Kirche gegen Werksverträge? „Kirche hat sich prostituiert!“

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Kirche muss kritischer gegen Ausbeutung von Werksvertragsarbeitern vorgehen, meinte Pfarrer Peter Kossen bei einem Kolpingabend in Holzhausen. Foto: Stefan BuchholzKirche muss kritischer gegen Ausbeutung von Werksvertragsarbeitern vorgehen, meinte Pfarrer Peter Kossen bei einem Kolpingabend in Holzhausen. Foto: Stefan Buchholz

Georgsmarienhütte. Über die noch immer bedrückende Lage der sogenannten Werksvertragsarbeiter zwischen Weser und Ems informierte Pfarrer Peter Kossen. Den Streiter und Theologen für die Sache der Ausgebeuteten in dieser Region hatte das Kolpingwerk des Bezirksverbandes Bad Iburg eingeladen.

Kossen hat sich nicht nur in seiner Zeit als Prälat in Vechta in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht, weil er den Missbrauch der Werksverträge im südoldenburgischen Münsterland öffentlich anprangerte. Im Grunde gehe es aber nicht nur um die Leiharbeiter in der Fleischindustrie. Sondern auch um die „im Hotelgewerbe, in der Getränkeindustrie, im Gemüseanbau, auf den Großbaustellen, im Metallbau und als Regalauffüller bei den Discountern“, sagte Kossen.

In seinem 30-minütigen Vortrag erinnerte der Geistliche ebenso an den Straßenstrich entlang der B 68 zwischen Bramsche und Bersenbrück. Und Kossen berichtete von Erzieherinnen aus der Region, die von verstörten Kindergartenkinder berichteten, „die fast den ganzen Tag in den Kitas verschlafen, weil sie nachts in den Unterkünften Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch und auch Prostitution miterleben.“

Kossens Appell: Wenn Menschen unter diesen unwürdigen Umständen leben und arbeiten, gleich wo, müsse man aktiv werden. Darin läge auch die Chance einer echten Erneuerung der Kolpingsfamilien, so der Pfarrer. „Zur Ungerechtigkeit haben Christen immer noch eine Alternative.“

Nur welche? Die 30 Teilnehmer des Abends in der Holzhauser St. Antoniusgemeinde suchten und fanden zunächst die Ursachen der Zeitarbeitsliberalisierung seit der Schröder-Regierung. Die Möglichkeit, übergangsweise Produktionsspitzen auszugleichen, sei mancherorts pervertiert, weil ein Großteil der Belegschaft ausgetauscht worden sei, ergänzte Kossen.

Ein Teilnehmervorschlag: Die Kolpingsfamilien könnten für Aufklärung sorgen, damit der sogenannte Verbraucher anders handele. Kossen stimmte der Marktmacht der Menschen zu und erläuterte, dass etwa die Fleischbranche sehr sensibel auf kritische Nachfragen reagiere.

Auch die Kirche müssten sich an die eigene Nase fassen, so Kossen. Dort werde in Krankenhäusern und Alteneinrichtungen Personal in eigene Gesellschaften ausgelagert, damit man Tarife nicht zahlen brauche.

Ebenfalls kritisch: Zu oft würden Unternehmer, wie Kossen sie geschildert habe, von der Kirche hofiert, meinte ein Kolpinger. „Das ist eine Art von Prostitution. Ich habe selbst erlebt, dass Leute ganz wichtig waren, weil bekannt war, wie viel Kirchensteuer sie zahlen“, räumte der Gottesmann ein.


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