Technik in der Region kaum verwendet Solardachziegel in Geeste helfen bei der Energiewende

Von Tobias Böckermann


Geeste. Klimawandel und Energiewende – schon lange wurde nicht mehr so intensiv über diese beiden zusammenhängen Themen diskutiert wie in diesen Tagen der Dürre. Ein Beispiel, wie man selbst zumindest großenteils klimaneutral zum Strom- und Wärmeproduzenten werden kann, liefert Daniel Sahnen aus Geeste. Er hat ein in der Region bisher einzigartiges Solardach gebaut.

Noch ist das Einfamilienhaus des Maschinenbauingenieurs im Baugebiet „Am Kottbree“ am Fuße des Geester Speicherbeckens nicht bewohnt, aber in wenigen Tagen wird Sahnen einziehen und dann vor allem Sonnenstrom vom eigenen Dach verwenden. Das ist soweit nichts Außergewöhnliches, wenngleich der Bau von Solarstromanlagen aufgrund sinkender Erlöse etwas aus der Mode geraten ist. Im Neubaugebiet „Am Kottbree“ gibt es jedenfalls keine weitere Anlage, wohl aber Solarthermiemodule, die mit Hilfe der Sonne warmes Wasser produzieren.

Daniel Sahnens Solardach ist als solches kaum zu erkennen: die Module wurden nicht wie üblich auf ein Ziegeldach aufgesetzt, sondern das gesamte Dach besteht aus Tonziegeln, in die Solarzellen integriert wurden. Solardachziegel sozusagen – „optisch attraktiv“, findet der Bauherr, weil unauffällig.

Energiewende von zu Hause

„Energiewende von zu Hause aus“ – unter diesem Motto hatte Sahnen vor zwei Jahren mit der Planung seines Einfamilienhauses begonnen. Er wollte so viel Energie wie möglich selbst produzieren und dabei kaum oder besser kein klimaschädliches CO2 erzeugen. Denn für ihn steht fest, dass die Energieversorgung komplett von fossilen Energieträgern wie Öl, Kohle und Gas entkoppelt werden muss. „Wegen des Klimawandels und weil die fossilen Rohstoffe endlich sind.“

Dass gewaltige Energiemengen jeden Tag kostenlos vom Himmel fallen und nur darauf warten, genutzt zu werden, war selten so eindrucksvoll zu erleben wie in diesen Tagen. Auch Sahnens Anlage läuft auf Hochtouren, seit sie vor drei Monaten noch während der Bauphase in Betrieb ging. Ein Zähler im Hauswirtschafts- und Installationsraum zeigt die Richtung an: er dreht sich rückwärts, gibt also tagsüber beständig Strom ins Netz ab. Aber auch wenn die Sonne nicht immer so intensiv scheinen wird, wie derzeit: Sahnen kann mit seinen 656 verbauten Solarziegeln meistens mindestens so viel Strom herstellen, wie er für seine Wärmepumpe benötigt, das zweite Standbein seines Energiekonzeptes. „Insgesamt komme ich voraussichtlich auf 60 bis 70 Prozent des Gesamteigenenergiebedarfes“, sagt er.

Ganzheitliches Konzept

Die Wärmepumpe heizt – verkürzt dargestellt - mit warmem Wasser aus dem Untergrund das Haus und die Solaranlage stellt den Strom für die Pumpe her. Damit verursacht also auch Sahnens Heizung beim Betrieb keine klimaschädlichen Emissionen – einen Erdgasanschluss hat er gar nicht erst einbauen lassen. Die Technologie ist in der Lage, aus einer Einheit hochwertigen Sonnenstroms vier bis fünf Einheiten Wärme herzustellen. Und weil die Erdwärmepumpe „teillastfähig“ ist, also nicht nur an oder aus geschaltet werden kann, sondern sich dem aktuellen Angebot an Solarstrom anpasst, wird die Anlage noch effizienter.

Und genau darauf kommt es dem Ingenieur an: Strom und Wärme werden effizient vor Ort produziert und müssen nicht über weite Strecken transportiert werden. Das minimiert Verluste. Und wenn dann noch ein hoher Grad an Elektrifizierung hinzukomme, steige die Effizienz der Anlage weiter, sagt er. „Auf Dauer werde ich ein Elektroauto fahren und es mit eigenem Strom betanken“. Den Rasen mäht Sahnen ebenfalls elektrisch, im Haus setzt er hocheffiziente Elektrogeräte ein. Das erhöht die sogenannte Eigenverbrauchsquote, also jenen Anteil vom selbst hergestellten Strom, den er nicht ins Netz einspeist und verkauft, sondern selbst verbraucht. Je höher diese Eigenverbrauchsquote, desto rentabler die Anlage, sagt der 36-Jährige.

Hersteller aus Brandenburg

Dass sich seine Solaranlage einst auch finanziell rentieren wird, das hat Sahnen ausgerechnet. Wann genau, das hängt vom Eigenverbrauch der kommenden Jahre ab. Aber die Rentabilität stand nicht im Vordergrund der Überlegungen, sondern die Überzeugung, dass die Energiewende nur gelingt, wenn möglichst viele mitmachen.

Sahnen ist beruflich nicht direkt mit der Energiewende beschäftigt und hat auch keine Vorteile, wenn er wie in diesem Fall auf Anfrage der MT-Redaktion über sein Solardach berichtet. Es stammt von einem Hersteller in Brandenburg und dürfte in einem Umkreis von 150 Kilometern das derzeit vermutlich einzige seiner Art sein. Die Ziegel sind wie normale Dachziegel zu verlegen, ihre zwei Kabel müssen lediglich mit Steckern verbunden werden. Weil die Solaranlage im Niederspannungsbereich arbeitet, geht von ihr im Brandfall keine Gefahr für Hausbewohner und Feuerwehr aus.

Energietechnik ist Daniel Sahnens Steckenpferd, die Energiewende nach seiner Überzeugung rational notwendig. Die häufigste Reaktion auf das Dach lautet übrigens: „Das wusste ich ja gar nicht, dass es so etwas gibt.“


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