Mit 16 in Gefangenschaft Kriegsheimkehrer aus Geeste-Osterbrock erinnert sich

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Geeste. „Als ich am 21. Dezember 1948 meine Entlassungspapiere in den Händen hielt, war endlich auch für mich der Zweite Weltkrieg, und was danach kam, zu Ende“, sagt Bernhard Vehring aus Osterbrock und ergänzt: „Es war das schönste Weihnachtsfest in meinem Leben.“ Seine Geschichte hat er der Meppener Tagespost erzählt.

Als 16-Jähriger war Vehring eingezogen worden. Das Kriegsende erlebte der Jugendliche in Josefstadt, heute Josefov in der Tschechischen Republik, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Krank und zu 70 Prozent kriegsversehrt, kehrte er als 20-Jähriger zurück ins Emsland. Heute ist es ihm ein Anliegen, über diese Jahre zu sprechen. Er möchte, dass seine Geschichte öffentlich wird.

Vehring war in der Hitlerjugend. Wie eigentlich damals fast alle Jugendlichen. „Man konnte sich dem nicht entziehen“, sagt der Osterbrocker. Ende Juli 1944, kurz nach seinem 16. Geburtstag, erhielt er in Lagern in Quakenbrück und Samern eine vormilitärische Ausbildung. Im Anschluss wurde er zum Volkssturm eingezogen. In Baccum wurde er zusammen mit anderen Jugendlichen, aber auch mit Senioren, ausgebildet an der Panzerfaust und am „Panzerschreck“, wie die Raketenpanzerbüchse 54 genannt wurde.

Am 4. Februar 1945 wurde er dann einberufen zum Arbeitsdienst nach Dötlingen. Dort absolvierte er einen militärischen Vorbereitungsdienst, bis er sich am 26. März in der Hindenburgkaserne der Wehrmacht in Oldenburg einfinden musste. „Wir machten zunächst Dienst in Zivilkleidung, weil es für uns keine Uniformen gab“, berichtet Vehring.

„Am 2. April, Ostermontag, erhielten wir dann plötzlich Uniformen und den Befehl, zu Fuß nach Bremen zu marschieren.“ Dort angekommen, ging es in Viehwaggons mit der Eisenbahn nach Böhmen, nach Josefstadt. „Wir waren etwa 200 Jugendliche, alle 16 oder 17 Jahre alt“, sagt der Osterbrocker.

Während in seiner Heimat die Alliierten vor Lingen standen, wurde Vehring zusammen mit seinen Kameraden gedrillt: etwa fünf Wochen lang – bis zum 8. Mai 1945. Der Tag begann mit großer Hektik: Die Rote Armee stand quasi vor den Toren der Kaserne. „Wir wollten rüber über den Fluss zu den Amerikanern“, erinnert sich der Osterbrocker.

„Unsere Gruppe wurde von einem Feldwebel angeführt.“ Da es keine Brücken in diesem Bereich gab, bestand nur die Möglichkeit, zum anderen Ufer zu schwimmen. Als seine ersten Kameraden ins Wasser sprangen, stand Vehring am Ufer. „Ich habe bitterlich wie ein kleines Kind geweint“, sagt er und erklärt, „ich konnte nicht schwimmen und hatte entsetzliche Angst, alleine zurückzubleiben.“ Der Feldwebel habe ihn dann in den Arm genommen. „Seine Worte höre ich noch heute: Bubi, mach dir keine Sorgen – auch du kommst rüber“, erinnert sich Vehring. In diesem Moment war die Gruppe der Kindersoldaten mit ihrem Feldwebel plötzlich umzingelt von russischen Soldaten.

„Wir wurden alle gefangen genommen“, sagt Vehring. Eine Wiese war sein nächstes Quartier. Etwa 50000 kriegsgefangene deutsche Soldaten wurden dort zusammengepfercht. „Sehr viele von ihnen waren in meinem Alter“, erinnert sich Vehring. Kampiert wurde unter freiem Himmel. „Jeder musste sehen, wie er zurechtkam.“ Zu essen habe es kaum etwas gegeben. „Ab und an einen halben Liter Wassersuppe, das war alles“, sagt er.

Nach und nach verlor er das Zeitgefühl. Noch im Sommer sei Bewegung in das Kriegsgefangenenlager gekommen. „Wir wurden in Gruppen zusammengefasst“, berichtet er. „Jeden Tag verließen etwa 2000 von uns mit Bewachern das Lager.“ Zu Fuß ging es zunächst nach Ungarn. An einzelne Orte kann er sich nicht erinnern. „In Ungarn wurden wir in Viehwaggons verladen, und es ging mit der Eisenbahn nach Rumänien.“ Zielort war Constanza am Schwarzen Meer. Ein Schiff brachte die Kriegsgefangenen dann nach Odessa.

„Dort wurden wir verteilt“, sagt Vehring. „Ich war in einer Schule untergebracht und musste auf dem Bau arbeiten.“ Nach vielleicht drei Monaten wurde Vehring verlegt. Seiner Erinnerung nach hieß der nächste Ort Bereslav, in der Nähe des Flusses Dnjepr. Auch dort wurde er als Arbeiter auf dem Bau eingesetzt. „Am 21. Januar 1946 erlitt ich auf der Baustelle einen schweren Unfall“, erinnert sich Vehring. Mit einer Karre voll Beton sei er unterwegs gewesen, als die Gerüstbretter unter ihm wegbrachen. „Ich fiel fast acht Meter in die Tiefe“, sagt der Osterbrocker. „Die Karre war mein Lebensretter.“ Die Bilanz des Unfalls: eine gebrochene Schulter und ein doppelter Schädelbasisbruch.

Vehring wurde in ein Lazarett gebracht, wo er etwa drei bis vier Monate gesund gepflegt wurde. „Ich war der einzige deutsche Patient dort“, sagt er. Als er soweit genesen war, dass er stundenweise wieder arbeiten konnte, war sein nächster Einsatzort eine Kolchose, wo er die nächsten vier bis fünf Monate verbrachte. Als er gesundheitlich wieder als „voll arbeitstauglich“ eingestuft wurde, ging es für Vehring in den Steinbruch.

Dort schuftete er tagein, tagaus. Die Kriegsgefangenen lebten in Baracken. „Ich habe dort zwei Emsländer getroffen, einer, er war einige Jahre älter als ich, kam aus Lengerich, ein Gleichaltriger kam aus Wettringen.“ Die Lebenssituation muss für die Männer schlimm gewesen sein. „Meine beiden Freunde starben dort“, sagt Vehring.

Die traurige Nachricht sollte er später den Angehörigen im Emsland überbringen. Vehring selbst hielt bis etwa Anfang September 1948 bei der Arbeit im Steinbruch durch. „Dann machte meine Gesundheit nicht mehr mit.“ Vehring zählt auf: „Ständige Schulterschmerzen, denn der Bruch war nicht richtig verheilt, eine chronische Bindehaut- und Hornhautentzündung, und außerdem war ich an Malaria erkrankt.“

Der Osterbrocker wurde zur Behandlung in ein Lazarett in Nikolajev in der südlichen Ukraine gebracht. „Am 20. November 1948 wurden nach dem Frühstück vier Namen aufgerufen“, erinnert sich Vehring. „Einer davon war meiner.“ Die vier Patienten mussten sich fertig machen. „Es hieß, dass wir, obwohl krank, nach Hause kommen.“ Es wurde ein Transport mit Kriegsheimkehrern zusammengestellt. Unter Bewachung ging es mit dem Zug von der südlichen Ukraine bis nach Frankfurt an der Oder. Dort stiegen sie in einen Zug um, der sie nach Göttingen beziehungsweise nach Friedland brachte.

Während der Zugfahrten lernte Vehring zwei gleichaltrige Heimkehrer kennen. „Wilhelm Schröer kam aus Lingen und Martin Krull aus Haselünne“, sagt der Osterbrocker über seine Bekanntschaften. Alle drei hätten das gleiche Ziel gehabt, eine damalige Krankenanstalt in Westerstede.

„Wir drei waren uns dann schnell einig, dass wir nicht direkt nach Westerstede fahren würden“, sagt Vehring. In Oldenburg hätten sie den Zug eigenmächtig verlassen. „Wir wollten nach Hause, zu unseren Familien.“ Da die Familie von Martin Krull ein Gärtnergeschäft betrieb, habe es dort ein Telefon gegeben. „Martin hat angerufen, und sein Bruder hat spontan gesagt, dass er uns mit dem Auto aus Oldenburg abholt.“ Und nicht nur das: Der Bruder von Martin Krull brachte für die Heimkehrer einen Picknickkorb gefüllt mit Schnittchen mit. „Wir haben während der Autofahrt ins Emsland alles aufgegessen“, sagt Vehring.

Etwa drei Kilometer von Clusorth-Bramhar entfernt bat der Osterbrocker darum, ihn aus dem Auto zu lassen. Mit einem Koffer in der Hand und dem Essgeschirr unter dem Arm trat er das letzte Stück des Weges an. „Ich wollte die letzten Kilometer allein sein, wollte laufen“, sagt Vehring. Seine Eltern und seine sechs Geschwister wussten nichts von seiner Heimkehr. „Es war Donnerstag, der 2. Dezember, gegen acht Uhr am Abend, als ich mein Elternhaus erreichte.“ Über die Wiedersehensfreude sagt er nur ein Wort: „Unbeschreiblich!“

Seinen 17., 18., 19. und 20. Geburtstag hatte Vehring in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht. „Die Jahre waren für mich geprägt von Hunger, Krankheit, von großer Einsamkeit und großer Sehnsucht nach zu Hause, nach den Eltern, den Geschwistern“, sagt er. Nun war dieser Tag, nach dem er sich all die Jahre gesehnt hatte, gekommen. Das Wochenende verbrachte er bei seiner Familie. Am Montagmorgen traten Vehring, Schröer und Krull gemeinsam die Weiterfahrt ins Krankenhaus nach Westerstede an.

„Ich hielt es dann dort vor Weihnachten nicht mehr aus“, sagt der Osterbrocker. Auf eigenen Wunsch sei er dort entlassen worden. Am 21. Dezember 1948 meldete er sich in Lingen und erhielt dort 70 Mark Entlassungsgeld. Vehring wurde eine Kriegsbeschädigung von 70 Prozent bescheinigt. An deren Folgen leidet er bis heute.

Bernhard Vehring heiratete 1953 und bekam zusammen mit seiner gleichaltrigen Frau Anna drei Töchter und einen Sohn. Die Familie lebt seither in Osterbrock. Tochter Gisela blieb zu Hause und kümmert sich heute um die Eltern. Wilhelm Schröer und Martin Krull sind bereits vor mehreren Jahren verstorben. Die drei Männer verband bis zuletzt eine Freundschaft.


Die Jugendorganisation der Nationalsozialisten hatte das Ziel der totalen Erfassung der Jugend und ihrer Beeinflussung im Sinne der Ideologie des Regimes. Ab dem zehnten Lebensjahr wurden die Kinder erfasst. Ging es in den Anfangsjahren um eine organisierte Freizeit, rückte spätestens mit Kriegsbeginn 1939 zunehmend bei den Jungen eine vormilitärische Ausbildung in den Vordergrund. Etwa ab 1944 wurden Hitlerjungen systematisch als Kindersoldaten von den Machthabern eingesetzt und missbraucht. Eine Statistik beziffert 60000 deutsche Gefallene unter 18 Jahren. Wie viele es tatsächlich waren, wird sich nicht mehr feststellen lassen.

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