„Niemand sollte alleine sterben“ Wie der Tod eine Bad Iburgerin zum Hospizdienst führte

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Seit sechs Jahren begleitet Manuela Randel aus Bad Iburg ehrenamtlich Menschen während ihrer letzten Lebensphase. Der Tod ihrer eigenen Mutter, weckte den Wunsch Betroffene in dieser schweren Zeit, nicht alleine zu lassen und die Angehörigen zu entlasten. Foto: Jörn MartensSeit sechs Jahren begleitet Manuela Randel aus Bad Iburg ehrenamtlich Menschen während ihrer letzten Lebensphase. Der Tod ihrer eigenen Mutter, weckte den Wunsch Betroffene in dieser schweren Zeit, nicht alleine zu lassen und die Angehörigen zu entlasten. Foto: Jörn Martens

Manuela Randel engagiert sich seit sechs Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit im südlichen Landkreis. Die zweifache Mutter begleitet Menschen in der letzten Phase ihres Lebens und entlastet mit ihrer Arbeit die Angehörigen. Im Interview erklärt die 54-jährige wie sich ihre Sichtweise auf den Tod durch diese Arbeit geändert hat, und warum es manchmal ausreicht einfach zu schweigen.

Frau Randel, Menschen in der letzten Phase ihres Lebens zu begleiten, ist sicherlich keine Tätigkeit, die den meisten beim Stichwort Ehrenamt unmittelbar einfallen würde. Wie kam es dazu, dass Sie sich als Mitarbeitern für den Hospizdienst gemeldet haben? Gab es einen konkreten Auslöser?

Anlass war der Tod meiner Mutter vor 17 Jahren. Sie war an Darmkrebs erkrankt und starb alleine im Krankenhaus. Niemand war dabei. Darüber habe ich mir Gedanken gemacht. Zu der Zeit waren meine Kinder aber noch klein und es mussten ein paar Jahre ins Land gehen, bis ich Zeit und Muße für die Ausbildung im Hospizdienst fand. Inzwischen bin ich seit sechs Jahren dabei.

Wie viele Menschen haben Sie während dieser Zeit begleitet?

Das waren so zwischen sechs und acht Personen. Zu manchen geplanten Begleitungen ist es gar nicht erst gekommen, da die Person dann sehr schnell verstorben ist. Andere habe ich jahrelang begleitet. Der längste Zeitraum war vier einhalb Jahre. Währenddessen konzentriert man sich meist nur auf diese eine Person.

Wie treten diese Menschen denn an Sie heran? Bitten die Angehörigen konkret um Hilfe beim Hospizverein?

Genau, meistens sind es die Angehörigen, die sich über das Hospiztelefon bei unserer Koordinatorin melden. Frau Graf hört sich dann beim sogenannten Erstbesuch die Fälle an und lernt die Person kennen. Im Anschluss entscheidet sie wer geeignet wäre, diese Begleitung zu übernehmen.

Sie sprachen davon, dass der Tod Ihrer Mutter Sie zum Hospizdienst geführt hat. Wie würden Sie ihre Sichtweise auf das Thema Tod vor und nach diesem Vorfall beschreiben?

Der Tod war vorher überhaupt kein Thema. Ich war Anfang dreißig. Es wurde nicht gestorben in unserer Familie. Meine Mutter war dann mit Mitte Fünzig die Erste, die gestorben ist. Sie lebte aber als sie erkrankte noch in meiner Heimat in Kassel. Meine Besuche beschränkten sich dann auch nur auf die Wochenenden und mein Vater war emotional nicht in der Lage sie in ihrer Situation zu unterstützen. Der ist damit nicht fertig geworden. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch angefangen mir darüber Gedanken zu machen, dass niemand alleine sterben sollte.

Ist der Tod nun nach sechs Jahren im Hospizdienst für Sie Alltag geworden?

Man geht etwas entspannter an das Thema heran. Zu Anfang hatte ich oft Angst etwas falsch zu machen aber im Grunde kann man das gar nicht, weil man alleine durch seine Anwesenheit den Betroffenen schon guttut. Je mehr Fälle man hat, desto geringer wird auch die Angst Fehler zu machen.

Können Sie die intensivste Erfahrung Ihrer bisherigen Arbeit beschreiben?

Vergangenes Jahr bin ich im Altenheim bei einer Sterbenden dazu geholt worden. Ich kannte diese Person vorher nicht. Sie war wirklich sehr krank und ich besuchte sie eine Woche lang täglich. Verbaler Kontakt war nicht mehr möglich. Dann habe ich ihre Hand genommen, die vorher nur wirr über die Bettdecke fuhr, und gemerkt wie sie ruhiger wurde. Es war eine sehr intensive Erfahrung stundenlang nur dort zu sitzen, nichts zu sagen und einfach nur die Hand dieser Frau zu halten. Das hat mir selbst auch eine ganze Menge gegeben.

Ist dieser Aspekt auch der, der Sie zu dieser Arbeit motiviert?

Ja genau, es bereichert einen einfach unheimlich. Man lernt viele verschiedene Menschen kennen, auch eben Angehörige, die für jede Hilfe dankbar sind. Man lernt, seine Umgebung und seine Mitmenschen aus einer anderen Perspektive zu betrachten und ist einfach dankbar für die kleinen Dinge im Leben.

Warum ist der Hospizdienst aus Ihrer Sicht wichtig?

In Pflegeeinrichtungen ist es so, dass das Personal diese Arbeit gerne übernehmen würde. Man setzt sich zu den Betroffenen ins Zimmer ans Bett und beschäftigt sich mit ihnen. Wenn derjenige noch sprechen kann, unterhält man sich. Wenn das nicht mehr möglich ist, hält man einfach die Hand, wenn das gewünscht ist. Das Pflegepersonal hat dafür aber einfach nicht die Zeit. Die Pflegebedürftigen sind unheimlich dankbar, wenn sich jemand dann doch die Zeit nimmt und einfach nur da ist. Im häuslichen Bereich ist es dagegen so, dass die Angehörigen den Großteil der Pflege übernehmen. Aber die müssen ja auch mal zum Arzt oder haben andere Termine. Dann gehen wir auch in die Privathaushalte und übernehmen dort die Betreuung der Betroffenen und entlasten so die Angehörigen.

Ich stelle es mir für Sie persönlich emotional und psychisch recht belastend vor, schwere Schicksale zu begleiten. Inwiefern erfahren Sie persönlich Unterstützung vom Hospizverband?

Wir haben vier mal im Jahr Supervision, also eine Beratung für die Hospizmitarbeiter. Außerdem werden Fortbildungen angeboten. Am vergangenen Wochenende habe ich an einer teilgenommen, bei der es darum ging innere Ruhe und Widerstandskraft zu bewahren. Wir werden in der Richtung sehr gut unterstützt vom Hospizverein. Einmal im Monat treffen sich alle Mitarbeiter zu einem Gruppenabend, bei dem man sich über aktuelle Fälle austauschen kann, die einen belasten. Ich persönlich komme mit der Arbeit aber bisher sehr gut klar.

Kann denn jeder ohne Weiteres das Ehrenamt beim Hospizdienst ausüben oder gibt es eine spezielle Ausbildung?

Ich hatte damals eine Anzeige zu dem sogenannten Befähigungskurs gesehen. Dort habe ich mich angemeldet. Bei dem Kurs wurde dann grundsätzlich die Arbeit vorgestellt und im Anschluss konnte man sich überlegen, ob man weiter machen möchte. Manch einer ist vielleicht aus emotionalen Gründen nicht dazu in der Lage. Die Ausbildung setzt sich dann mit 100 Theoriestunden fort. Darauf folgt ein 30-stündiges Praktikum, das die meisten Teilnehmer in Pflegeeinrichtungen absolvieren. So sieht die Ausbildung aus. Ohne die kann man nicht mitarbeiten.

Denken wir zwei bis drei Jahre in die Zukunft: Was würden Sie sich für Ihre Arbeit im Hospizdienst wünschen?

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich öfter trauen, uns in Anspruch zu nehmen. Viele Menschen wissen einerseits einfach nicht, dass es den Hospizdienst gibt oder sie scheuen sich uns anzurufen, dabei helfen wir ja gerne. Die Betreuung und Pflege von sterbenden Menschen ist eben nicht einfach. Selbst wenn es nur für eine Stunde ist, sollte man sich dafür auch Hilfe von außen holen.


Das Wort „Hospiz“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Herberge“. Der Begriff beschreibt zudem die bewusste Haltung, dass Tod und Trauer zum Leben dazugehören.

Die Hospizarbeit im südlichen Landkreis gibt es seit 22 Jahren. Im ambulanten Dienst sind derzeit 16 ehrenamtliche Mitarbeiter tätig. Angehörige, die sich über die Möglichkeit einer Sterbebegleitung informieren möchten, können das bei Astrid Graf, Tel. 0157/ 32593394 oder per E-Mail unter hospiz-slo@ web.de tun. Dort kann sich auch melden, wer sich ehrenamtlich im Hospizdienst engagieren möchte. Die Leitung des ambulanten Hospizdienstes in der Stadt Osnabrück hat Ellen Hassolt inne. Sie nimmt Anfragen unter Tel. 0541/ 3505525 oder per E-Mail unter ahd@osnabruecker-hospiz.de entgegen.

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