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Pilotprojekt im Emsland Feuchte Farm für Torfmoose

Von Tobias Böckermann | 16.01.2016, 16:39 Uhr

Deutschlands Torfvorräte stehen nach jahrhundertelangem Abbau kurz vor ihrem Ende. Spätestens 2030 ist auch im Emsland Schluss. Deshalb sucht Klasmann-Deilmann, einer der größten Torfverarbeiter Europas, nach Ersatz. Das Unternehmen mit Sitz im emsländischen Groß Hesepe hat nun das weltweit größte Projekt zur Kultivierung von Torfmoosen gestartet.

Seit 103 Jahren verwandelt Klasmann-Deilmann Torf in Gartensubstrate und in alles andere, was man sonst noch daraus machen kann. Das Unternehmen ist erfolgreich: 165 Millionen Euro Umsatz standen 2014 zu Buche, 971 Mitarbeiter sind beschäftigt. Aber schon seit einigen Jahrzehnten steht fest, dass es im norddeutschen Stammland bald kaum noch Rohstoffe zu bergen gibt. Seit 1981 werden keine intakten Moore mehr entwässert, der Abbau findet nur auf Flächen statt, die bis dahin schon entwässert und oftmals landwirtschaftlich genutzt waren.

Rohstoff geht aus

Deshalb hat Klasmann-Deilmann schon vor Jahren diversifiziert und produziert nicht nur in Irland, sondern auch im Baltikum, wo es noch große Moore gibt. Dennoch muss auf Dauer Ersatz her, vor allem, wenn auch im Emsland weiter nennenswert produziert werden soll.

Hoffnung setzt das Unternehmen unter anderem auf „GreenFibre“, eine aufbereitete Holzfaser, die einen Teil des Torfes ersetzen kann. Auch Kompost kommt seit Jahren zum Einsatz, dazu Kokosfasern. Aber das reicht wohl nicht, um den großen Hunger nach Torf oder Torfersatz vor allem im professionellen Garten- und Gemüsebau zu stillen.

2014 wurden 3,23 Millionen Kubikmeter Endprodukte verkauft – bis 2020 will Klasmann-Deilmann den Anteil alternativer Ausgangsstoffe auf 15 Prozent erhöhen. Das Problem: Torf besitzt gerade für professionelle Anwender wichtige physikalische und biologische Eigenschaften, die andere Substrate so nicht bieten.

Erdgeschichte abkürzen

Deshalb liegt der Versuch nahe, die Erdgeschichte ein wenig abzukürzen und statt Torf dessen Ausgangsstoff, nämlich die Torfmoose, zu verwenden. Diese hauptsächlich aus Wasser bestehenden Pflanzen haben über Jahrtausende die Moore entstehen lassen. Sie wachsen an der Wasseroberfläche nach oben, während der unterirdische Teil der Pflanze abstirbt und nach unten sinkt. Unter Luftabschluss entsteht dann aus Torfmoos ganz langsam Torf, etwa ein Millimeter pro Jahr.

Nun also will Klasmann-Deilmann die Torfmoose direkt nutzen und dabei nicht deren natürliche Vermoorung abwarten. Bei der sogenannten Paludikultur geht es um die Gewinnung von Torfmoosen auf abgetorften Moorflächen. Das neue Pilotprojekt führt Klasmann-Deilmann unter anderem gemeinsam mit der Uni Hannover durch. Beteiligt sind weitere Forschungsinstitute, die Bundesstiftung Umwelt, der Landkreis Emsland und das Land Niedersachsen.

Projektleiter Jan Köbbing (Klasmann-Deilmann) hat das Vorhaben gemeinsam mit Geschäftsführer Moritz Böcking und Michael Perschl sowie Martha Graf von der Leibniz-Universität Hannover jetzt vorgestellt.

Zehn Hektar Versuchsfläche

Köbbing berichtete bei einer Rundreise zu den Projektflächen bei Twist und Geeste, seit den 1990er-Jahren liefen Versuche mit der sogenannten „Paludikultur“ (von „palus“ – lateinisch: „Sumpf, Morast“) in Kanada und seit dem Jahr 2000 auch in Deutschland. „Aber bisher nie in dieser Dimension.“ Das Projekt hat eine Laufzeit von Juli 2016 bis Juni 2018 und wird vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium unterstützt.

600000 Euro stehen für den Praxisteil zur Verfügung, 420000 Euro für den Wissenschaftsteil von Uni Hannover und Thünen-Institut (Braunschweig). Die Gelder für drei Doktorandenstellen wurden bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt beantragt.

Von Bulten und Schlenken

Um die Besonderheit des Zehn-Hektar-Versuches zu verstehen, muss man kurz das Moorwachstum beleuchten, denn es gibt verschiedene Arten von Torfmoosen. Die sogenannten Rasen- und Bult-Torfmoose leben – vereinfacht gesagt – auf leichten Erhöhungen im Moor, den Bulten. Die tiefer liegenden Zonen dagegen heißen Schlenken, und hier leben andere Torfmoose. Klasmann-Deilmann benötigt Bult-Torfmoose – und leider sind diese wesentlich schwieriger zu kultivieren als die Torfmoose der Schlenken. Dies gilt erst recht, wenn man es auf Schwarztorf versucht. Bisherige Kultivierungsversuche liefen fast immer auf Weißtorf, der aber im Emsland kaum noch vorhanden ist.

Genau diesen Komplex aus Herausforderungen will Klasmann-Deilmann mit dem Großversuch abdecken und lösen und dabei, wenn möglich, auch noch die Wiedervernässung von Mooren voranbringen.

136 Kubikmeter

Wie das gehen soll, erläuterten Jan Köbbing und Martha Graf. So hat Klasmann-Deilmann Ende 2015 zunächst insgesamt rund zehn Hektar eigene Flächen direkt nach der Abtorfung für den Versuch vorbereitet. Wassergräben und ein Bewässerungssystem sollen dafür sorgen, dass immer der passende Wasserstand ansteht.

136 Kubikmeter wertvolle Bulten-Torfmoose aus sechs verschiedenen Arten haben Mitarbeiter per Hand im „Wilden Moor“ bei Papenburg geerntet. Das schadete dem Gebiet nicht, als Ausgleichsmaßnahme wurde zudem störendes Gehölz entfernt und ein Damm repariert.

„Mit diesem Ausgangsmaterial haben wir zwei Dinge vor“, sagt Projektleiter Jan Köbbing. Zum einen werde im Provinzialmoor eine etwa fünf Hektar große sogenannte „Sphagnum-Bank“ eingerichtet, also eine Fläche, die auf Dauer Torfmoose zur Beimpfung weiterer Flächen liefern soll.

Auf einer weiteren Fünf-Hektar-Fläche sollen Torfmoose für wirtschaftliche Zwecke geerntet werden – wenn denn alles klappt. Damit die Moose anwachsen können und nicht austrocknen, werden sie entweder mit weißem Vlies oder Stroh abgedeckt. Die Ausbringung ist zum Teil bereits erfolgt.

Erkenntnisse zur Bewässerung

„Wir erhoffen uns Erkenntnisse über die richtige Art der Bewässerung“, sagt Jan Köbbing. Außerdem werde man sich am Ende mit der Frage beschäftigen, wie die Torfmoose geerntet und genutzt werden könnten.

Auch der Wert möglicher Torfmoosfarmen für den Naturschutz soll untersucht werden. Martha Graf von der Uni Hannover will der Frage nachgehen, inwieweit auf Torfmoosfarmen ein Lebensraum für gefährdete Arten und somit eine Win-win-Situation entstehen kann.

Bislang sei es so, dass in wiedervernässte Moore, die bis auf den Wasserstand weitgehend sich selbst überlassen blieben, bedrohte Arten bestenfalls sehr langsam zurückkehrten. Dies könne in Torfmooskultivierungsflächen durchaus anders sein und werde untersucht.

Positiv fürs Klima?

Außerdem wollen die Forscher gemeinsam mit dem Thünen-Institut aus Braunschweig den Einfluss der Kultivierungsflächen auf den Ausstoß von Klimagasen wie Kohlendioxid und Methan untersuchen. „Wir gehen davon aus, dass mit dem einsetzenden Wachstum der Torfmoose die Bindung von Treibhausgasen beschleunigt werden kann“, sagt Klasmann-Deilmann-Geschäftsführer Moritz Böcking.

Unter dem Strich ist man auf Unternehmensseite optimistisch, belastbare Forschungsergebnisse zu erhalten und damit vielleicht auf lange Sicht auch eine neue Perspektive. Parallel findet ein Austausch mit dem kanadischen Torfverband statt, der ähnliche Projekte verfolgt.

Bis zur ersten Ernte von gezielt angebauten Torfmoosen ist der Weg damit etwas kürzer geworden. Wenn alles gelingen sollte, wird sich am Ende dann die Frage stellen, auf welchen Flächen der Anbau betrieben werden kann.