Hausgeburt statt Krankenhaus Mutter aus Geeste bringt ihr Kind zu Hause auf die Welt

Von Malte Goltsche

Glücklich und entspannt sind Johanna Koers und ihr Sohn Mats Elias. Foto: Malte GoltscheGlücklich und entspannt sind Johanna Koers und ihr Sohn Mats Elias. Foto: Malte Goltsche

Geeste. Johanna Koers hat ihr kleines Baby auf dem Arm und wirkt glücklich. Der kleine Mats Elias ist am 1. August geboren. Auch er scheint zufrieden, ist entspannt und gesund. Das Besondere an der Geschichte: Mats Elias wurde nicht in einem Krankenhaus geboren, sondern zu Hause in seinem Wohnzimmer.

„Ich wollte schon lange eine Hausgeburt“, sagt Mutter Johanna Koers. Die erste Schwangerschaft mit ihrer Tochter Tilda sei traumatisch gewesen, berichtet sie. Sie habe sich von den Ärzten unter Druck gesetzt gefühlt, einen Kaiserschnitt machen zu müssen. Das Kind sei zu leicht, werde nicht gut versorgt und der Kopf passe gar nicht durch ihr schmales Becken. Letztendlich hat sich Koers zum Kaiserschnitt durchgerungen, glücklich war sie damit aber nicht. Jetzt sollte es eine Hausgeburt sein, und ihr friedliches, gesundes Baby gibt ihr Recht. „Mats Elias ist tiefenentspannt, im Vergleich zu Tilda.“

Vor Krankenhausgeburt gewehrt

Die Tage vor der Geburt waren dann aber doch noch einmal stressig. Erneut gab es die Warnungen der Ärzte, dass das Baby zu leicht und unterversorgt sei. Koers sollte daraufhin bereits im Krankenhaus in die Wehen eingeleitet werden. Doch kurz bevor es soweit war, stand sie auf. „Ich bin einfach rausgegangen. Es hat sich für mich in dem Moment einfach nicht richtig angefühlt.“ Daraufhin suchte sie zusammen mit ihrem Mann Uwe nach einer Hebamme, die Hausgeburten durchführt und wurden bei Gerlinde Hüsemann fündig. Die Hebamme führt seit über 30 Jahren Hausgeburten durch, knapp 50 im Jahr. Bei ihr fühlten sie sich sofort gut aufgehoben. „Die Chemie hat beim ersten Treffen gepasst“, sagt Johanna Koers. Doch: Das erste Treffen fand zwei Tage vor der Geburt von Mats Elias statt. Wenig Zeit für eine ausreichende Geburtsvorbereitung. „Ihre Anwesenheit hat mir aber sofort Sicherheit gegeben. Sie ist so etwas wie eine leitende Mama“, sagt Koers.

Vor Geburt Film geschaut

Auch der Ablauf der Geburt war verhältnismäßig entspannt. „Wir haben um 20.30 Uhr sogar noch einen Film angemacht. Dann wurden die Wehen aber gegen 22 Uhr heftiger und es ging los. Dann war es für eineinhalb Stunden ziemlich heftig und zum Ende wieder entspannt. Mats Elias kam dann so gegen ein Uhr zur Welt“, erzählt Johanna Koers. Hebamme Hüsemann habe ihr außerdem sehr geholfen. „Die durchgehende Hebammenbetreuung bei einer Hausgeburt ist einfach sicherer. Ich hatte während der Geburt kein einziges Mal Angst.“ Nach der Geburt legten sich Mutter und Kind zusammen aufs Sofa zur Entspannung. Vater Uwe war dafür zuständig, das Wohnzimmer aufzuräumen.

Freunde haben Johanna Koers von einer Hausgeburt abgeraten. „Immer, wenn ich gesagt habe, dass ich eine Hausgeburt machen wollte, haben sie gesagt: ‚Bist du verrückt, du bringst dich in Lebensgefahr!‘“ Doch Johanna Koers war sich sicher. „99,5 Prozent der Geburten läuft ohne Komplikationen ab, das gilt auch für Hausgeburten. Die Leute reden dann immer nur von den Komplikationen, erwähnen aber nicht, wie viele Geburten ohne Probleme ablaufen. Wovor sollte ich da Angst haben?“ Koers hat sich auf ihre zweite Geburt sehr sorgfältig vorbereitet und unter anderem auch einen „Hypno-Birthing“-Kurs besucht, der ihr geholfen hat, die Schmerzen während der Geburt durch Konzentration zu kontrollieren.

Hebammen in schwieriger Situation

Besonders geholfen habe aber die führende Hand der Hebamme. Sie ist im Umkreis von 120 Kilometern nur eine von zwei Hebammen, die sich auf diese natürliche Art der Geburt einlassen. Sie findet es schade, dass nicht mehr Kinder außerhalb von Krankenhäusern und Geburtenzentren zur Welt kommen und bestätigt den Eindruck von Johanna Koers. „Die Frauen werden viel zu sehr verrückt gemacht. Die Ärzte verlassen sich auf ihre Technik und verlernen die klassischen Handgriffe. Ich erwarte da mehr Feingefühl und Rücksichtnahme. Man sollte immer eine normale Geburt anstreben, anstatt möglichst viele Kaiserschnitte zu machen.“ Für sie wird die Ausübung ihres Berufes immer schwieriger. Dafür sind vor allem die hohen Beiträge zur Haftplichtversicherung verantwortlich. 8100 Euro zahlt Hüsemann aktuell jährlich. Im nächsten Jahr werden die Beiträge sogar noch einmal erhöht. „Dabei ist mir trotz der vielen Jahre nicht ein Schadensfall bekannt, bei dem die Versicherung hätte einspringen müssen“, sagt Hüsemann. „Wir leisten gute Arbeit und kriegen immer nur auf den Deckel.“ Hausgeburten sind heutzutage sehr selten geworden, auch wenn die Zahl in den letzten Jahren wieder leicht ansteigt. Laut Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) wurden 2016 etwas mehr als zwei Prozent der Kinder außerklinisch geboren.

Mats Elias liegt immer noch seelenruhig auf den Armen seiner Mutter. Ihm geht es gut, trotz oder vielleicht gerade, weil er nicht in einem Krankenhaus geboren wurde. „Im Krankenhaus geht der intime Moment der Geburt unter“, meint Johanna Koers. „Wir sind auf jeden Fall unheimlich stolz, das Kind zuhause geboren zu haben.“ Der Erfolg gibt ihnen Recht.


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