Buschwald erinnert an Wilhelm Jüngst Ein Hochstapler als Moorpionier

Von Horst Heinrich Bechtluft

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Geeste. Er galt bislang als Pionier der Torfindustrie im Emsland. Denn schon fünfzig Jahre vor Errichtung des Heseper Torfwerks (1913) war Wilhelm Jüngst, geboren 1827 in Lingen, gestorben 1892 in Cincinnati/USA, bei der Verwertung des Rohstoffs an gleicher Stelle aktiv.

Allerdings müssen bei dessen angeblichen Erfolgen im Heseper Moor erhebliche Abstriche gemacht werden. Jüngst war nämlich ein ausgesprochener „Hochstapler“, wie ein aktuell erschienener Aufsatz nachweist.

Verfasser der Biografie im neuen Band 25 der Reihe „Emsländische Geschichte“ ist MT-Redakteur Manfred Fickers. Der Autor hat Spuren von Wilhelm Jüngst gefunden, die sich in vielfältigen Aktivitäten verzetteln: Der Mann versuchte sich als Buchhändler in Lingen und Quakenbrück, kaufte und verkaufte die Alte Posthalterei und gründete eine Eisengießerei in Lingen. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie Rheine – Emden im Jahr 1856 ließ seine Pläne nochmals höher fliegen. Schwarztorf sollte als Brennstoff der Lokomotiven und bei der Torfverkokung eingesetzt werden. Von der Gemeinde Stavern pachtete Jüngst 1857 ein großes Moorgrundstück zwecks Torfausbeute. Später musste die Kommune ihrem Geld hinterherlaufen.

Torfverkokung

Genau so erging es der Herzoglich Arenbergischen Domänenverwaltung in Meppen, von der Jüngst ab 1. Januar 1861 Teile des „Herrenmoores“ im Westen von Hesepe pachtete. Zuvor hatte der umtriebige Geschäftemacher mit einem Partner eine Gasanstalt und Kokerei in Lingen gegründet. Doch weder die Torfverkokung in Meilern, als deren „Erfinder“ Jüngst durch die Fachliteratur geistert, noch die Befeuerung der Hannoverschen Westbahn mit Torf brachten Erfolge. Diese stellten sich ausschließlich in den von Wilhelm Jüngst selbst verfassten Berichten und Werbeschriften positiv dar.

Die Wirklichkeit war sehr viel profaner. Bis heute erinnert ein Buschwald an der Hermann-Rüther-Straße in Hesepe an das ungeordnete Austorfen dieses zerfurchten Moorstücks durch Jüngst vor über 150 Jahren. 1866 klagten Heseper Bauern vor dem Obergericht in Meppen, dass der windige Unternehmer benachbarte Flächen für den Moorbrand unbrauchbar gemacht hätte. Seine Arbeiter hausten auf dem Moor in selbst gebauten provisorischen Hütten, die Jüngst allerdings als „Wohnhäuser“ bezeichnete.

Ledige Männer und Frauen

Dass „ledige Männer und Frauen in einer Hütte zusammenschlafen“, gefährde die Moral, heißt es in einem Beschwerdebrief der Dörfer Hesepe und Dalum. Der Unternehmer spricht von einer „Pferde-Eisenbahn“, die es nicht gab (lediglich hölzerne Spurgleise im Moor!), und von „sechs Emsschiffen“, bei denen es sich um kümmerliche „Emspünten“ gehandelt haben dürfte. Die Großsprecherei sollte zum Schluss dazu dienen, für eine geplante Aktiengesellschaft die Summe von 150.000 Talern Gesellschaftskapital zu sammeln. Zur gleichen Zeit saß die Arenbergische Domänenverwaltung auf 5.000 Talern unbezahlter Moorpacht. Am 3. Mai 1867 wurde das Konkursverfahren gegen Jüngst eröffnet.

Wilhelm Jüngsts Schulden wurden vermutlich zum großen Teil von seinem Vater, dem Superintendenten Christian Gottfried Jüngst, der aus Lingen fortzog, und von seinen beruflich erfolgreichen Brüdern beglichen. Er selbst wanderte nach seinem Bankrott in die USA aus, wo er am 5. Februar 1892 in Cincinnati/Ohio an den Folgen eines Schlaganfalls starb.


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