Wenn Angehörige pflegebedürftig werden, stehen plötzlich viele Fragen im Raum „Ambulante vor stationärer Pflege“

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Petra Herder ist einer der Ansprechpartner im Pflegestützpunkt Osnabrück.Foto: Henning Müller-DetertPetra Herder ist einer der Ansprechpartner im Pflegestützpunkt Osnabrück.Foto: Henning Müller-Detert

Georgsmarienhütte . Der beim Landkreis angesiedelte Pflegestützpunkt bietet unabhängige und kostenlose Beratung rund um das Thema „Pflege“ an. Dort berät unter anderen Petra Herder pflegende Angehörige. Wir sprachen mit der Diplom-Pflegewirtin.

Frau Herder, am 8. März sprechen Sie in Oesede zum Thema „Bewertung und Einstufung in die neuen Pflegegrade“. Was hat sich geändert?

Menschen, die Anfang 2017 schon einen Pflegebedarf hatten, sind in eine sehr komfortable Lösung gerutscht, sodass sie gut versorgt worden sind. Die danach kamen, sind im Vergleich zu 2016 oft geringer eingestuft.

Was können die Angehörigen tun?

Wichtig ist, dass sich Angehörige im Vorfeld der Begutachtung informieren: Was muss ich vorhalten? Was ist überhaupt der Inhalt der Begutachtung? Deswegen ist die Beratung, die Pflegedienste, Pflegestützpunkte und Kassen im Vorfeld anbieten, unheimlich wichtig. Wenn man überlegt, einen Pflegeantrag zu stellen, sollte man sich im Vorfeld alle wichtigen Informationen holen. Das ist gut investierte Zeit. Wenn man sich hinterher ärgert oder einen Widerspruch schreiben muss, ist das sehr viel aufwendiger und kostet alle nur Kraft, die man wirklich besser hätte investieren können.

Wo kann man sich informieren?

Neben den Kassen dürfen auch Pflegedienste oder unabhängige Pflegeberater beraten. Oder wenn man sagt, nee, das ist alles noch nicht meins, ich weiß gar nicht, ob das für mich relevant ist, oder ich möchte etwas erfragen, wie zum Beispiel Rentenleistungen bei Inanspruchnahme von Pflegegeld, dann kann man sich auch gerne an uns wenden, weil hier auf anonymer Basis alles nachgefragt werden kann, ohne dass man Sorge haben muss, dass die Pflegekasse davon erfährt oder dass es Geld kostet oder irgendwelche Daten gespeichert werden. Das ist dann unser Part: Die Antworten zu besorgen, die nötig sind.

Versuchen Betroffene eigentlich beim Festsetzen der Pflegestufe, die eigene Pflegebedürftigkeit herunterzuspielen und die Situation schönzureden?

Die Situation wird tatsächlich in der Regel von den Pflegebedürftigen als besser geschildert, als sie ist. Während die Angehörigen sagen, Mensch, das ist schon ein Pflegebedarf, ich merke, wie viel Zeit ich investiere, sagt der Betroffene: Ach, das geht schon, weil er gar nicht sieht, wie die Hilfeleistungen langsam ansteigen.

Die eigene Pflegebedürftigkeit als Tabuthema?

Manche Dinge werden einfach nicht angesprochen, das ist aber auch ganz normal, gerade in Bereichen wie Wasser halten können oder nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich jedem das so erzählen möchte. Aber dann passt das Ergebnis nicht zur Realität, weil man den Bereich so beschönigt hat.

Wie sollten sich die pflegenden Angehörigen in so einer Situation verhalten?

Das sollte man im Vorfeld miteinander besprechen. Und dem Betroffenen einmal tief in die Augen schauen und klarmachen, dass man zwar weiß, dass es ein unangenehmes Thema ist, aber eben unheimlich wichtig, das zu besprechen. Das ist so ein Tipp: Vorher mit dem Gutachter ein Vier-Augen-Gespräch führen über Dinge, die unangenehm sind. Dann kann der Gutachter das Thema im Gespräch vermeiden. Das ist eine gute Sache, um auch ältere Angehörige nicht dazu zu zwingen, Dinge anzusprechen, die sie nicht angesprochen haben wollen.

Oft haben pflegende Angehörige inzwischen das Problem, Beruf und Pflege miteinander zu vereinbaren...

Das ist tatsächlich der Großteil der Leute, die wir beraten. Die fragen nicht, wie sieht das aus, was kostet eine Leistung in der ambulanten Pflege oder wo finde ich einen Pflegedienst, die fragen wirklich gezielt danach, wie die Pflege der Eltern trotz Beruf gelingen kann.

Wenn der Arbeitgeber im Familienbündnis aktiv ist, dann hat die Personalabteilung eine Mappe, in der viele Fragen beantwortet werden zur Vereinbarkeit Pflege und Beruf. Auch die Möglichkeiten von Pflegezeit oder auch, sich jemanden ins Haus zu holen, wird dann in der Beratung in allen Varianten mitbedacht und mitbesprochen.

Spätestens, wenn die Pflege in Richtung Langzeit tendiert, wird es relativ schnell teuer. Wo finden die Angehörigen Hilfe?

Wenn die Pflege so zugenommen hat, dass wir uns um eine stationäre Unterbringung kümmern müssen, dann nenne ich den Ansprechpartner im Bereich der Hilfe zur Pflege. Dort können sich die Menschen unverbindlich beraten lassen. Typische Fragen sind: Wie sieht es mit der Übernahme von Kosten aus? Wann sind wir Kinder dran? Was darf Mama noch an Eigenkapital haben? Mit allen Infos lässt sich dann auch eine wirklich gute Entscheidung treffen.

Das gilt natürlich genauso für die häusliche Versorgung, auch da rate ich dazu, wenn die Mittel mit Pflegekasse und Eigenmitteln nicht ausreichen, einen Antrag zu stellen und über das Sozialamt die Hilfe anzufragen. Wenn man es nicht versucht, bekommt man auch nichts.

Wichtig ist aber: Wenn man dann wirklich Hilfe benötigt, gilt immer ambulante Hilfe vor stationärer Pflege.

Und wenn die pflegenden Angehörigen selbst in die Knie gehen?

Das passiert tatsächlich relativ häufig, dass man anruft und sagt, ich kann nicht mehr. Wenn solche Anrufe kommen, dann ist meist wirklich Not am Mann, dann kriegen die auch relativ schnell einen Termin. Da fließen auch manchmal viele, viele Tränen.

Wichtig ist, dass die Leute keine Scheu haben, Beratung in Anspruch zu nehmen, und dass sie wissen, dass sie sich immer vertrauensvoll an Beratungsstellen wenden können, wenn ein Problem auftritt.

Gibt es eigentlich Urlaub für pflegende Angehörige?

Ja. Da gibt es zwei Parameter, einmal die Verhinderungspflege, die die Kasse bezuschusst. Das heißt: Wenn ich Urlaub mache, kann ich jemand anderen beauftragen, die Versorgung zu übernehmen.

Aber man kann auch zusammen mit dem Pflegebedürftigen Urlaub machen. Ich habe hier viele Adressen, wo man sich gemeinsam ein Urlaubsangebot aussuchen kann. Im Idealfall können zum Beispiel Ehepaare in einem Haus unterkommen, der Pflegebedürftige wird dann als Kurzzeitpflegegast aufgenommen. Diese Möglichkeit kennen viele gar nicht.

Was wären Ihre Tipps in Sachen Vorsorge? Was sollte schon im Vorfeld geregelt werden?

Eine Vorsorgevollmacht ist tatsächlich Pflicht. Da kann man Sachen delegieren und macht so eine andere Person handlungsfähig. Und wenn die Vorsorgevollmacht die Pflicht ist, dann ist die Patientenverfügung die Kür. Da entscheide ich tatsächlich, was ich in besonderen Fällen tun will.

Aber trotzdem hilft die beste Vorsorgevollmacht nichts, wenn zum Beispiel die Wohnsituation eine Versorgung gar nicht zulässt. Daran sollte man früh genug denken, wenn zum Beispiel eine Renovierung ansteht.


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