 1500 Stahlarbeiter demonstrierten Ende Februar für das Konzept des Managers. Er finde es „schön und mutig“, so Großmann, dass die Stahlarbeiter für seine Idee auf die Straße gingen.

Keimzelle und Namensgeberin

Ob es an der Unterstützung der Arbeiter lag? Oder an Großmanns persönlicher Überzeugungskraft und Durchsetzungsfähigkeit? Oder an der Bereitschaft des Landes, das Werk zumindest teilweise zu entschulden? Oder daran, dass Klöckner einfach froh war, das Werk abzustoßen? Sicher ist: Ende Juni 1993 war die Übernahme vollzogen. Aus Klöckner Edelstahl wurde zum 1. Juli 1993 die Georgsmarienhütte GmbH. Und die Keimzelle und Namensgeberin für die GMH Gruppe.

Und der Elektroofen? Der kam am 18. Juli 1994, als erster Gleichstrom-Elektro-Lichtbogen-Ofen Deutschlands. Und er hielt das, was sich manche vom KS-Konverter erhofft hatten, dieser aber nie hatte halten können: Stahl aus 100 Prozent Schrott zu erschmelzen.

Ein Wahrzeichen verschwindet

„Nun bin ich ganz

sicher, dass das Werk überlebt“

Der verbliebene Hochofen 3 – schon einmal stillgelegt und nach dem Scheitern des KS-Verfahrens wieder angeblasen – wurde nach 136-jähriger „Ofenreise“ 1994 endgültig stillgelegt. Er wurde 1996 gesprengt. Ein Wahrzeichen der Hütte verschwand. Das Stahlwerk aber lebte weiter.


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