Zwei Glücksspielsüchtige erzählen Wenn das Spiel wichtiger ist als das Mittagessen

Von Nina Strakeljahn

Eigentlich gewinnt immer der Automat. Nur ab und zu hat der Spieler Glück. Foto: Archiv/David EbenerEigentlich gewinnt immer der Automat. Nur ab und zu hat der Spieler Glück. Foto: Archiv/David Ebener

Georgsmarienhütte. Ob beim Kartenspiel, beim Lotto oder beim Tippspiel zur Fußballweltmeisterschaft, die Verlockungen, sein Glück herauszufordern, sind zahlreich. Doch was passiert, wenn man all sein Geld aufs Glücksspiel setzt, erzählen zwei, die jahrelang viele Stunden in Spielotheken am Automaten verbracht haben.

P., der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist 26 Jahre alt. Er war 19, als er mit dem Spielen begann. Ein Schulkamerad habe von seinem Gewinn bei einer Sportwette erzählt, mehrere 100 Euro – für einen Auszubildenden viel Geld. "Dann dachte ich, von Fußball hast du ja auch ein bisschen Ahnung." Gleich beim ersten Versuch hat er dann auch noch gewonnen, auch wenn es nicht viel war. "Da habe ich gedacht, kann ich nebenbei auch ein bisschen was verdienen."

Er setzte weiter auf Sportwetten. "Nebenbei hab ich immer das Klimpern der Automaten gehört." Der Weg war nicht weit. Ab und zu knackte er den Jackpot am Automaten, meistens aber verlor er. Zunächst setzte er mal ein paar Euro auf eine Wette, warf ein paar Münzen in den Automaten. Schnell erhöhte er den Einsatz und spielte häufiger. Er hatte keinen Bezug mehr zum Geld. 1200 Euro verzockte er einmal an einem Tag. Obwohl er arbeitete, ging er mehrmals pro Tag in die Spielothek, selbst in der Mittagspause. "Ich musste mich entscheiden, Spielen oder Mittagessen. Ich bin dann oft mit knurrendem Magen wieder zurück zur Arbeit." Das habe keinen Spaß gemacht, sagt er, aber er spürte den Suchtdruck.

3500 Euro pro Tag verzockt

Die Automaten hatten es dem 29-jährigen V., der ebenfalls anonym bleiben will, sofort angetan. Mit 18 Jahren wollte er es einfach ausprobieren. In seinem Umfeld gingen viele regelmäßig in die Spielhalle. Oft saß er stundenlang davor. Anders als P. spielte V. vor allem am Wochenende, bis zu zwölf Stunden am Stück. Dabei verlor er  einmal 3500 Euro am Tag. "Lange konnte ich mein Geld nicht zusammen halten", sagt er. Es häuften sich Schulden an. Etwa 20.000 Euro dürften es sein, schätzt er. (Weiterlesen: Wieso Glücksspielsucht so viel Vertrauen zerstört) 

Bei P. ist es ein mittlerer fünfstelliger Betrag. Aber auch bei Bekannten, Freunden und Familie hat er noch Schulden, wann immer es geht, zahlt er auch ihnen ihr Geld zurück. Denn um spielen zu können, musste er sich Geld beschaffen –  auch mit Lügen und Tricksereien. "Ich bin nicht stolz darauf", sagt er. Doch wenn man spiele, sei man in einem  "Paralleluniversum". Das bestätigt auch V.. Die Probleme des Alltags seien in der Spielothek vergessen. Dieser Freiraum machte für P. die Faszination aus. "Niemand ging mir auf die Nerven."

Man vergisst die Zeit

In der Spielothek brauchten sich die beiden außer ums Spielen keine Gedanken zu machen. "Es ist dunkel, nirgendwo hängen Uhren, ständig werden einem Getränke gereicht", erzählt der 26-Jährige. Irgendwann schaue man auf die Uhr und stelle fest, dass man schon vier, fünf Stunden da ist. Snacks sind auch vorhanden. V. hat es auch erlebt, dass es Essen gab. Geraucht werden kann die ganze Zeit. "Mein Rauchkonsum war beim Spielen sehr viel höher", sagt der 29-Jährige. Zwei Schachtel Zigaretten waren schnell aufgeraucht, ergänzt P.

"Ich habe unglaublich gestunken, wenn ich da raus gekommen bin", sagt P. heute, nachdem er eine stationäre Therapie gemacht hat. Ausschlaggebend war für den jungen Mann die Kündigung. Ob es tatsächlich an seiner Spielsucht gelegen hat, weiß er nicht. Aber nachdem er seine Sachen gepackt hatte und aus der Firma raus war, war ihm klar. "So, und jetzt musst du was ändern."

"Beste Entscheidung meines Lebens"

Noch an dem Tag offenbarte er sich seinen Freunden. Einen Tag später saß er in der Suchtberatungsstelle der Diakonie in Georgsmarienhütte. Er begann die stationäre Therapie. Sein Vater brachte ihn dort hin und verabschiedete ihn mit den Worten: "Ich möchte dich nicht verlieren." Seine Stimme zittert, als er davon erzählt. "Es war nicht einfach, aber es war die beste Entscheidung meines Lebens." Sieben Woche blieb er in der Einrichtung. Seitdem besucht er eine ambulanten Therapie.

V. hatte bereits eine stationäre Therapie versucht, wollte sein Umfeld ändern, doch es gelang nicht. Zwischendurch war er sogar obdachlos. Er spielte weiter – bis er seine Freundin kennen lernte. Als er mit ihr  zusammenziehen wollte, mit der Kaution für die Wohnung aber in die Spielothek ging und sie nur gerade so wieder erspielen konnte, beichtete er ihr. Sie stellte ihn vor die Wahl und er entschied sich zur ambulanten Therapie. "Ich bin davon überzeugt, dass ich es für mich tue und nicht nur für sie."

Unterstützung ist wichtig

Um durchzuhalten, sei es ungemein wichtig, dass Familien und Freunde dabei unterstützen. Das sagen beide. Dabei ist das für die jungen Männer nicht selbstverständlich, da viel Vertrauen durch die Sucht zerstört wurde. "Von mir hat sich niemand abgewendet, ich habe Glück, mit solchen Freunden gesegnet zu sein", sagt P.

Trotzdem ist es nicht leicht spielfrei zu leben. Sie mussten auch mit Rückfällen klar kommen. Dazu trägt auch die große Zahl von Spielhallen bei. "Versuchen Sie mal zwei Kilometer durch die Stadt zu gehen und an keiner Spielothek vorbei zu kommen", sagt P.. Auch Werbespots mit Fußballern für Wetten lassen sich Fernsehen nicht vermeiden. Die Verlockung sind groß, ähnlich wie bei trockenen Alkoholikern, die in ihrem Alltag auch ständig von ihrem Suchtmittel umgeben sind.

Sperre für Spieler

Deshalb wünschen sich die beiden eine Möglichkeit, sich in den Spielotheken verbindlich sperren zu lassen. Die Spielhallen müssen dann Ausweiskontrollen durchführen und gesperrte Spieler abweisen. In Gastronomien oder Diskotheken sollten auch keine Automaten mehr stehen, finden sie. Denn da würden auch Kinder schon zuschauen.

"Das Geld ist das eine", sagt P., das könne man ersetzen. "Was ich aber nicht wiederkriege, ist die Zeit, die ich in den Spielhallen verbracht habe."